BASF-Werk: Herr Thiel ist am Ziel

An der Kreuzung der Straßen N4 und E4 bittet Joachim Thiel seine Besucher aus dem klimatisierten Bus nach draußen in die tropische Hitze. Hier schlage das Herz des neuen BASF-Werks, sagt er, das sollen alle sehen können. Und hören. Ein pfeifendes Dröhnen erfüllt die schwüle Luft. So lärmt der heiße Dampf, der unablässig von Anlage zu Anlage durch die Rohrleitungen gepresst wird.

Gleich hinter Thiel strecken sich silbern glitzernde Türme in die Höhe, dort wird Ethylenoxid hergestellt, das später vielleicht zu PET-Flaschen, Folien oder Lacken weiterverarbeitet wird. Schräg gegenüber steht die Butanol-Anlage, deren Produkte sich eines Tages in Klebstoffen, PVC-Böden und Bremsflüssigkeit wiederfinden werden. Und einen Block weiter sind die sechs großen Öfen des wuchtigen „Steamcrackers“ zu sehen, in denen bei 900 Grad Celsius und hohem Druck Rohbenzin und Butangas in ihre Bestandteile aufgespalten werden.

Joachim Thiel begutachtet das Industriegefüge mit einem Schöpferblick, als müsste er gleich sagen: Und siehe, es war gut.

Neues Werk in Südchina für neun Milliarden Euro

Der Konzern aus Ludwigshafen hat am vergangenen Donnerstag einen neuen Standort in Südchina eröffnet, rund 9000 Kilometer Luftlinie südöstlich vom Stammwerk am Rhein. Das Megaprojekt beschäftigt BASF seit bald acht Jahren. Es hat fast neun Milliarden Euro gekostet, die größte Einzelinvestition in der seit 1865 währenden Firmengeschichte – und die bisher größte Investition eines deutschen Unternehmens in China. Autofabriken sind dagegen ein Klacks.

Entsprechend groß wurde die Sache nun begangen. In der langen Reihe der Ehrengäste vor der Bühne saß ein leibhaftiges Mitglied des Pekinger Politbüros mittig gleich neben BASF-Chef Markus Kamieth. Prominenz aus den oberen Konzernetagen und aus Chinas politischer Hierarchie schloss sich an. Wirtschaftsministerin Katherina Reiche schickte aus Berlin eine Videobotschaft. Ganz außen war einer der wuchtigen weißen Sessel samt dem hier bei jedem Wetter obligatorischen Teetasse für Joachim Thiel reserviert.

Wenn sich in dieser ersten Reihe einer kurz als Schöpfer fühlen dürfte, dann war er es: der Bauleiter. Die in der Spitze 35.000 Bauarbeiter, die hier geschuftet haben, waren ja nicht dabei.

Erfolgreiche Brüder

Thiel kam in Mannheim zur Welt, der Nachbarstadt von Ludwigshafen. Wie das Stadtzentrum dort ist auch das Chemiewerk im Schachbrettmuster angelegt. In Mannheim sind es rund 140 Blöcke, hier 72. Zehn Straßen führen von Nord nach Süd und zehn von West nach Ost. Auf dem Lageplan findet man E4/N4 schnell.

Zu BASF kam Thiel gleich nach dem Studium und Thermodynamik-Promotion. Inzwischen ist er 59 Jahre alt und hat immer noch denselben Arbeitgeber. Dass sie ein solches Urgestein nach China geschickt haben, im BASF-Jargon ein echter „Aniliner“, um diesen Neubau hinzustellen, war ein kluger Zug der Konzernstrategen.

Nur echt mit eigener Teetasse: Joachim Thiels Ehrenplatz in Zhangjiang
Nur echt mit eigener Teetasse: Joachim Thiels Ehrenplatz in ZhangjiangSebastian Balzter

Denn in Ludwigshafen geht die Furcht um, das nigelnagelneue Werk in Fernost werde dem Stammsitz schaden, ihm Aufträge und Arbeitsplätze wegnehmen. Die Manager rechnen gebetsmühlenhaft vor, das sei nicht der Fall. Aber noch wirksamer gegen die Verlagerungsthese wirkt es, wenn Joachim Thiel in beruhigend weichem südwestdeutschem Ton die zungenbrecherischen Namen von mehr als 30 Produktionslinien des neuen Standorts herunterrattert – ausgerechnet jene Handvoll aber auslässt, die zuletzt in Ludwigshafen stillgelegt wurden.

In seiner Freizeit hat es Joachim Thiel als Handballtorwart einst bis in die dritte Liga gebracht. Sein älterer Bruder Andreas war auf derselben Position eine Ecke besser; zwischen 1980 und 1996 stand er als umjubelter „Hexer“ im Tor der deutschen Nationalmannschaft. In einer anderen Disziplin hat der ein Jahr jüngere Bruder die Nase vorn. Joachim Thiel hält ein Patent für ein Verfahren zur Verarbeitung von Acrylsäure. Beiläufig zeigt er bei der Rundfahrt in Zhanjiang auf die Anlage, in der diese Technik bis heute eingesetzt wird.

„Ich bin Industrieromantiker“

Den Job in China nahm Thiel im Sommer 2019 an. Er zog dafür in die Küstenstadt Zhanjiang, in eins der Wohnhochhäuser am Südchinesischen Meer. Das Haus daheim an der Weinstraße hütet derweil seine Ehefrau. Er liebe die Pfalz, beteuert Thiel vor den Journalisten aus Deutschland, die er nach der Eröffnungsfeier durch das neue Werk führt. Es gefalle ihm indes auch in Südostasien prächtig, und die chinesische Leistungslust sei beeindruckend.

Aber selbst wenn das anders wäre: Wo sonst hätte es die Gelegenheit gegeben, ein vier Quadratkilometer großes Freigelände zu der bis auf Weiteres modernsten Chemiefabrik der Welt zu machen, samt einem eigenen Tiefseehafen? Davon dürfen die allermeisten Anlagenbauer im Lauf ihres Berufslebens nur träumen.

„Ich bin Industrieromantiker“, sagt Thiel. Dabei geht es ihm nicht etwa um eine ästhetische Vorliebe für verfallende Backsteinwände. Sondern um den Glauben daran, dass der technische Fortschritt ein Segen für die Welt sein kann. Das neue Werk sei nach allen Regeln der Ingenieurskunst geplant und mit den neuesten Apparaten ausgestattet, versichert Thiel. Deshalb komme es mit viel weniger Energie und Rohstoffen aus als andere Standorte, könne komplett mit Grünstrom betrieben werden und stoße daher viele Millionen Tonnen Kohlendioxid weniger aus. Davon soll nebenbei das Geschäft beflügelt werden.

Das aber wird erst die Zukunft weisen. Schon amtlich ist es dagegen, dass Thiel und seine Leute es hinbekommen haben, mit ihrem Großprojekt pünktlich fertig zu werden und dabei sogar leicht unter ihrem Budget zu bleiben. Ein kleines Wunder, heißt es aus der BASF-Führungsriege. Fast schon Hexenwerk. Aber wir sind ja nicht beim Handball.