Sprach-Marotte: Warum heißt es für Rückfragen jetzt so oft „nein?“

Dem Englisch-Novizen, dem, um hier gleich etwas Gelerntes anzuwenden, greenhorn, kommt wohl oder kam jedenfalls früher so einiges gewöhnungsbedürftig vor, zum Beispiel dieses ewige isn’t it?, Inbegriff britischer Schrullig- und Hochnäsigkeit. Dass es sich dabei um eine tag question handelte, musste man nicht wissen. Das Deutsche sieht dafür, je nach Region, ein nicht wahr? oder ein knappes ne? vor und nennt dies Bestätigungs- oder Rückversicherungsfrage.

Kennzeichnend dafür ist die Absonderung durch ein Komma, und zwar in beiden Sprachen, was deshalb erwähnenswert ist, weil im Englischen die Kommasetzung bei Weitem nicht so streng gehandhabt wird wie im Deutschen. In einem weiteren Sinne gehört diese meistens rein rhetorisch gestellte Frage zu den Phrasenakzenten, das sind Ausdrücke, die innerhalb einer kleineren sprachlichen Einheit, einer „Phrase“, eine spezifische Hervorhebung markieren. Noch weiter präzisierend darauf hinzuweisen, dass sowohl isn’t it? als auch nicht wahr? und sogar das winzig kleine ne? in einem ebenfalls weiteren Sinne zu den sogenannten Nuklearakzenten zu zählen, auf jeden Fall aber postnuklear sind, würde in unserem Zusammenhang wahrscheinlich zu weit führen, denn eigentlich wollen wir auf etwas ganz anderes hinaus.

Man sagt übrigens tag question dazu

So viel sei immerhin noch gesagt, dass diese Kennzeichnungen nichts mit Radioaktivität zu tun haben, sondern nur – aber was heißt: „nur“? – die Stellung innerhalb einer Phrase markieren, wobei sich im Falle des isn’t it?/nicht wahr?/ne? schon logischerweise ergibt, dass es ganz hinten steht, denn eine Bestätigung oder Rückversicherung kann sich ja nur auf etwas beziehen, das vorher gesagt wurde. Nicht wahr? Wir sprachen von „Phrase“ – wenn wir diesen Begriff noch ein wenig strapazieren dürfen, dann um, nicht ohne einen missbilligenden Unterton, darauf aufmerksam zu machen, dass die Bestätigungs- beziehungsweise Rückversicherungsfrage ein Geschwisterchen bekommen hat, und das heißt „nein?“ beziehungsweise, mit vollem Namen, „, nein?“, denn das Komma gehört ja dazu.

Ausgerechnet dort, wo es gar nichts verloren hat und einfach nur affig wirkt, taucht es auf. Wir wollen hier jetzt keine Namen nennen, aber wenn wir aus einem Gespräch, das mit einem berühmten Schauspieler geführt wurde, wörtlich zitieren dürfen: „Filme haben immer schon Geld gekostet, nein?“ Zweifellos haben wir es hier mit einer tag question zu tun. Die Frage ist nur, warum sie nicht so lautete: Filme haben immer schon Geld gekostet, nicht wahr? Wer von Filmen – und nicht nur davon! – eine Menge verstand, das war natürlich Alexander Kluge.

An ihn müssen wir gerade denken, während wir nach einer Ausfahrt aus diesem nun doch etwas besserwisserisch gewordenen Parcours suchen, an Kluge und an seine Angewohnheit, im Mündlichen beinahe jedem Satz ein „ja?“ anzufügen (das Komma muss man sich dazudenken). Eine schöne Marotte. Kluge pflegte sie bis zuletzt, sich in fragender Scheinunsicherheit an sein Gegenüber wendend, Bestätigung bei ihm suchend. Dagegen bringt dieses, wir wiederholen: affige „, nein?“ eine unnötige Schärfe ins Gespräch, gesprochen von einem Geist, der nur verneinen kann. Ja?

Source: faz.net