Wahl in Ungarn: Viele Auslandsungarn halten noch immer zu Orbán

Ungarns Regierungschef Viktor Orbán und sein Herausforderer Péter Magyar kämpfen um jede Stimme. Umso glücklicher wird sich Orbán schätzen, dass er bei der Parlamentswahl am 12. April nicht nur in Ungarn selbst auf ihm treu ergebene Wähler zählen kann.

Laut behördlichen Angaben haben sich dieses Mal auch in Rumänien knapp 312.000 Mitglieder der ungarischen Minderheit ins Wählerverzeichnis eintragen lassen. Das entspräche fast vier Prozent aller ungarischen Wahlberechtigten.

Auf der Grundlage der Registrierungen wird erwartet, dass wie bereits bei vergangenen Wahlen etwa 200.000 ungarische Staatsangehörige in Rumänien auch tatsächlich ihre Stimme abgeben werden.

Ungarn in Rumänien

In der Vergangenheit erhielt Orbáns Fidesz von Rumäniens Ungarn, die vor allem in Siebenbürgen leben, oft mehr als 90 Prozent der Stimmen. Dass die Tendenz leicht rückläufig ist, spielt bei dieser Dominanz kaum eine Rolle.

Die Ungarn in Rumänien fühlen sich Orbán nicht nur deshalb verbunden, weil dessen Regierung ab 2010 die Bedingungen für die Erlangung der ungarischen Staatsbürgerschaft vereinfacht hat. Budapest unterstützt die Minderheit, die inklusive ausschließlich rumänischer Staatsbürger rund eine Million Menschen umfasst, auch finanziell.

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Allerdings hat Orbáns Dominanz zuletzt Risse bekommen. Sichtbar wurde das vor dem Stichentscheid zur rumänischen Präsidentenwahl im vergangenen Jahr, als Orbán kaum verhüllt eine Wahlempfehlung für den nationalistischen Kandidaten George Simion abgab.

Orbán hatte in einer Rede dessen ideologische Ausrichtung gelobt und auf der Plattform X geschrieben: „Rumänen können auf Ungarn im Kampf für das Christentum und die Souveränität zählen!“ Simion griff diese Wahlkampfhilfe prompt auf und warb mit Orbáns Aussagen bei den siebenbürgischen Ungarn für sich.

„Er ist kein Christ, er ist ein Scharlatan“

Doch dort gab es scharfen Widerstand. Kelemen Hunor, der wichtigste Politiker der ungarischen Minderheit und Vorsitzende der Demokratischen Union der Ungarn in Rumänien, sagte über Orbáns Kandidaten Simion: „Er ist kein Christ, er ist ein Scharlatan. George Simion vertritt in jeder Faser seines Wesens die Überzeugung, dass Ungarn keinen Platz in Rumänien haben.“

Tatsächlich waren die vielen antiungarischen Äußerungen Simions den Ungarn Rumäniens nur allzu bekannt. Hunor rief seine Landsleute dazu auf, Orbáns Wahlempfehlung zu ignorieren und für Simions liberalen Gegenkandidaten Nicușor Dan zu stimmen.

Kelemen Hunor, Politiker der ungarischen Minderheit und Vorsitzender der Demokratischen Union der Ungarn in Rumänien Anfang der Jahres in Budapst
Kelemen Hunor, Politiker der ungarischen Minderheit und Vorsitzender der Demokratischen Union der Ungarn in Rumänien Anfang der Jahres in BudapstEPA

Darin wurde er von Ungarns Oppositionsführer Magyar unterstützt. Der sagte, Orbán habe durch sein Eintreten für Simion „den Auslandsungarn und damit der ungarischen Nation ins Gesicht gespuckt und sie verraten“. Orbán knickte ein. Seine Wahlempfehlung, die er nicht als solche verstanden wissen wollte, nahm er zurück. Tatsächlich stimmten die Ungarn Rumäniens mit überwältigender Mehrheit für Dan.

Orbáns Hoffnung, nach dem slowakischen Regierungschef Robert Fico auf europäischer Ebene einen weiteren russlandfreundlichen und EU-feindlichen Mitstreiter zu bekommen, zerschlug sich.

Magyar wirbt um ungarische Diaspora

Dennoch kann Fidesz wieder damit rechnen, die mit Abstand meisten Stimmen der Ungarn Rumäniens zu erhalten. Herausforderer Magyar gab sich Mühe, um die Diaspora zu werben, etwa durch einen mehrtägigen Fußmarsch von Budapest nach Oradea (deutsch Großwardein, ungarisch Nagyvárad) im vergangenen Mai.

Doch es gilt als unwahrscheinlich, dass er Orbáns Dominanz in Rumänien brechen kann. Orbáns Appell lautet: „Im April 2026 wird unser Vaterland die Ungarn Siebenbürgens brauchen.“ Er dürfte vielfach Gehör finden.

Das gilt auch für die zweitgrößte Basis wahlberechtigter Ungarn im Ausland: In Serbien, vor allem in der Nordprovinz Vojvodina, leben etwa 185.000 Ungarn, von denen sich knapp 85.000 für die Wahlen registriert haben. Auch die Ungarn Serbiens haben bei vergangenen Wahlen mit großer Mehrheit Fidesz unterstützt.

Ähnlich wie die Demokratische Union der Ungarn in Rumänien ist auch die wichtigste Partei der Ungarn Serbiens, der Bund der Ungarn der Vojvodina (SVM), seit Jahrzehnten direkt oder indirekt an der nationalen Regierung des eigenen Landes beteiligt. So glaubt man, am meisten für die Minderheit gewinnen zu können.

Fidesz-freundliche Stimmung in Serbien

Zugleich sorgen erhebliche finanzielle Zuwendungen aus Budapest für eine Fidesz-freundliche Stimmung. Es gebe „keine einzige (ungarische) Familie in der Vojvodina“, die nicht mit Unterstützung der ungarischen Regierung rechnen könne, sagte unlängst der SVM-Chef Bálint Pásztor.

Doch der Alleinvertretungsanspruch des SVM für Serbiens Ungarn ist nicht mehr unangefochten. Organisationen wie die 2024 gegründete Versammlung der Vojvodina-Ungarn und das seit 2025 bestehende Vojvodinische Ungarische Plenum entstanden im Zuge der serbischen Studentenproteste und sind sowohl dem serbischen Staatspräsidenten Aleksandar Vučić als auch Orbán gegenüber kritisch eingestellt.

Sie werfen dem SVM vor, Fördergelder aus Belgrad und Budapest nur an die eigene Klientel zu verteilen. Diese Organisationen zeigen sich offen für eine Kooperation mit Magyars Tisza-Partei. Richtig in die Vollen ging der ungarische Oppositionsführer jüngst in einer Auseinandersetzung um die Ungarn in der Slowakei. Magyar beteiligte sich Anfang des Jahres gar an einem Fackelmarsch vor die slowakische Botschaft in Budapest.

Orabáns Konkrrent Péter Magyar Anfang Januar bei Protesten vor der slowakische Botschaft in Budapest
Orabáns Konkrrent Péter Magyar Anfang Januar bei Protesten vor der slowakische Botschaft in BudapestAFP

Ungarn in der Slowakei

Gemeint sind die Beneš-Dekrete, mit denen die Tschechoslowakei nach dem Zweiten Weltkrieg die kollektive Vertreibung und Enteignung von Staatsbürgern deutscher und ungarischer Nationalität angeordnet hatte. Wobei die im Süden der Slowakei siedelnden Ungarn anders als die Deutschen nicht beinahe vollständig vertrieben wurden. Bis heute leben in der Slowakei mit ihren knapp 5,5 Millionen Einwohnern gut 420.000 Ungarischsprachige.

Der Journalist Zoltán Szalay, der das slowakische ungarischsprachige Portal „Napunk“ leitet, schätzt die Zahl der slowakischen Ungarn, die am 12. April wählen werden, aber nur auf „einige Tausend“. Orbán wollte nach seinem Antritt 2010 auch im nördlichen Nachbarland freihändig Pässe verteilen. Die Slowakei hat ihren Bürgern aber die Annahme dieser Pässe verboten. Wer das heimlich trotzdem tat, dürfte eher Fidesz oder die rechtsextreme Partei Mi Hazánk wählen, vermutet Szalay.

Gleichwohl gibt es rationale Gründe dafür, dass Magyar der Südslowakei so hohe Aufmerksamkeit schenkt. Und gar den in der Slowakei wegen der ungarischen Regentschaft bis 1918 als Provokation empfundenen Begriff „Oberungarn“ verwendet. Szalay spricht von einer „innerungarischen Kampagne“.

Orbáns Einfluss sinkt

Magyar wolle auch national gesinnte Wähler ansprechen. Umgekehrt lässt Orbán ungarischsprachige Influencer aus der Slowakei für sich werben. Den alten Ruf als Beschützer der Ungarn im Ausland will er nicht einfach so hergeben. Jüngste Entwicklungen weisen aber darauf hin, dass Orbán unter den Ungarn in der Slowakei an Deutungshoheit verliert. Der Chef der Partei Ungarische Allianz, László Gubík, sprach gar in Bratislava auf einem Oppositionsprotest.

László Gubík, Chef der Partei Ungarische Allianz, im Dezember bei Protesten in Bratislava
László Gubík, Chef der Partei Ungarische Allianz, im Dezember bei Protesten in BratislavaEPA

Zu groß ist die Wut auf den Orbán-Freund Fico, der bei den Beneš-Dekreten eigentlich auf die Oppositionspartei Progressive Slowakei zielte. Die setzt sich dafür ein, dass mit den Dekreten von 1945 keine neuen Enteignungen von Grundstücken – etwa für den Straßenbau – begründet werden dürfen. Der Journalist Szalay sagt, er habe Kenntnis, dass das weiter gängige Praxis sei.

Ebenso berichtet Szalay, dass Gubík trotz seiner Vergangenheit als Fidesz-Europawahlkandidat nicht Orbáns Wunschlösung an der Spitze der ungarischen Minderheitenpartei war. Was für den Fall eines Wahlsiegs von Péter Magyar auch ein Vorteil sein könnte. „Alle warten auf die ungarische Wahl“, sagt Szalay. Das gelte auch für Minderheitsvertreter in der Slowakei, die sich im Unterschied zu früheren ungarischen Wahlen mit einer Parteinahme zurückhalten.

Materielle Interessen in der Ukraine

Ganz anders handeln da ungarische Verbandsvertreter in der Ukraine. László Brenzovics, der Vorsitzende des wichtigsten Verbandes KMKSZ, sagte jüngst im nahestehenden Sender TV21 Ungvár: „In Europa setzt sich nur Viktor Orbán konsequent für Frieden ein. Der Schlüssel zum Überleben der kleinen ungarischen Gemeinschaft (in der Ukraine, d. Red.) liegt gerade darin, dass seine Bemühungen von Erfolg gekrönt werden.“

Auch hier gibt es materielle Interessen. „In den letzten 15 Jahren hat der ungarische Staat mehr als 100 Millionen Euro in die Unterstützung der Ungarn in Transkarpatien investiert“, sagt der in dem westukrainischen Gebiet lebende ungarischsprachige Rundfunkjournalist Gábor Fehér.

Es gibt mehr als 100.000 ungarische Staatsbürger in der Ukraine. Doch viele nahmen die von Orbán verteilten Pässe nicht aus Begeisterung über dessen Politik, sondern wegen der Vorteile als Bürger der EU. Die Anzahl der Wähler aus Transkarpatien dürfte näher bei der Beteiligung in der Slowakei als bei der in Rumänien und Serbien liegen.

Über die Folgen der jüngsten Eskalationen zwischen den Regierungen in Budapest und Kiew sagt Fehér: „Die Situation hier ist sehr ruhig.“ Die Bewohner Transkarpatiens verstünden, dass die Rede von einer „Unterdrückung“ der Ungarn übertrieben sei.

Zur Bedeutung der Wähler aus der Ukraine sagt der Journalist: Magyar werde sie eher nicht kriegen. Aber sie würden auch nicht reichen, um Orbán an der Macht zu halten.

Source: faz.net