Er ist einer von uns! Warum uns dasjenige Schicksal des Buckelwals nahegeht
Jahrhundertelang haben wir Wale erbärmlich abgeschlachtet. Jetzt tun wir unbewusst Buße. Aber das ist nur ein Grund für unsere Anteilnahme
Auf dass auch der gestrandete Buckelwal in der Ostsee wieder so frei schwimmen kann
Foto: Nicolas Job / picture alliance / SIPA
Mehr als eine Woche Wal-TV: Während es der Krieg im Sudan kein einziges Mal in die Nachrichtensendungen schaffte, konnten wir mehrmals am Tag das Schicksal des Buckelwales verfolgen, der zuerst in der Lübecker Bucht gestrandet war und dann vor Wismar festsaß. Fernsehsender aus Frankreich, Italien oder Russland schickten Teams, die Bild richtete einen Ticker ein, Zeitungen weltweit berichteten. Wo kommt das plötzliche Wal-Interesse her?
Wale sind erstens wie wir, nur auf exotisch: Zwar sehen sie mit ihren Flossen aus wie Fische. Tatsächlich aber sind sie Säugetiere: solche, für die es lebensbedrohlich wird, wenn sie den Boden unter den Flossen spüren. Für uns mutmaßlich vernunftbegabte Säugetiere ist das ebenso unvorstellbar wie die Lebensweise eines anderen Exoten unserer biologischen Klasse: Zwar sehen die Fledermäuse mit ihren Flügeln aus wie Vögel. Tatsächlich aber sind sie Säugetiere wie wir. Solche, die niemals den Boden betreten. Vermutlich deshalb kommen die Wale seit Menschengedenken in Sagen, Fabeln und Mythen vor: Eben weil sie sich nicht mit den anderen Säugern den Erdboden teilen, ist es Normalsterblichen nicht vergönnt, wenigstens einmal in ihrem Leben einen Wal zu sehen.
Unbewusste Buße
Das war gerade anders: Wer wollte, konnte jeden neuen Versuch, dem Wal den Boden unter dem Körper wegzuziehen, mitverfolgen. Zweitens steht der Wal für unser schwieriges Verhältnis zur Natur: Jahrhundertelang haben Menschen Wale bestialisch gejagt, Moby Dick von Melville ist nur eines der unzähligen Zeugnisse. Jahrhundertelang waren die Kolosse – der Buckelwal in der Ostsee ist ein 15 Tonnen schwerer Jungbulle – ihnen kräftemäßig überlegen. Dann aber industrialisierten die Menschen auch den Fischfang: Das brachte die Wale an den Rand der Ausrottung, unsere Anteilnahme heute, unser Mitleid mit dem Ostseewal ist Buße, wenn auch unbewusst. Ein Grund, warum Greenpeace so wirkmächtig wurde, war der Kampf gegen den Walfang: Aktivist:innen fuhren 1975 mit Schlauchbooten zwischen die Wale und die Harpunen und stellten sich damit buchstäblich als Schutzschild in die Schusslinie. Kameras waren damals keine dabei.
Drittens sind Wale wie wir, und zwar in echt: Einem israelisch-US-amerikanischen Forscherteam ist es erstmals gelungen, die Geburt eines Pottwals zu filmen.
Pottwalbabys müssen schnell an die Oberfläche schwimmen, um Luft holen zu können. Dauert das zu lange, ertrinken die Neugeborenen. Wie beim Menschen assistieren deshalb Hebammen: Im beschriebenen Fall unterstützten sieben ausgewachsene Tiere Mutter und Kind, und zwar solche, die nicht verwandt mit ihnen waren. Dabei kommunizierten sie intensiv mit Klickgeräuschen. Das Forscherteam beschreibt seine Beobachtung in der Fachzeitschrift Science so: Nachdem eine Wolke aus Blut im Wasser aufstieg, kümmerten sich die Hebammenwale darum, dass das Neugeborene schnell an die Wasseroberfläche transportiert wurde. Sie beförderten es auf ihren Rücken. Die Forschenden wissen noch nicht, woher die fremden Pottwale wussten, dass ihr Dienst gerade hier und jetzt benötigt wurde. Allerdings ist bekannt, dass das Walklicken bis zu 230 Dezibel laut sein kann, also lauter als ein Jumbojet beim Start.
Keine Debatte, kein Abwägen von Interessen
Viertens, warum uns Wale faszinieren: Sie verdeutlichen jene intakte Natur, nach der wir uns so sehnen. Blauwale, Bartwale, Blainville-Schnabelwale – es gibt 90 Arten der Meeressäuger, viele von ihnen ziehen jedes Jahr Tausende Kilometer durch die Ozeane, wie die Schnecke von ihrer Reise mit dem Buckelwal im Kinderbuch Die Schnecke und der Buckelwal zu berichten weiß. Massentierhaltung, Lachse in überfüllten Zuchtbecken, Schweinetransporte über die Autobahn – Tierleid ficht uns im Alltagsleben wenig an. Allerdings ist es da, und im Unterbewusstsein wissen wir das: Unser Hoffen für den Buckelwal in der Ostsee ist vergleichbar mit der Beichte.
Und dann gibt es noch einen Grund, warum das Publikum derartig nach Neuigkeiten zum Buckelwal lechzt: Endlich sind die Fronten einmal klar! Keine Debatte, kein Abwägen von Interessen, keine Diskussion und keine Kompromisse: Alle wollen, dass der Wal gerettet wird. Nachrichten mit solch großem Konsens – in einer Zeit mit dem Klimawandel, einer Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) und dem Sudankrieg eine Seltenheit.