Dokumentarfilm | „Siri Hustvedt – Dance Around the Self“: Von welcher Wut unterschätzt zu werden

Sabine Lidl ist hat in ihrem Dokumentarfilm nicht nur die Autorin Siri Hustvedt porträtiert. Ihr ist es gelungen, Hustvedts fluides und interdisziplinäres Denken spürbar zu machen


Ihren Schriften sind eine faszinierende Verbindung von tiefer Poesie, vielschichtiger Reflexion und pointierter Schärfe: Siri Hustved

Foto: Medea Film Factory / Dschoint Ventschr /Meret Madörin


Iris, eine tiefgründige junge Frau, ist aus der ländlichen Enge Minnesotas zum Studieren nach New York gezogen. Sie genießt die Auflösung in der Menschenmenge der Metropole und lässt sich tagtäglich durch die vertrauten Straßen treiben, in denen sie sich blind zurechtfindet. Im Aufzug ihres alten Mietshauses in der West 109th Street kommt es eines Tages zu einer Vergewaltigung.

Iris kennt das Opfer nicht, doch das Ereignis schreibt sich auf unheimliche Weise in ihr Leben ein. Sie beginnt, sich als Mann zu verkleiden und mit aggressiver Intensität unter falschem Namen im Nachtleben umherzustreifen. Anzug, Krawatte und Hut sind dabei nicht bloß schützende Rüstung, sondern Objekte innerer und äußerer Verwandlungen.

Iris ist ein Anagramm des Vornamen Siri. Die Protagonistin des Romans Die unsichtbare Frau (1993) verweist auf ihre Autorin und ist doch nicht einfach mit ihr identisch. Die Orte und das mit ihnen verbundene Erleben seien real, die Ereignisse jedoch nicht, erläutert die Schriftstellerin und Essayistin Siri Hustvedt beim Lesen aus ihrem literarischen Debüt vor der Kamera.

Immer wieder sei ihr Schreiben als bloße Nacherzählung des eigenen Lebens abqualifiziert worden. Subsumiert unter der sexistischen Unterstellung, Frauen seien nicht in der Lage, reine Fiktionen zu erschaffen und von sich selbst zu abstrahieren.

Bücher als offene Fenster

Die Werke Hustvedts sind wie offene Fenster eines Hauses, dessen Innenräume sich als verführerisches Labyrinth entpuppen. Sabine Lidl nutzt in ihrem Dokumentarfilm Siri Hustvedt – Dance Around the Self Passagen der Romane und Essays für ihren Film als Ankerpunkte eines Porträts, das noch viel mehr ist als die Biografie einer faszinierenden Intellektuellen: die Entfaltung eines fluiden, interdisziplinären Denkens bei der Arbeit, als filmisches Vexierspiel.

Hustvedt stellt sich dem Publikum in ihren privaten Räumen lesend vor, der Klang ihrer Worte verbindet sich dabei mit assoziativen Bildwelten. Eine Schauspieler*in verkörpert ihr literarisches Alter Ego in körnigen Super-Acht-Aufnahmen, die sich mit Stadtbildern des gegenwärtigen New Yorks überlagern. Ephemere Zeichnungen von Hustvedt werden als dynamische Figuren animiert, die den Film rahmen und verschiedene Phasen der persönlichen und künstlerischen Entwicklung verkörpern.

So beispielsweise die der Baronin Elsa von Freytag-Loringhoven, einer nahezu unbekannt gebliebenen deutschen Künstlerin des Dadaismus. Drei Tage lang schreibt Hustvedt in einem Archiv ihre unveröffentlichten Gedichte ab, als sie für ihren Roman Memories of the Future recherchiert.

Als „Baroness“ verewigt sie die wie ein Proto-Punk gekleidete Visionärin als Zeichnung mit einem zum Himmel erhobenen Messer. Es gilt mittlerweile als erwiesen, dass Marcel Duchamp die Idee für sein berühmt gewordenes Urinal, das die moderne Kunst revolutionierte, von der zuvor verstorbenen Kollegin gestohlen hat. Jemanden aus der Geschichte herauszuschreiben, sei Mord, kommentiert Hustvedt im Film mit Bitterkeit.

Die Demütigungserfahrung durch den Mann ist eines ihrer Themen

Die feministische Auseinandersetzung mit Unsichtbarmachung und Demütigung durch Männerfiguren und einer patriarchalen (akademischen) Gesellschaftsordnung durchzieht ihr vielseitiges Werk und die persönliche Biografie wie ein roter Faden. So beschäftigt sie sich ebenfalls intensiv mit der spät entdeckten Künstlerin Louise Bourgeois und nimmt deren Werk Destruction of the Father zum Anlass einer autofiktionalen Auseinandersetzung mit der eigenen unterdrückten Wut und Kränkung durch männliche Unterschätzung.

Das Faszinierende an Hustvedts Schriften ist dabei die einzigartige Verbindung von tiefer Poesie, vielschichtiger Reflexion und pointierter Schärfe. Sie interessiere sich nicht für Erzählungen, die feministische Probleme in Narrative von heroischen Überlebenden oder verwerflichen Sündenböcken aufteilten, erklärt sie an einer Stelle. Sie verstehe ihre Arbeit als einen Tanz um das Selbst als Objekt und als Erzähler. Das Schreiben ermögliche ihr, schwierige Gefühle zu ironisieren, zu verkomplizieren und damit zu bearbeiten.

Das zutiefst Persönliche verbindet sich dabei stets mit wissenschaftlichen Fragestellungen, die verschiedene disziplinäre Felder zusammenbringen. So führen psychosomatische Symptome Hustvedts wie schwere Migräne oder Zitteranfälle zu Recherchen über die Kulturgeschichte der Hysterie und neurowissenschaftlichen Erkenntnissen zu Wechselwirkungen zwischen Gehirn und Umwelt.

Als ihr Mann Paul Auster starb

Der Film selbst wird unerwartet auch Dokument einer gravierenden persönlichen Erfahrung: dem Tod ihres Ehemannes Paul Auster, dem Sabine Lidl kurz zuvor ein Porträt gewidmet hatte. So ist Dance Around the Self nicht nur Teil eines filmischen Diptychons über ein außergewöhnliches Schriftstellerpaar, sondern auch ein bewegender Einblick in ihre letzte gemeinsame Zeit sowie der persönlichen und künstlerischen Trauerarbeit nach Austers Versterben.

Damit ist Sabine Lidl nicht nur ein intellektuell ungemein anregender Film gelungen, dem es durch die Verknüpfung vieler Ebenen wirklich gelingt, Siri Hustvedts Werk nicht nur zu illustrieren, sondern seine ästhetische Verfahrensweise erfahrbar zu machen. Zugleich ist es auch ein Porträt der tiefen Bezogenheit zweier Menschen, die einander nicht nur Mann und Frau waren, sondern erste Leser und „Lebensmenschen“.

Siri Hustvedt – Dance Around the Self Sabine Lidl Deutschland/Schweiz 2026, 110 Minuten