Wer ist schuld am Rechtsruck: Junge Männer, Arbeiter oder Ostdeutsche? Drei Mythen
„AfD bei Arbeitern stärker als die SPD“, schreibt die Süddeutsche Zeitung. „AfD-Erfolg in Rheinland-Pfalz: Ist die Jugend Schuld?“, fragt der Stern. „Der Rechtsruck als rein ostdeutsches Phänomen?“ – auch diese These hält sich seit Jahren.
Nach den jüngsten Landtagswahlen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz scheinen die Schuldigen einmal mehr schnell gefunden: Arbeiter, junge Männer, der Osten. Doch ein genauer Blick auf die Daten zeigt, dass diese Erzählungen oft zu kurz greifen. Doch wie lässt sich der Erfolg der AfD dann verstehen? Ein Überblick über gängige Mythen und komplexere Antworten.
Mythos 1: „Arbeiter wählen rechts“
Was stimmt: Laut Infratest dimap lagen in Baden-Württemberg die Stimmanteile von Arbeitern bei 37 Prozent. Die CDU landet dahinter mit 21 Prozent, die Grünen bei 18 Prozent und die SPD bei 5 Prozent. FDP und Linke hatten 5 beziehungsweise 4 Prozent. In Rheinland-Pfalz wählten demnach 39 Prozent der Arbeiter die AfD, 21 Prozent die SPD, 16 Prozent die CDU, jeweils 7 Prozent Linke und Freie Wähler und 3 Prozent Grüne.
In Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz bewerteten AfD-Wähler außerdem ihre eigene wirtschaftliche Lage als am schlechtesten ein. Gewerkschaftsmitglieder haben laut der Forschungsgruppe Wahlen in Rheinland-Pfalz wiederum häufiger AfD gewählt als Nichtmitglieder (23 zu 19 Prozent). Der AfD gelang es in beiden Ländern stark, Nichtwähler zu mobilisieren.
Was dabei jedoch zu beachten ist: Ein erheblicher Teil der Arbeiter*innen nimmt gar nicht an Wahlen teil – sei es, weil er nicht wahlberechtigt ist oder weil er sich politisch nicht vertreten fühlt. Zusätzlich basiert die Einstufung als „Arbeiter“ in den Umfragen auf Selbsteinschätzung der Befragten. Dies muss nicht zwingend der objektiven Situation entsprechen.
Linke Arbeiter wurden vergessen und demobilisiert
Der Politikwissenschaftler Tarik Abou-Chadi von der Universität Oxford führt in sozialen Medien aus: „Verwendet man objektive Daten über Berufe, ist die AfD keineswegs bei Arbeitern am stärksten.“ Auf Grundlage von Daten zu Parteinähe und Wahlverhalten der Langzeitstudie European Social Survey (ESS) argumentiert er, dass die Unterstützung der AfD fast ausschließlich bei Arbeitern zunimmt, die sich selbst als ideologisch rechts einstufen. Diese Gruppe habe jedoch auch zuvor keine linken Parteien gewählt. „Die Idee, die SPD verliere gerade ihre Kernwählerschaft an die AfD, ist schlicht falsch“, resümiert Abou-Chadi.
In eine ähnliche Richtung argumentiert auch der Soziologe Linus Westheuser vom Max-Planck-Institut zur Erforschung multireligiöser und multiethnischer Gesellschaften: „Man sieht auch absolut keinen Rechtsruck unter Arbeiter*innen, wenn man Rechts-Links-Positionierungen anschaut.“ Bezüglich der Einstellungen zu Migration, LGBT-Rechten oder Klimaschutz gebe es ebenso keinen Rückschritt. „Der Teil der Arbeiterklasse, der vorher schon rechts war, hat in der AfD eine Partei gefunden. Linke Arbeiter wurden dagegen vergessen und demobilisiert.“
Entscheidend ist damit also weniger eine ideologische Verschiebung als der Verlust politischer Verankerung in Teilen der Arbeiterklasse.
Übrigens: Im jüngst veröffentlichten Buch Oben rechts. Rechtspopulismus als Klassenprojekt wird schlüssig argumentiert, dass es analytisch verkürzt wäre, den Aufstieg rechter Bewegungen nur bei Arbeitern, Globalisierungsverlierern oder Abgehängten zu verorten. Es sei ebenso wichtig, auf jene zu blicken, die aus eigenen Interessen heraus die Entwicklungen aktiv antreiben: bestimmte Kapitalfraktionen und Milliardäre.
Mythos 2. „Junge Männer wählen rechts“
Was stimmt: In Baden-Württemberg wählten bei den 16- bis 24-Jährigen laut infratest dimap 16 Prozent die AfD, 28 Prozent die Grünen, 16 Prozent die CDU und 14 Prozent die Linken. SPD und FDP kamen auf je 6 Prozent. In Rheinland-Pfalz wählten wiederum 21 Prozent die AfD, 19 die SPD, 16 Prozent die Linken, 15 Prozent die CDU, 10 Prozent die Grünen und 3 Prozent die Freien Wähler. Den stärksten Anstieg bei jungen Menschen gab es bei der AfD und bei der Linken.
Was dabei oft übersehen wird: Der Sozialwissenschaftler Reto Mitteregger von der Berliner Humboldt-Universität wertete für alle Bundesländer die Wahlanteile der AfD nach Altersgruppen und Geschlechtern aus. Sein Befund: „In keinem Bundesland wählen 18- bis 24-jährige Männer mehr AfD als Männer zwischen 35 und 60.“
Mitteregger griff dabei auf repräsentative Wahlstatistiken der Landeswahlleiter sowie auf Daten der letzten Bundestagswahlen zurück. Dabei zeigen sich zwei zentrale Muster. Erstens: Männer aller Altersgruppen wählen in allen Bundesländern mehr AfD als Frauen – nur bei den Über-70-Jährigen in Bayern sei dies nicht der Fall. Zweitens: Männer über 70 wählen in allen Bundesländern am wenigsten AfD – außer in Berlin.
Die Gruppe von Männern, die in allen Bundesländern am meisten AfD wählt, sind die 35- bis 60-Jährigen
Der Forscher führt aus: „Die Gruppe von Männern, die in allen Bundesländern bei Landtags- oder Bundestagswahlen am meisten AfD wählt, sind die 35- bis 60-Jährigen und nicht die 18- bis 24-Jährigen.“ Aus seiner Sicht sei es wichtig, das Bild der „rechten jungen Generation“ nicht weiterzuverbreiten, da es von der Empirie nicht gestützt werde.
Mitteregger weist zudem darauf hin, dass der Anteil der 18- bis 24-Jährigen in einer alternden Bevölkerung eher gering ist – und damit auch ihr politischer Einfluss. Bei den Bundestagswahlen 2025 waren demnach nur 1,15 Prozent aller Personen, die gewählt haben, Männer im Alter zwischen 18 und 24. In der gesamten AfD-Wählerschaft machte diese Gruppe auch nur 4 Prozent aus.
Also Entwarnung? Der Politikwissenschaftler Julius Kölzer von der Humboldt-Universität und der Hertie School warnte zugleich vor der Dynamik in der Gruppe der Jüngeren. „Auch wenn junge männliche Wähler im Schnitt seltener AfD wählen als mittelalte Männer, konnte die AfD 2025 vor allem in ersterer Gruppe zulegen.“ Die AfD habe demnach bei der Bundestagswahl 2025 gegenüber 2021 nirgends so starke Zugewinne wie unter Männern der Altersgruppe 18 bis 24 erlebt. Gegenüber der vorherigen Bundestagswahl 2021 betrug das Plus 17,5 Prozentpunkte.
Die Wahlen entscheiden sich also letztlich in der mittleren Altersgruppe – Menschen, die als Jugendliche die Baseballschlägerjahre der 1990er erlebt haben. Ihre heutigen Kinder befinden sich zugleich in einem schnellen Radikalisierungsprozess.
Mythos 3. „Der Rechtsruck ist ein ostdeutsches Phänomen“
Was stimmt: Die AfD ist bei den Landtagswahlen in Baden-Württemberg (18,8) und Rheinland-Pfalz (19,5) unter ihren selbstgesteckten Zielen geblieben – nichtsdestoweniger hat sich in beiden Ländern rund jeder fünfte Wähler für ein Kreuz bei der extrem rechten Partei entschieden. Es waren die besten Ergebnisse, die die AfD bei westdeutschen Landtagswahlen gemacht hat, zugleich waren sie schlechter im Vergleich zur letzten Bundestagswahl.
In Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern, wo im September gewählt wird, liegt die AfD laut Umfragen derweil bei rund 39 beziehungsweise 35 Prozent. Dies macht es natürlich verlockend, den Rechtsruck vor allem weiter in ostdeutschen Bundesländern zu verorten und die Ergebnisse in den westlichen Ländern als „bundesdeutschen Normalfall“ zu deklarieren.
Ostdeutschland ist nicht Sonderfall, sondern politisches Laboratorium der extremen Rechten
Vor solch einer verharmlosenden Perspektive warnen jedoch zahlreiche Expert*innen „Wir haben bundesweit eine breite autoritäre Sehnsucht, die über einzelne Gruppen hinausgeht“, sagt etwa der Historiker und Politologe Mathias Wörsching im Freitag-Interview. Der Humangeograf Daniel Mullis fügt hinzu: „Ostdeutschland ist nicht Sonderfall, sondern politisches Laboratorium der extremen Rechten.“ 2026 erreiche demnach die AfD in Rheinland-Pfalz in etwa das Ergebnis, das sie 2021 in Sachsen-Anhalt erzielte – während sie dort inzwischen vor einem Wahlsieg steht.
Der Rechtsextremismus-Experte David Begrich vom Verein Miteinander aus Sachsen-Anhalt weist ebenso auf die „Aufholjagd“ des Westens hin. „Die Einzelergebnisse der AfD und ihr Erfolg in der Fläche spiegeln die Zahlen und Wähler*innenmilieus in Ostdeutschland bei den Wahlen 2020 und 2021“, so Begrich. Der gesellschaftliche Rechtsruck komme damit zeitverzögert auch in Westdeutschland an. „Gesellschaft und Politik sind gut beraten, die aktuellen Entwicklungen und die kommenden Wahlen in Ostdeutschland ernst zu nehmen.“
Fazit: Nüchtern analysieren – und weiter engagieren
Doch alles nun halb so wild? Verschiedene Mythen zu entkräften, kann zumindest nicht bedeuten, die realen Kräfteverhältnisse und Dynamiken zu ignorieren. Die Realität ist widersprüchlich: Entwarnung und Alarmzeichen liegen nah beieinander.
Die Journalistin Nelli Tügel verweist dabei auf verschiedene Faktoren, die sich aktuell gegenseitig verstärken: „Auch wenn der Anteil rechter Arbeiter*innen nicht beziehungsweise kaum gestiegen ist, so haben sie nun erstens eine eigene Partei, zweitens ist ein großer Teil der Arbeiter generell demobilisiert und drittens gibt es keine linke Hegemonie unter Arbeitern mehr.“ Dieser Gesamtzustand stärke die Rechten.
Der Erfolg der AfD speist sich damit weniger aus neuen Mehrheiten als aus alten Schwächen – aus einer Konstellation, in der bestehende Einstellungen politisch anders wirksam werden.
Ob sich das dreht, entscheidet sich nicht nur in der Analyse – sondern vor allem daran, ob es gelingt, wieder reale Verankerung in der Arbeiterklasse zu gewinnen und glaubwürdige Zukunftsperspektiven zu entwickeln.