Angriffe gen Israel: Warum greifen die Huthi jetzt in den Irankrieg ein?

Der Angriff kam unerwartet. Lange hatten sich die Huthi-Rebellen im Jemen aus dem Irankrieg herausgehalten und lediglich Drohungen ausgestoßen. „Unser Finger ist am Abzug“, hatte ein Militärsprecher noch am Freitag zum wiederholten Mal getönt. Wenig später feuerte die von Iran unterstützte Bewegung aber Raketen auf Israel ab. Es folgte laut Huthi-Angaben ein weiterer Schlag mit Raketen und Drohnen. Es seien „heikle militärische Ziele“ in Israel angegriffen worden, hieß es in einer Stellungnahme. Das israelische Militär meldete eine abgefangene Rakete.
Die Huthi kündigten an, sie würden ihre Angriffe erst einstellen, wenn die Attacken auf die „Achse des Widerstandes“ aufhörten – so nennt sich die von Iran geführte Allianz, die sich die Vernichtung Israels und die Vertreibung der USA aus dem Nahen und Mittleren Osten auf die Fahnen geschrieben hat. Auch die Huthi zählen dazu. Das Ziel ihres ersten Angriffs und die begleitende Propaganda erweckten indes den Eindruck, als versuchte die jemenitische Rebellenbewegung, die Eskalation zunächst zu begrenzen. „Kein muslimisches Volk“ solle angegriffen werden, beteuerte der Huthi-Militärsprecher.
Die Attacken der Huthi-Rebellen auf das relativ weit entfernt liegende und gut abgeschirmte Israel haben eher einen symbolischen Effekt und kaum einen militärischen. „Noch versuchen die Huthi, in den Krieg einzugreifen, ohne wirklich einzugreifen – noch wollen sie das Risiko und die Eskalation begrenzen“, sagt Farea al-Muslimi, ein jemenitischer Experte von der Denkfabrik Chatham House.
Das Risiko massiver amerikanischer Gegenschläge
Ein Angriff auf das benachbarte Saudi-Arabien oder die Vereinigten Arabischen Emirate, wo Ölanlagen wiederholt Ziel von iranischen Angriffen waren, hätte womöglich eine größere Wirkung gehabt. Ganz zu schweigen von Angriffen auf die internationale Schifffahrt, die der Weltwirtschaft empfindlich schaden könnten. Das Regime in Teheran blockiert schon die Straße von Hormus, einen strategisch wichtigen Seeweg, und würgt damit einen bedeutenden Teil des weltweiten Öl- und Gastransports ab. Die Raketen und Drohnen der Huthi-Rebellen bedrohen eine weitere Meerenge: das Bab al-Mandab, das „Tor der Tränen“. Jedes Schiff, das den Suezkanal passieren will, muss dieses Nadelöhr durchqueren; etwa ein Achtel des Welthandels verläuft durch den Kanal.
Aber Angriffe auf Nachbarn wie Saudi-Arabien unterliegen noch einer anderen Kosten-Nutzen-Abwägung: Die Huthi sind eigentlich dabei, sich mit dem Königreich, das sie über Jahre bekämpft hatten, zu arrangieren. Die Führung in Riad strebt nach Deeskalation und einem gesichtswahrenden Ausstieg aus dem Jemenkonflikt. Die Huthi, die weite Teile des Nordjemens und die Hauptstadt Sanaa beherrschen, können auf dringend benötigte finanzielle Zuwendungen des reichen Nachbarn als Friedensdividende hoffen.
Angriffe auf die internationale Schifffahrt bergen das Risiko massiver amerikanischer Gegenschläge. Die heftigen Luftangriffswellen von vor etwa einem Jahr haben die Huthi-Rebellen noch in schmerzhafter Erinnerung. Sie hatten sich nach übereinstimmender Einschätzung von Beobachtern zuletzt auch darauf konzentrieren wollen, ihre innerjemenitische Machtstellung zu konsolidieren. In der Bevölkerung ist Iran unbeliebt. Die Huthi hoben daher in ihrer Propaganda auch hervor, der neuerliche Beschuss Israels sei nicht zuletzt ein Akt der Solidarität mit den Palästinensern und den arabischen Verbündeten Teherans.
„Der Geist ist jetzt aus der Flasche“
Es wird vermutet, dass das iranische Regime seine eigensinnigen jemenitischen Waffenbrüder schon seit Längerem zum Eingreifen gedrängt hat. Die Huthi waren außerdem von ihren Widersachern im Jemen und im Ausland für ihre Zurückhaltung verspottet worden. Ihr Eingreifen fällt in eine Zeit, in der Washington Verhandlungen das Wort redet – zugleich aber die Präsenz von Bodentruppen in der Region erhöht.
Der Jemen-Experte Farea al-Muslimi hat Zweifel daran, dass es den Huthi gelingen wird, die Eskalation zu begrenzen. „Der Geist ist jetzt aus der Flasche“, sagt er. Aus den Reihen der Huthi kommen bereits Drohungen, die Intervention weiter zu verschärfen. Der stellvertretende Informationsminister der Führung in Sanaa, Muhammad Mansour, sprach am Samstag von einem „Kampf in mehreren Phasen“. Die Blockade des Bab al-Mandab „gehört zu den Optionen“, drohte er.
Die EU-Marine-Mission teilte am Sonntag mit, nach ihrer Einschätzung hätten die Huthi ihre Unterstützung für Iran verstärkt – sie habe daher aktualisierte Leitlinien für die Schifffahrtsbranche herausgegeben.
Source: faz.net