Im Gespräch | Vom Mechaniker zum Arbeitskämpfer: Samee Ullahs Weg in den Lieferando-Betriebsrat

Malocher nennt die Journalistin Mareice Kaiser Menschen wie Samee Ullah, die sie für Interviews trifft, um etwas über ihre Arbeitswelt zu erfahren. Ullah hat Menschen mit Zuwanderungsgeschichte oft einen Job beim Essens-Lieferdienst Lieferando empfohlen. Erst als er arbeitslos wurde, bewarb er sich selbst dort. Heute ist er Betriebsrat bei Lieferando.

der Freitag: Samee, wie kamst du zu Lieferando?

Samee Ullah: Während der Pandemie war ich arbeitslos und habe auf Facebook eine Werbung für Lieferando gesehen. Ich habe in meinem Leben nicht gelernt, wie man Freizeit genießen kann. Also habe ich mich beworben und als Fahrer angefangen. Das hat mir gut gefallen.

Was hast du davor gemacht?

In Pakistan habe ich eine Ausbildung zum Triebwerksmechaniker abgeschlossen. Ich bin mit einem Arbeitsvisum nach Italien gekommen. Nach drei Monaten bin ich nach Deutschland gekommen, mit der Hoffnung, dass ich hier als Mechaniker würde arbeiten können. Obwohl man mir gesagt hatte, Deutschland sei das Paradies für Ingenieure, war es nicht möglich, mit einem italienischen Arbeitsvisum in Deutschland zu arbeiten. Ich habe also meine Zeugnisse aus Pakistan in Deutschland anerkennen lassen. Um einen Aufenthaltsstatus zu bekommen, habe ich Asyl beantragt. Ich bin dann in Berlin in einer Erstaufnahme-Einrichtung gelandet.

Konntest du dann direkt arbeiten?

Das war alles sehr kompliziert. Ich habe viele schlechte Erfahrungen mit der Bürokratie in Deutschland gemacht. Es war Geflüchteten nicht gestattet, außerhalb ihres Wohnsitzes zu arbeiten. Als Asylbewerber durfte ich nur in Berlin arbeiten. Für jedes Stellenangebot musste ich eine Arbeitserlaubnis beantragen. Asylbewerber durften nicht wie Deutsche arbeiten. Aus diesem Grund habe ich mich entschieden, politisch aktiv zu werden, um auf die komplexen Probleme von Migranten aufmerksam zu machen.

Asylbewerber durften nicht wie Deutsche arbeiten. Aus diesem Grund habe ich mich entschieden, politisch aktiv zu werden

Was hast du gemacht?

Wir haben uns als Gruppe zusammengetan und Briefe geschrieben. Wir haben Briefe an unsere Mütter geschrieben, über unser Leben in Deutschland. Das war ein Projekt in der Erstaufnahme. Wir haben uns organisiert und haben Kontakte zu einem Theater bekommen. Die Briefe haben wir dann aufgenommen. Daraus wurde ein Theaterstück. Wir wollten zeigen, wie Deutschland aus den Augen der Ausländer aussieht. Mit diesem Theaterstück begann meine Karriere als Arbeitskämpfer. Wir wurden dann in verschiedene Theater eingeladen, ich war aktiv in vielen Projekten.

Woher hattest du den Mut, mit deiner Geschichte an die Öffentlichkeit zu gehen?

Ich hatte keine andere Wahl. Für das Arbeitsvisum hatte ich 10.000 Euro bezahlt. Ich habe gemerkt, irgendwas stimmt nicht: Ich hatte gute Arbeitsangebote, aber der Staat hat mir nicht erlaubt, zu arbeiten. Ich wollte darauf aufmerksam machen. Meine Wut war meine Motivation.

Und irgendwann konntest du arbeiten?

Ja, eine Zeit lang hatte ich einen Job als Mechaniker von Windenergie-Anlagen. Im Sommer habe ich das gemacht, in ganz Deutschland. Ich war immer von Montag bis Freitag unterwegs. Und im Winter habe ich über eine Zeitarbeitsfirma in Berlin gearbeitet, in ganz verschiedenen Jobs. Dann kam die Pandemie, und die Reisen durch Deutschland waren nicht mehr möglich. Erst Kurzarbeitergeld, dann Arbeitslosigkeit. Und dann die Werbung für Lieferando.

Wie war die Arbeit als Fahrer für dich?

Es war ein bisschen lustig, weil ich früher oft Menschen geholfen habe, die Probleme mit der Arbeit oder ihrem Visum hatten. Wenn sie einen Führerschein hatten, habe ich immer gesagt: Du musst zu Lieferando. Das ist der perfekte Job für Leute, die nicht so gut Deutsch können. Nach der Facebook-Werbung habe ich mich dann selbst beworben.

Hast du dich dann dort auch weiter für die Arbeitsbedingungen engagiert?

Nein, ich war total froh, einfach nur zu arbeiten. Ich bin nicht hier, um Politiker zu sein. Als Aktivist braucht man viel Energie. Ich war nicht mehr aktiv auf Social Media. Ich habe gearbeitet, Essen geliefert, und am Ende des Monats hatte ich mein Gehalt auf dem Konto.

Wie viel hast du verdient?

Es ist immer Mindestlohn plus 50 Cent bei Lieferando. Damals war es etwas über acht Euro pro Stunde. Auf dem Konto sind damals ungefähr 1.800 Euro für Vollzeit gelandet. Das habe ich drei Jahre gemacht.

Und dann?

Studenten kamen zu mir, die bei Wolt arbeiteten. Sie haben ihr Geld nicht bekommen. 120 Leute haben drei Monate lang kein Gehalt bekommen. Der Arbeitgeber ist einfach abgehauen. Das war ein Subunternehmer, der von einem Handyladen aus seine Geschäfte gemacht hat. Wir haben dann eine Demo vom Handyladen zum Wolt-Headquarter organisiert.

So bist du zur politischen Arbeit gekommen?

Genau. Was sie mit den Subunternehmern bei Lieferdiensten machen, ist kriminell. Kollegen haben mir gesagt, dass Lieferando am Ende dasselbe machen würde wie Wolt, nämlich die Logistik an kriminelle Subunternehmer auszulagern. Ich habe in meinem Heimatland viel Korruption gesehen. Ich dachte, in Deutschland wäre alles transparent. Ich wollte etwas gegen die kriminellen Strukturen bei Lieferdiensten unternehmen. Ich bin hier Bürger, also muss ich meine Privilegien nutzen.

Jetzt bist du Betriebsrat. Wie hat sich dadurch dein Arbeitsleben verändert?

Ich arbeite in Vollzeit als Betriebsrat. Das bedeutet, ich bekomme weniger Geld. Für eine 35-Stunden-Woche habe ich jetzt 600 bis 700 Euro weniger pro Monat. Wenn ich liefern würde, hätte ich Zuschläge, Trinkgeld, Kilometergeld, man kann Überstunden machen. Das fällt jetzt alles weg. Wenn unsere Kämpfe erfolgreich sind, möchte ich irgendwann wieder Fahrer sein. Ich brauche Geld. Ich habe zwei Leben. Ein Leben in Deutschland, eins in Pakistan. Meine Kinder und meine Mutter brauchen meine Unterstützung. Meistens arbeite ich mehr als die 35 Stunden. Es fühlt sich aber auch nicht nach Arbeit an, mein Engagement ist auch mein Hobby. Früher habe ich das in meiner Privatzeit gemacht, heute ist es meine Arbeit.

Ich habe zwei Leben. Eins in Deutschland, eins in Pakistan. Meine Kinder und meine Mutter brauchen meine Unterstützung.

Wir sprechen im Büro des Lieferando-Betriebsrats miteinander. Direkt daneben sind die Büros des Managements. Samee Ullah macht uns Kaffee und geht dafür in die Management-Küche.

Wie ist das, wenn ihr euch in der Küche trefft, Betriebsrat und Management?

Sie haben immer viel zu tun mit dem Management, Schichtplänen und so. Meine Kollegen sagen: Mach doch bei uns Kaffee. Aber ich gehe manchmal rüber und mache dort Kaffee. Und nutze die Chance, dass dort vielleicht mal jemand mit mir redet.

Wenn du in naher Zukunft Arbeitsminister wärst, was würdest du verändern?

Ich würde eine mehrsprachige Kultur auf dem Arbeitsmarkt einführen. Gleichzeitig würde ich Arbeitgeber dazu verpflichten, Sprachkurse für ihre Mitarbeiter zu finanzieren. Außerdem muss das Subunternehmersystem beschränkt werden.

Wie kann man Lieferando-Mitarbeitende unterstützen? Ist Trinkgeldgeben gut, digital oder bar?

Beim Subunternehmer kann man nicht garantieren, dass das Trinkgeld ankommt. Trinkgeld in bar ist besser für die Fahrer. Wichtiger als Trinkgeld ist, Respekt zu zeigen. Ich finde es respektvoll, wenn jemand „Danke“ sagt. Und wenn jemand herunterkommt. Dann muss ich zum Beispiel nicht in den vierten oder fünften Stock hoch und habe kein Problem mit dem Parken in der zweiten Reihe. Manchmal steht jemand im vierten Stock und spielt am Handy. Der könnte mir doch auch entgegenkommen?

Wäre es besser, gar kein Essen mehr zu bestellen?

Ich bleibe realistisch: Wenn 50 Freunde von mir nicht mehr bestellen, dann ist das solidarisch, aber für die Firma macht das keinen Unterschied. Es ist ein politischer Kampf. Wer uns unterstützen möchte, der schreibt einen Brief ans Finanzamt. Alle können das nutzen, was sie gut können. Eine Journalistin etwa kann über uns schreiben. Ein Anwalt kann für uns klagen.

Hast du mal etwas zu essen bestellt?

Nein. Ich bekomme zwar Gutscheine, aber ich verschenke sie. Ich koche sehr gerne.

Samee Ullah wurde 1983 in Punjab, Pakistan, geboren. Der gelernte Triebwerksmechaniker lebt und arbeitet seit 2013 in Deutschland. In seiner begrenzten Freizeit ist sein Hobby Kochen. Lieblingsgericht: Biryani, ein würziges Reisgericht, oft zu Festtagen gekocht.

Das Gespräch ist Teil der Serie „Neue Maloche: Darin führt die Journalistin Mareice Kaiser für den Freitag Gespräche mit Menschen, die malochen – und meist nicht in medialen Diskursen zu Arbeitsthemen zu Wort kommen