Nach Ölschock: Inflation in Deutschland springt hinauf 2,7 Prozent

Die Inflation in Deutschland ist im März deutlich auf 2,7 Prozent gestiegen. Das hat das Statistische Bundesamt in Wiesbaden am Montag aufgrund einer ersten Schätzung mitgeteilt. Es ist die höchste Inflationsrate seit Langem. Im Februar hatte die Rate 1,9 Prozent betragen, nach 2,1 Prozent im Januar.
Nach einer längeren Phase mit sinkenden Inflationsraten seit der heftigen Inflationswelle der Jahre 2022 und 2023 hat sich die Entwicklung jetzt offenkundig wieder umgekehrt. Wie dauerhaft das sein wird, ist unter Ökonomen allerdings noch umstritten; es dürfte von Länge und Intensität des Krieges abhängen.
Heftige Folgen des Ölpreisschocks
Insbesondere Energie hat sich seit Beginn des Irankriegs stark verteuert. An den Weltmärkten schnellten die Preise für Öl und Gas nach oben. Zuletzt bewegte sich der Preis für die Nordseeölsorte Brent um die 109 Dollar je Barrel (Fass zu 159 Liter). Verbraucher in Deutschland spürten das zuerst an den Tankstellen, wo die Spritpreise auf mehr als zwei Euro stiegen.
Auch der Heizölpreis hat stark zugelegt auf zuletzt 149 Euro je 100 Liter. Die Gaspreise für Verbraucher reagierten aufgrund längerfristiger Verträge und von Regulierung mit Verzögerung; insbesondere die Neukundenpreise haben dort aber mittlerweile auch spürbar zugelegt.
Lebensmittel noch nicht so stark betroffen
Was genau alles teurer oder billiger geworden ist, verraten die schon detaillierter veröffentlichten Zahlen für Nordrhein-Westfalen, die meistens relativ repräsentativ für ganz Deutschland sind. Demnach ist der Heizölpreis im März um 27,2 Prozent gegenüber Februar nach oben geschossen, Diesel hat sich innerhalb eines Monats um 23,5 und Benzin um 13,6 Prozent verteuert.
Auf Jahressicht sind jetzt für alle drei Ölprodukte die Preissteigerungsraten zweistellig: Für die Benzinsorte Super E10 sind es 17,8 Prozent, für Heizöl 21,7 Prozent und Diesel sogar 30,7 Prozent. Noch vor kurzem hatten die Energiepreise die Inflationsrate gedrückt. „Bisher ist der iranbedingte Preisschub weitgehend auf Kraftstoffe und Heizöl beschränkt“, kommentierte Holger Schmieding, der Chefvolkswirt des Hamburger Bankhauses Berenberg.
Nahrungsmittel insgesamt verteuerten sich noch nicht wieder so stark. Allerdings gab es dabei auf Jahressicht einzelne Preise, die stark zulegten. So kosteten Obstkonserven 31,2 Prozent mehr, Rindfleisch und Kalbfleisch wurden 11,9 Prozent teurer, Obst 4,8 Prozent. Auch Dienstleistungen stiegen weiter deutlich im Preis: Übernachtungen im Hotel wurden 6,3 Prozent teurer, Pauschalreisen kosteten 4,9 Prozent mehr. Dienstleistungen sozialer Einrichtungen wie zum Beispiel Pflegedienste verteuerten sich um 6,8 Prozent.
Geholfen hat im März, dass einige Nahrungsmittel günstiger geworden sind. So mussten Verbraucher in NRW im März für Speisefette und -öle 19,3 Prozent weniger ausgeben als im Vorjahresmonat.
Unternehmen wollen Preise anheben, Bundesbank warnt
Eine rasche Entspannung deutet sich nicht an, im Gegenteil: Deutlich mehr Unternehmen in Deutschland planen angesichts steigender Energiekosten durch den Irankrieg mit höheren Preisen. Das entsprechende Barometer stieg im März auf 25,3 Punkte und erreichte damit den höchsten Stand seit drei Jahren, wie das Münchner Ifo-Institut mitteilte. Im Februar belief es sich noch auf 20,3 Punkte. „Der Preisdruck in Deutschland nimmt wieder spürbar zu“, sagte der Leiter der Ifo-Umfragen, Klaus Wohlrabe. Die Unternehmen gäben steigende Kosten zunehmend weiter: „Über höhere Produktions- und Transportkosten werden die Energiepreise auch auf Waren und Dienstleistungen durchschlagen.“
Auch die Bundesbank warnte kürzlich in ihrem März-Monatsbericht: „Die Inflationsrate wird in den kommenden Monaten deutlich anziehen.“ Der höhere Rohölpreis verteuere kurzfristig insbesondere Kraftstoffe und Heizöl
für die Verbraucher: „Infolgedessen dürfte die Inflationsrate in nächster
Zeit deutlich in Richtung drei Prozent ansteigen.“
Finanzmärkte erwarten höhere EZB-Zinsen
Die Inflationszahlen für den gesamten Euroraum, an denen sich die Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) orientiert, werden an diesem Dienstag veröffentlicht. An den Finanzmärkten war zuletzt erwartet worden, dass die Notenbank jedenfalls noch vor dem Sommer die Zinsen anhebt. EZB-Präsidentin Christine Lagarde hatte sich für die nächste Zinssitzung noch nicht festgelegt. Die Sitzung ist für den 30. April angesetzt, an dem Tag werden auch die April-Inflationszahlen veröffentlicht. Lagarde sagte zuletzt, die Notenbank entscheide weiter „datenabhängig“ und „von Sitzung zu Sitzung“.
Während der Präsident des Ifo-Instituts, Clemens Fuest, die Auffassung vertreten hat, die EZB werde wahrscheinlich früh die Zinsen anheben, um nicht denselben Fehler zu machen wie nach dem Ukrainekrieg, meinte der frühere EZB-Chefvolkswirt Otmar Issing, es sei zumindest ratsam, zu warten, bis sich der Rauch etwas gelegt habe. Es wäre seiner Ansicht nach jedenfalls nicht klug gewesen, schon im März die Zinsen anzuheben, um sie dann womöglich im April wieder senken zu müssen.
Source: faz.net