Ein Sozialistische Einheitspartei Deutschlands-Gegner enttarnte dasjenige Geheimnis dieser „Selbstschussanlagen“ am Todesstreifen

Am Abend des 30. März 1976 demontierte Michael Gartenschläger an der deutsch-deutschen Grenze zwischen Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern eine Splittermine des Typs SM-70. Damit wurde er zum Topziel der Stasi – und hatte nur noch einen Monat zu leben.

Im Westen kannte man nur Gerüchte. Erstmals am 17. Februar 1971 hatte WELT Konkretes über „Schussautomaten an der Zonengrenze“ berichtet. Beamte des Bundesgrenzschutzes und westliche Anwohner hatten beobachtet, dass Pioniere des in Salzwedel stationierten DDR-Grenzregiments an mehreren Stellen der innerdeutschen Grenze bei Lüchow (Niedersachsen) ungewöhnlich geformte Geräte an den Betonpfosten des Metallgitterzauns befestigt hatten – obwohl diese Stellen bereits durch Minenfelder „gesichert“ waren.

Die unbekannten Objekte bestanden den Beobachtungen zufolge aus einem offenen Kegel mit einem kurzen Rohr am schmaleren Ende. Von WELT befragte Experten vermuteten, dass es sich um „Selbstschussanlagen“ handeln könnte, die durch Berührung gespannter Drähte oder durch im Boden verlegte Kontaktnetze ausgelöst werden sollten. Dass die Geräte tatsächlich hochgefährlich waren, also mutmaßlich Sprengstoff enthielten, zeigten die strikten Sicherheitsmaßnahmen.

Fünf Jahre lang blieb es bei Gerüchten – bis zum 30. März 1976. An diesem Dienstagabend näherte sich der 32-jährige SED-Gegner Michael Gartenschläger etwa 50 Kilometer östlich seiner Wahlheimat Hamburg den „pioniertechnischen Anlagen“ der DDR-Grenztruppen. Hier lag bei der Grenzsäule Nr. 231 des Bundesgrenzschutzes der „Große Grenzknick“: Genau zwischen den Orten Büchen (Schleswig-Holstein) und Leisterförde (Mecklenburg-Vorpommern, damals DDR-Bezirk Schwerin) verlief die innerdeutsche Grenze hier in einem fast exakten 90-Grad Winkel. Das war für Grenzer des SED-Staates schlecht zu übersehen – weshalb hier mehrere der ominösen „Schussautomaten“ am Streckmetallzaun installiert waren.

Gartenschläger, geboren 1944, hatte bis 1961 in Strausberg östlich Ost-Berlins ein weitgehend ruhiges Leben gelebt. Zwar war er stets kritisch der SED-Diktatur gegenüber gewesen, schon weil er sich als Rock-’n’-Roll-Fan gen Westen orientierte. Der Bau der Berliner Mauer am 13. August 1961 jedoch machte ihn zum unversöhnlichen Gegner der DDR.

Aus Protest malten Gartenschläger und einige Freunde antisozialistische Losungen an Häuserwände; außerdem steckten sie eine Scheune der LPG „Einheit“ in Brand. Am 19. August 1961 wurden die Freunde wegen „staatsgefährdender Propaganda und Hetze“ festgenommen. Das Landgericht Frankfurt (Oder) verurteilte sie nur drei Wochen später als „konterrevolutionäre Gruppe“. Der Staatsanwalt beantragte für Gartenschläger und einen Freund sogar die Todesstrafe. Weil beide zur Tatzeit noch nicht volljährig waren, entschieden die Richter auf lebenslang.

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Nach zehn Jahren hinter Gittern wurde Gartenschläger 1971 von der Bundesrepublik freigekauft. Nach Abschluss des Transitabkommens zwischen Bonn und Ost-Berlin 1972 konnte Gartenschläger wieder mit dem eigenen Auto nach West-Berlin fahren – und wurde umgehend als Fluchthelfer aktiv: Im Kofferraum seines roten Opels schaffte er mehrere DDR-Bürger in die Bundesrepublik.

Doch er wollte noch einen Schritt weitergehen und das SED-Regime vor der Weltöffentlichkeit der Lüge überführen. Nach den Gerüchten über Selbstschussanlagen hatte die DDR-Regierung die Existenz solcher automatischer Waffen an der innerdeutschen Grenze vehement bestritten – obwohl ein von so einer Mine tödlich verletzter Fluchtwilliger im Januar 1973 in einem niedersächsischen Krankenhaus gestorben war. Er hatte sich schwer verletzt noch 150 Meter auf westdeutsches Gebiet schleppen können, bevor er zusammenbrach.

Also entschärfte Gartenschläger in der Nacht vom 30. auf den 31. März 1976 am „Großen Grenzknick“ eine Selbstschussanlage und entwendete sie über den Grenzzaun hinweg. Er brachte die tödliche Waffe, tatsächlich eine Mine mit teuflisch scharfkantigen Splittern und einer gerichteten Explosionswirkung, erst nach Hamburg. Hier präsentierte er das Beweisstück westdeutschen Behörden, der „Arbeitsgemeinschaft 13. August“ sowie dem Magazin „Der Spiegel“.

DDR-Grenzer entdeckten Gartenschlägers Erfolg am 1. April 1976 gegen 7.15 Uhr morgens. Schon dreieinhalb Stunden später war ein Fotograf vor Ort, um einen „Bildbericht“ anzufertigen: Mit 18 Aufnahmen wurde der Tatort dokumentiert, einschließlich der dabei auf westdeutscher Seite entdeckten Leiter – übrigens aufgenommen natürlich von Westen her: Der Fotograf musste einen geheimen Durchschlupf benutzt haben.

Vier Tage später, am 5. April, informierte ein Oberstleutnant der Grenztruppen den zuständigen Stasi-Offizier über das „besondere Vorkommnis an der Staatsgrenze“. In dessen auf den 6. April 1976 datierten Protokoll heißt es: „An der Staatsgrenze wurde eine Grenzsicherungsanlage von BRD-Seite aus abgebaut (Diebstahl). Folgende Anlagenteile wurden gestohlen: Halterung einschließlich Schalter (elektrisch) und Splittermine SM-70.“ Unter diesem Kürzel waren die Selbstschussanlagen seit 1969 in die streng geheime Massenproduktion gegangen und seit 1970/71 installiert worden.

Daraufhin hätten, so der Stasi-Bericht weiter, „Grenzorgane“ versucht, „durch einen Fachmann diesen Diebstahl zu simulieren“. Man stellte fest, dass die Demontage „bei Tag und Nacht innerhalb von zehn Minuten erfolgen“ könne. Die Aktion müsse „von langer Hand vorbereitet“ worden sein, steht in dem MfS-Papier, das zu einer anlässlich des 50. Jahrestags erschienenen Online-Dokumentation des Bundesarchivs gehört.

Weitere sechs Tage später, am 12. April 1976, wurde Gartenschlägers „Diebstahl“ öffentlich. „Der Spiegel“ brachte einen fünfseitigen Artikel mit genauer Analyse der SM-70. Das reichte Gartenschläger jedoch nicht, also beschloss er, weitere Selbstschussanlagen abzubauen, um stärkeren Druck in der westdeutschen Öffentlichkeit aufzubauen.

Jedoch kannte er keinen auch nur ansatzweise ähnlich geeigneten Ort, an dem er das versuchen könnte. Also entschied er sich, einen neuen Anlauf am „Großen Grenzknick“ zu unternehmen. In der Nacht zum 23. April 1976 gelang es ihm ein weiteres Mal, hier eine SM-70 über den Sperrzaun hinweg zu entschärfen und abzumontieren.

Spätestens am folgenden Tag entschied Stasi-Chef Erich Mielke, so etwas dürfe nie wieder passieren – und setzte seine Elitetruppe darauf an, die „Einsatzkompanie“ der Stasi-Hauptverwaltung I.

Generalleutnant Karl Kleinjung, der Chef dieser für alle „bewaffneten Organe“ und damit auch die Grenztruppen zuständigen Stasi-Abteilung, beauftragte den Leiter des Bereichs Abwehr im Grenzkommando Nord mit der Leitung des Einsatzes.

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In einem „Maßnahmeplan“ vom 26. April 1976 hielt Terjung fest, der „Täter“ sei bei einem neuerlichen Versuch, eine SM-70 abzubauen, „unter allen Umständen möglichst festzunehmen“. Sollte das jedoch nicht gelingen, dürfte er keinesfalls entkommen, sondern müsse „vernichtet werden“. Das war ein klarer Mordbefehl.

Bei einem „Ortstermin“ am „Großen Grenzknick“ wurde der Hinterhalt geplant: Nachts sollten sich jeweils vier Mann der „Einsatzkompanie“ auf westlicher Seite der innerdeutschen Grenze, aber noch auf DDR-Territorium verborgen halten; hier stand dichtes, hochgewachsenes Gras. Alle Soldaten dieser Einheit galten als höchst zuverlässig, waren sorgfältig gesiebt und ausgebildet worden.

Sie mussten eine ganze Woche warten: Erst in der Nacht zum 1. Mai 1976 tauchte Michael Gartenschläger wieder an der Grenzsäule 231 auf, begleitet von zwei jungen Männern. Was in den folgenden Sekunden geschah, berichten verschiedene Zeugen unterschiedlich. Vielleicht fiel ihm der Hinterhalt auf und er gab, gezielt oder ungezielt, einen oder auch zwei Schüsse ab. Oder die vier Mann der „Einsatzkompanie“ gaben mit ihren Sturmgewehren sofort Dauerfeuer.

Jedenfalls wurde Gartenschläger den Einschusskanälen zufolge in aufrechter, maximal aber in gebückter Haltung dreimal in den Oberkörper getroffen. Eine Kugel durchschlug Herz, Lunge und Rückenmark. Anschließend, der Sterbende lag auf dem Boden, feuerten die vier Schützen „weitere, mehrere Sekunden dauernde Feuerstöße“ ab, zwischen 120 und 140 Schüsse insgesamt.

Gartenschlägers Begleiter hatten sich da schon auf westdeutsches Gebiet zurückgezogen, der DDR-Gegner wurde auf die andere Seite der innerdeutschen Grenze gebracht. Ein Militärarzt stellte seinen Tod fest, und im Schweriner Institut für Gerichtliche Medizin wurde sein Körper obduziert.

Fast genau 24 Jahre später, im März 2000, verhandelte das Landgericht Schwerin gegen drei der vier Männer der „Einsatzkompanie“; die Anklage lautete auf versuchten Mord an dem am Boden liegenden Gartenschläger. Jedoch konnte nicht widerlegt werden, dass er wie von den Angeklagten behauptet, auch geschossen haben könnte, obwohl seine beiden Freunde das bestritten. Daher wurden die Todesschützen von Michael Gartenschläger nach dem Grundsatz „Im Zweifel für den Angeklagten“ freigesprochen. Auch ihre Vorgesetzten entgingen einer Strafe, weil ihre Aufforderung zum Mord eigentümlicherweise als verjährt gewertet wurde.

Am Todesort Michael Gartenschlägers steht ein Gedenkkreuz. Der Vorschlag, eine Straße in seinem Heimatort Strausberg nach ihm zu benennen, wurde 2006 mit den Stimmen von SPD und PDS abgelehnt.

Sven Felix Kellerhoff ist Leitender Redakteur bei WELTGeschichte. Zu seinen Themenschwerpunkten gehören neben dem Nationalsozialismus und jeder Form von Terrorismus die SED-Diktatur, ihre Geheimpolizei sowie Flucht und Fluchthilfe.

Source: welt.de