„Quatsch“, „falsches Signal“, „echter Downer“: Berliner Gründer kritisieren neue Azubi-Pflicht

Berliner Startups müssen ab 2028 Azubis einstellen – oder zahlen. Gründer von Holy, LAP Coffee, Urban Sports Club, mika und Peec AI kritisieren den Beschluss scharf.

Sehen die Ausbildungsplatzumlage kritisch (v.l.): Moritz Kreppel (Urban Sports Club), Marius Meiners (Peec AI), Agnieszka Walorska (mika), Mathias Horsch (Holy) und Ralph Hage (LAP Coffee).

Sehen die Ausbildungsplatzumlage kritisch (v.l.): Moritz Kreppel (Urban Sports Club), Marius Meiners (Peec AI), Agnieszka Walorska (mika), Mathias Horsch (Holy) und Ralph Hage (LAP Coffee).
Eigen/Collage: Gründerszene/Dominik Schmitt.

Berlin macht ernst – und Startups sind alles andere als begeistert: Die sogenannte Ausbildungsplatzumlage wurde vergangene Woche vom Berliner Abgeordnetenhaus beschlossen. Konkret bedeutet sie: Wer nicht ausbildet, muss zahlen. Gründerszene hatte dazu bereits berichtet.

Ab 2028 sollen Unternehmen mit mindestens zehn Mitarbeitenden zur Kasse gebeten werden, wenn ihre Ausbildungsquote unter dem Bundesdurchschnitt von aktuell 4,6 Prozent liegt. Und: Es reicht nicht mehr, Stellen einfach auszuschreiben – sie müssen auch besetzt werden.

Unternehmen, die zu wenig oder gar nicht ausbilden, sollen dann in einen Fonds einzahlen, der rund 75 Millionen Euro jährlich einbringen soll.

Was sagen Berliner Gründer dazu, die direkt davon betroffen sind? Wir haben sie gefragt.

Gute Idee, aber realitätsfern

Mathias Horsch, Gründer vom Softdrink-Startup Holy, ist geteilter Meinung. Grundsätzlich begrüße er die Idee der Umlage. „Konzeptionell finde ich die Idee gut – ich habe nach dem Abi selbst eine Ausbildung zum Bankkaufmann gemacht und kenne den Wert“, sagt er.

Für uns Gründer ist das ein echter Downer.

Mathias Horsch

Gründer Holy

Mathias Horsch hat das Softdrink-Startup Holy gegründet.

Mathias Horsch hat das Softdrink-Startup Holy gegründet.
Linkedin

Aber: „In der Realität klingt das Gesetz nach noch mehr Auflagen und Regulatorik, und das ist für uns Gründer ein echter Downer.“ Bei Holy würden laut Horsch vor allem zertifizierte Ausbilder fehlen, um den eigenen hohen Standards gerecht zu werden, meint er. Sein Unternehmen sei in fünf Jahren von null auf 160 Mitarbeiter gewachsen – das mache es schwer, junge Leute nebenbei noch klassisch auszubilden.

Falsches Signal an innovative Unternehmen

Und auch beim Kaffee-Startup Lap Coffee blickt man kritisch drauf. Gründer Ralph Hage sieht in der Umlage „ein weiteres falsches Signal Berlins an alle, die hier Unternehmen aufbauen“. Sein Geschäftsmodell passe nicht zu „veralteten IHK-Ausbildungen aus den 80er-Jahren“. LAP setze stattdessen auf Automatisierung, standardisierte Prozesse und eine praxisnahe, visuelle Lerninfrastruktur, die dem heutigen Lernen gerecht wird, erklärt er.

Sieht in der Umlage ein falsches Signal Berlins: LAP Coffee Gründer Ralph Hage.

Sieht in der Umlage ein falsches Signal Berlins: LAP Coffee Gründer Ralph Hage.
Wiktor Strasse

„Wir bieten echte Karrierewege. Zwei unserer vier Area Manager haben hinter der Bar angefangen“, betont Hage. Area Manager leiten bei LAP Coffee mehrere Filialen. Das sei der moderne Arbeitsmarkt, der Kompetenz und Wachstum belohne – nicht Zertifikate aus einer anderen Ära, so der Gründer. Berlin sollte solche Modelle unterstützen, statt sie mit Abgaben zu bestrafen.

Berufe passen nicht ins Startup-Modell

„Berlin bestraft, was es nicht versteht“, kritisiert Moritz Kreppel, Gründer von Urban Sports Club, weiter den Beschluss. Startups wie seines müssten zahlen, weil sie keine Lehrstellen für Berufe anbieten würden, die in ihrem System gar nicht existierten. „Software-Entwickler, Data-Analysten, internationale Partnermanager: Das sind keine Lücken im System, das ist das System“, erklärt er.

Es ist ein teures Signal an alle, die überlegen, in Berlin zu gründen.

Moritz Kreppel

Gründer Urban Sports Club

Nicht Fan von der Umlage: Moritz Kreppel.

Nicht Fan von der Umlage: Moritz Kreppel.
Urban Sports/Moritz Kreppel

Ausbildung fände täglich on the job statt, in Echtzeit – „nicht nach einem Katalog, der zuletzt 1985 aktualisiert wurde“, meint Kreppel. Die Umlage werde Urban Sports nicht aufhalten. „Aber es ist ein teures Signal an jeden Gründer, der überlegt, ob Berlin der richtige Ort für sein nächstes Unternehmen ist.“

Fehlende Strukturen und falsche Anreize

Zwei weitere Gründer sehen den Beschluss ebenfalls kritisch. „Ich halte das für Quatsch“, meint Agnieszka Walorska von Fintech-Startup Mika zu der Umlage. Das Kernproblem des Berliner Ausbildungsmarkts liege nicht am fehlenden Willen der Unternehmen. Vielmehr seien zu wenige junge Menschen an einer klassischen dualen Ausbildung interessiert – viele Stellen blieben so unbesetzt.

Steht auf Digitalisierung und keine neue Ausbildungsregel: Agnieszka Walorska.

Steht auf Digitalisierung und keine neue Ausbildungsregel: Agnieszka Walorska.
Mika

„Eine Strafabgabe ändert daran gar nichts“, sagt sie. Viel mehr brauche es stabile Prozesse, zertifizierte Ausbilder und geeignete Räumlichkeiten. „Was hat ein Azubi davon, in einem Unternehmen anzufangen, das selbst noch ums Überleben kämpft und in dem niemand Zeit für ihn hat? Und das im Zweifel zur Hälfte der Ausbildungszeit pleite geht?“ Walorska selbst habe in ihrer vorherigen Firma Hürden bei der Zulassung als Ausbildungsbetrieb erlebt, die jeden Plan stoppten.

Dass eines unserer Teammitglieder zwischendurch zur Berufsschule gehen müsste, würde nicht funktionieren.

Marius Meiners

Gründer Peec AI

Und auch Marius Meiners von Peec AI meint: „Das Einstellen von Auszubildenden ist für uns absolut nicht machbar“. Sein Team bestehe aus erfahrenen Spezialisten oder jungen, hoch ambitionierten Leuten mit 120 Prozent Fokus. „Dass eines unserer Teammitglieder zwischendurch zur Berufsschule gehen oder für Klausuren lernen müssten, würde nicht funktionieren“, sagt er.

War mal Top 100 League-of-Legends-Spieler: Marius Meiners von Peec AI.

War mal Top 100 League-of-Legends-Spieler: Marius Meiners von Peec AI.
Peec AI

Sie würden deswegen, wenn nötig, die finanzielle Strafe in Kauf nehmen. Auch wenn die Strafe ihre Planung grundsätzlich nicht ändern würde, meint Meiners: „Es ist natürlich sehr schade, dass einem wieder ein weiterer Stein in den Weg gelegt wird, der neben vielen weiteren den Standort Deutschland an sich unattraktiv macht.“ Man merkt: Begeistert sind die Berliner Gründer nicht von diesem neuen Beschluss.

Source: businessinsider.de