Novak versus Sweeney: Die Frau wie Leinwand fremder Wünsche
Dass Sydney Sweeney Kim Novak verkörpern soll, klingt gleichermaßen naheliegend wie falsch. Naheliegend ist es wegen jenes Sexsymbol-Images, gegen das sich die eine zeitlebens gewehrt hat und mit dem die andere heute spielt; falsch ist es aus demselben Grund. Die Filmproduktionsgesellschaft Miramax hat das Biopic „Scandalous!“ angekündigt: die Liebesgeschichte der Hollywoodschauspielerin Kim Novak mit dem afroamerikanischen Entertainer Sammy Davis Jr. in den Fünfzigerjahren. Sie endete jäh, als Columbia-Boss Harry Cohn, alarmiert vom drohenden Skandal einer Beziehung zwischen seinem weißen Star und einem schwarzen Entertainer, Davis durch angebliche Mafia-Kontakte bedrohen ließ.
Das Drehbuch stammt von Matthew Fantaci; Sweeney soll zudem als ausführende Produzentin an dem Film mitwirken. Für die Regie, so sagt sie selbst, habe sie Colman Domingo gewonnen. Sweeney will den Stoff also nicht nur spielen, sondern auch formen. Darin lässt sich der Versuch erkennen, dem Bild des sexy Blondchens eine weitere Dimension hinzuzufügen. Der Stoff gäbe das jedenfalls her: Novak, weißer Star des Columbia-Studios, und Davis, schwarzer Sänger, Entertainer und Schauspieler, wurden als Paar in einem Amerika sichtbar, das für eine solche Sichtbarkeit keine andere Sprache kannte als die des Skandals.
Kokettieren mit dem „Dumb Blonde“-Image
Kim Novak allerdings möchte dafür nicht herhalten. In einem Interview mit „The Times“ sagte die heute Dreiundneunzigjährige, Sydney Sweeney sei für die Rolle „völlig falsch“, denn sie „falle oberhalb der Taille zu sehr auf“. Man kann das als die Sorge lesen, die Besetzung drücke die Geschichte in jene Lesart, gegen die Novak ihr Leben lang angeschrieben hat: die Frau zuerst als Körper, erst danach als Figur. Sie nennt es ein Handicap, „pretty“ zu sein — alle hätten hingesehen, kaum jemand zugehört.

Dabei war Novak nie nur der blonde Star der Studiozeit, sondern eine Schauspielerin, deren prägende Rollen genau diese Zuschreibung unterlaufen: In „Picnic“ ermüdet sie daran, über ihr Aussehen definiert zu werden; in „Vertigo“ wird sie zur Projektionsfläche eines Blicks, der sie formt, bis kaum noch etwas Eigenes von ihr übrig bleibt. Vor diesem Hintergrund weist Novak Sweeney zurück: Zu groß sei die Gefahr, dass der Film ins Sexuelle kippe, weil Sweeney, so Novak, „sexy all the time“ wirke. Novaks Urteil hat etwas Widersprüchliches, reproduziert sie darin doch ebenjene reduzierende Logik, die sie selbst zurückweist.
Sydney Sweeney, die in Hollywood als ehrgeizig und strategisch gilt, hat ihre Laufbahn bislang eher innerhalb dieser Logik aufgebaut als gegen sie. Viele ihrer Rollen folgen demselben Muster: Körperpräsenz, erotische Ambivalenz, aufgeladene Verletzlichkeit. In „Euphoria“ und zuletzt in „The Housemaid“ variieren ihre Figuren immer wieder dieselbe Mischung aus Unschuldsgeste und Verfügbarkeit, die mit ihrem „Dumb Blonde“-Image kokettiert.
Sie verbindet mehr, als Novak meint
Hinzu kommt, dass diese Projektionslogik, der sie sich damit aussetzt, längst nicht mehr nur erotisch, sondern auch politisch aufgeladen ist. Nach Familienfotos mit MAGA-Symbolen und der zweideutig gelesenen Jeans-Kampagne von American Eagle haben Teile des rechten Onlinemilieus Sweeney zur Ikone einer „klassischen, unverdorbenen Weiblichkeit“ stilisiert.
Das lässt sich ihr nur begrenzt anlasten; politisch geäußert hat sie sich bislang kaum — was das Bild umso anschlussfähiger macht für ein Milieu, das die schöne, schweigende Frau noch immer lieber sieht als hört. Vereinnahmt werden nicht die, die laut Position beziehen, sondern die, deren öffentliche Erscheinung politisch offenbleibt. Dass Sweeney dieser Vereinnahmung erst spät widersprach und erst kürzlich erklärte, sich nicht politisch vereinnahmen lassen zu wollen, zeigt nur, wie zuverlässig solche Bilder funktionieren.
Vielleicht verbindet Kim Novak und Sydney Sweeney also doch mehr, als Novak in ihrer Abwehr wahrhaben will. Die eine wurde vom Studiosystem des alten Hollywood zur Projektionsfläche männlicher Phantasien gemacht; die andere wird in der digitalen Gegenwart von Werbung, sozialen Medien und Kulturkampf zur Projektionsfläche einer angeblich „richtigen“ Weiblichkeit umgeformt. Beide werden daran gemessen, wie Weiblichkeit auszusehen habe. Beide stehen unter dem Druck, vor allem als Bild zu existieren. Der Unterschied ist, dass Novak an dieser Reduktion nach eigener Aussage litt, während Sweeney sie für sich nutzt.
Die Pointe von „Scandalous!“ läge deshalb weniger in der Liebesgeschichte zweier missverstandener Künstler als in der Erkenntnis, dass Hollywood sich verändert hat, ohne eine Grundfigur aufzugeben: die blonde Frau als Leinwand fremder Wünsche.
Source: faz.net