„Ich habe den Tod gesehen. Ganz nah“ – Überlebende von Crans-Montana meldet sich zu Wort
Drei Monate nach dem tödlichen Inferno von Crans-Montana kämpfen Überlebende noch immer mit den Folgen. Eine junge Mutter berichtet nun eindrücklich von Schmerzen, Rückschlägen – und ersten Schritten zurück ins Leben.
Mélanie Van de Velde, Überlebende der Brandkatastrophe in der Bar „Le Constellation“ im Schweizer Skiort Crans-Montana, hat über ihr Leben nach dem Inferno gesprochen. In einem Facebook-Beitrag beschreibt die junge Frau eindrücklich ihre Erfahrungen und die Folgen für ihr heutiges Leben. Mehrere Schweizer Medien haben über die junge Mutter berichtet. Bei dem Inferno in der Silvesternacht kamen 41 Menschen ums Leben und mehr als 100 weitere wurden verletzt.
Es sei jetzt neun Wochen her, seitdem eineinhalb Minuten ihr Leben für immer verändert hätten. „Eineinhalb Minuten. So lange dauerte es, bis die Flammen versuchten, mich zu töten“, schreibt die 32-Jährige. Van de Velde erlitt schwere Verbrennungen und musste sich mehreren Operationen unterziehen. Laut dem französischen Sender Radio France wurden fast 40 Prozent ihrer Haut verbrannt. Teilweise befand sie sich in einem künstlichen Koma.
Seither befinde sie sich in einem langwierigen Heilungsprozess. „Ich habe den Tod gesehen. Ganz nah. Nah genug, um zu glauben, dass ich es nicht schaffen würde. Und trotzdem … bin ich hier. Nicht unversehrt. Nicht wie früher. Aber am Leben.“
Nächte endeten oft erst in den frühen Morgenstunden, weil die Schmerzen sie nicht schlafen ließen: „Eine Haut, die noch immer brennt“, so beschreibt Van de Velde die Schmerzen. Täglich müsse sie Verbände wechseln und sich an ihren veränderten Körper gewöhnen. Dazu gehörten auch mehrere medizinische Hilfsmittel, sogenannte Orthesen, etwa für Arme und Handgelenke sowie Kompressionsmasken für das Gesicht.
Hinzu kämen zahlreiche Termine bei Physio- und Ergotherapeuten sowie bei Ärzten und Psychologen. „Es ist ein Rennen in einem erschöpften Körper“, beschreibt sie ihre Situation. Van de Velde müsse sich einer neuen Realität stellen: „Meine Weiblichkeit auf die Probe gestellt zu sehen – durch Behandlungen, durch medizinische Eingriffe, durch wiederholtes Rasieren. Für manche Details. Für mich Realität. Also schreibe ich. Denn mein Schreiben ist unversehrt geblieben.“
Trotz der Belastungen berichtet Van de Velde auch von Fortschritten. Sie könne inzwischen wieder einfache Bewegungen ausführen – rund 4000 Schritte am Tag schaffe sie mittlerweile, nachdem es zuvor nur wenige gewesen seien. „Für manche ist das banal. Für mich ist es riesig“, schreibt sie.
„Ich habe mich sterben sehen“, sagt ein Überlebender von Crans-Montana
Auch andere Überlebende kämpfen sich zurück ins Leben. Darunter der Fußballer Tahirys Dos Santos, der bei dem Brand nur knapp überlebte und zudem seine Freundin aus den Flammen rettete. Der 19-Jährige kehrte inzwischen erstmals zu seinem Fußballverein FC Metz zurück und wurde dort emotional empfangen – kämpfe jedoch weiterhin mit schweren körperlichen und psychischen Folgen, wie die französische Zeitung „L‘Équipe“ berichtet. „Ich habe mich sterben sehen“, erklärt der junge Mann in einem Interview. Es sei eine Nacht voller Entsetzen gewesen.
Durch den Brand in der Bar „Le Constellation“ in der Neujahrsnacht waren 41 Menschen ums Leben gekommen. Funkensprühende Partyfontänen hatten Schaumstoff an der Decke in Brand gesetzt. Für solche Fontänen gilt künftig in öffentlich zugänglichen Räumen in der ganzen Schweiz ein Verbot.
Bei den anhaltenden Ermittlungen der Staatsanwaltschaft soll insbesondere geklärt werden, ob die Eigentümer der Bar und die Verantwortlichen der Gemeinde gegen Sicherheitsvorschriften verstoßen haben. Die Gemeinde räumte bereits ein, dass seit 2019 keine Brandschutzkontrollen in der Bar stattgefunden hatten, obwohl diese jedes Jahr vorgeschrieben sind.
jra mit dpa
Source: welt.de