Ein Sozialdrama obig die unerwiderte Liebe eines Arbeiters zu einer Aristokratin

Der Nachfolger des Milliarden-Hits „Super Mario Bros.“ führt in die Weiten der Galaxie. Wenn der Film wieder eine Geldmaschine wird, liegt das an einem Kult. In dessen Mittelpunkt steht nicht der Klempner, sondern eine Marke, deren Aura nur mit Apple vergleichbar ist.

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Ein Film über einen italienischen Klempner mit Schnurrbart, Schiebermütze und Wohlstandsplauze, der bei jeder Herausforderung erstmal „Mamma Mia“ stöhnt. Was wie die Neuauflage eines 60er-Jahre Arthouse-Dramas aus dem römischen Subproletariat oder wie ein anstrengender bundesdeutscher Problemfilm à la Fassbinder über Gastarbeitermilieus klingt, kommt tatsächlich aus Japan und den USA.

„Super Mario“, diese Figur, die ursprünglich „Mr. Video“ und „Jumpman“ hieß und eigentlich Zimmermann statt Klempner war, ist der Vater aller Videospielhelden. Mit „Der Super Mario Galaxy Film“ bringt Nintendo nun den zweiten Film innerhalb kurzer Zeit heraus. Der 2023 erschienene Vorgänger „Super Mario Bros.“ war ein knallbuntes Kassen-Monster, das in den Kinos insgesamt 1,36 Milliarden US-Dollar einsammelte – bei einem Budget von lediglich 100 Millionen Dollar. In der Liste der erfolgreichsten Filme aller Zeiten hüpfte der Streifen auf den 18. Platz; dass er damit zugleich die erfolgreichste Videospielverfilmung aller Zeiten ist, versteht sich da fast schon von selbst.

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Der Erfolg des „Super Mario Bros.“-Film aus 2023 liest sich als Hinweis auf ein verändertes Verhältnis zwischen Film- und Videospielindustrie. Die seit den 1980er-Jahren gültige Regel, wonach auf einen Hollywood-Blockbuster die Gaming-Industrie mit einem meist halbgaren Spiel hinterherlief, gilt so nicht mehr. Als legendär schlechtes Beispiel sei etwa das 1982 erschienene Atari-Videospiel „E.T. – Der Außerirdische“ erwähnt, das zum gleichnamigen Blockbuster von Steven Spielberg erschien. Das in wenigen Wochen zusammengeschusterte Spiel war praktisch unspielbar und floppte dermaßen an den Kassen, dass Atari hunderttausende unverkaufter Module in der Wüste von New Mexico verbuddelte. Nein, mittlerweile gibt die Spieleindustrie immer öfter den Ton an, wie die 2023 erschienene Verfilmung von „Gran Turismo“ oder der „Minecraft Movie“ aus 2025 zeigen. Die Serie „The Last of Us“ auf Vorlage des gleichnamigen Playstation-Spiels avancierte gar zu einem der größten HBO-Erfolge der letzten Jahre.

Mario-Themenpark mit raren Retro-Vibes

Aber worum geht es jetzt eigentlich im „Super Mario Galaxy Film“? Schwer zu sagen, aber seien wir ehrlich, gibt es auch nur einen Spieler, der jemals sein „Super Mario“-Cartridge in den Nintendo-Schlitz gesteckt hat, weil er eine ausgefuchste Handlung erleben wollte? Daher ein Versuch in gebotener Kürze: „The Super Mario Galaxy Movie“ fungiert mehr als Mario-Themenpark denn Film. Die lose Episodenstruktur katapultiert Mario, Luigi und das Dinosaurier-Viech Yoshi auf verschiedene Planeten der „Sternentor-Galaxie“, wo sie es jeweils mit Gegnern zu tun bekommen.

Warum tun sie das? Ganz einfach, weil wie immer in „Super Mario“ mal wieder jemand entführt wurde, dieses Mal aber nicht Prinzessin Peach, sondern die ätherische Frauengestalt namens „Rosalina“. Besagte „Rosalina“ wird für Nintendo-Veteranen unbekannt klingen. In der Tat hatte die Frau erst im Videospiel „Super Mario Galaxy“, das 2007 für die Nintendo Wii erschien und dank der Portierung auf die „Switch“ im letzten Jahr in den Top 20 der meistverkauften Videospiele in Deutschland war, ihren ersten Auftritt.

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Täter der diesmaligen Entführung ist jedenfalls „Bowser junior“, Sohn des altgedienten Schildkrötenschufts „Bowser“. Dieser braucht die Superkräfte der aus Sternenstaub geschaffenen Rosalina, um irgendeine große Kanone abzufeuern, mit der er die ganze Galaxie in Schutt und Asche legen möchte. Als Prinzessin Peach davon erfährt, macht sie sich auf den Weg in Richtung „Bowser Planet“, um Rosalina zu retten, Mario reist wiederum Prinzessin Peach hinterher, um ihr zu helfen und endlich ihr Herz zu gewinnen. „Super Mario“, das war immer schon auch ein Sozialdrama über die unerwiderte Liebe eines Arbeiters zu einer Aristokratin.

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Wie dreht man also einen Film zu einer Videospielreihe, in dem es hauptsächlich ums Rennen und Hüpfen geht? „Der Super Mario Galaxy Film“ gibt darauf eine recht simple und wenig überzeugende Antwort. Die besten Momente dieses über weite Strecken dahinplätschernden Films sind jene, in denen dann auch tatsächlich mal ein Videospiel-Gefühl aufkommt. Etwa, wenn Mario Feuer verschießt oder in Röhren klettert und dabei die klassischen 8-Bit-Sounds aus der Ära der original Nintendo-Konsole von 1985 erklingen. Oder wenn der grundsätzlich nach solidem „Pixar-Standard“ animierte Film in die 2D Sidescroller-Perspektive wechselt und Mario plötzlich in NES-Optik von Plattform zu Plattform hüpft. In diesen leider nur rar gesäten Momenten stellt sich dann kurz wirklich das Mario-typische „Flow“-Gefühl ein: der Bildschirm zuckelt nach rechts, der – vermeintliche – Controller in der Hand verschmilzt mit dem Betrachter, die Technik wird eins mit Auge und Hand.

Nintendos radikale Sicht aufs Spiel

Dieser sich bei Nintendo-Spielen schnell einstellende „Flow“-Zustand war seit je her das Geheimrezept der japanischen Traditionsmarke aus Kyoto, die bereits im 19. Jahrhundert Spielkarten herstellte. In Sachen Hardware als auch Handlung war die Konkurrenz den Japanern schon immer voraus. Was somit für den flüchtigen Betrachter schnell abgehängt und nerdig wirkte, war in Wahrheit eine radikale Sicht auf das Konzept des „Spielens“ selbst.

Die britische Journalistin Keza MacDonald fasst es in der Einleitung ihres im Februar erschienenen Buchs „Super Nintendo: How One Japanese Company Helped the World Have Fun“ wie folgt zusammen: „Wenn man den Menschen verstehen will, muss man das Spiel verstehen. Wenn man das Spiel verstehen will und wie es sich in der modernen Welt manifestiert, muss man Videospiele verstehen. Und wenn man Videospiele verstehen will? Nun, dann muss man auf Nintendo schauen.“ Auf diesem radikalen Ansatz auf das Konzept „Spiel“ gründet sich der ganze Kult um die Marke Nintendo. Das einzige Technologie-Unternehmen, dem es gelungen ist, eine ähnliche fanatische Anhängerschaft um sich zu scharen, war auf der anderen Seite des Pazifiks Apple zu Zeiten von Steve Jobs.

Obwohl also „Der Super Mario Galaxy Film“ nicht an den Witz und Esprit seines Vorgängers anschließen kann, wird Mario dank seiner treuen Fans vermutlich abermals astronomische Mengen an Talern an den Kinokassen einsammeln. Mamma Mia.

Source: welt.de