Die Erinnerung an die Vertreibung darf nicht politischem Kalkül geopfert werden
Bis heute löst die Vertreibung von Millionen Deutschen aus Osteuropa nach dem Zweiten Weltkrieg politische Kontroversen aus. Aktuell geht es um den neuen Chef der „Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung“ in Berlin.
Die Vertreibung und Flucht von zwölf bis 14 Millionen Deutschen aus den Ostgebieten des Deutschen Reichs sowie Ost- und Südmitteleuropa gehört zu den großen Tragödien und Verbrechen des 20. Jahrhunderts. Es gibt kaum eine deutsche Familie, die davon nicht betroffen war. Anders aber als andere Geschichten von Flucht und Vertreibung – man denke etwa an die Palästinenser – ist diese Erzählung im heutigen Deutschland kaum präsent.
Das war früher anders. Als ich in den 1960er-Jahren zur Schule ging, waren die Ostgebiete in unseren Atlanten als „zurzeit unter polnischer Verwaltung“ markiert. Funktionäre des mächtigen Bundes der Vertriebenen (BdV) sprachen regelmäßig zu uns, unsere Lehrer schwärmten von den Schönheiten Schlesiens und Ostpreußens, von Danzig und Breslau.
Nach 1968 änderte sich das. Anstelle von Selbstmitleid trat Selbstanklage. Der Verlust der Ostgebiete galt vielen als gerechte Strafe für Hitlers Krieg. Willy Brandts Ostpolitik verlangte überdies Behutsamkeit Polen gegenüber. Die Vertriebenen wurden zum Ärgernis. Und mit ihnen die Geschichte selbst. Als würde die Erinnerung daran, dass Millionen Deutsche Opfer wurden, vergessen machen, dass Millionen Deutsche Täter oder Mittäter waren.
Auch heute ist die „Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung“, die mit einer Dauerausstellung in ihrem Berliner Haus an jene Geschichte erinnert, ein Politikum. Kürzlich beschloss der Stiftungsrat auf Betreiben des BdV, den Vertrag von Direktorin Gundula Bavendamm nicht zu verlängern. Der BdV warf ihr vor, im Ausstellungskatalog eine „Kausalität“ zwischen den NS-Kriegsverbrechen und der Vertreibung hergestellt zu haben.
Die es ja gibt. Sowas kommt von sowas. Aber es hätte anders kommen können, wenn die West-Alliierten bereit gewesen wären, der ethnischen Säuberung im Osten entgegenzutreten. Der Erhalt der Anti-Hitler-Koalition mit Stalin war ihnen jedoch wichtiger als das Leid deutscher Flüchtlinge. Was man politisch verstehen kann, ohne es moralisch zu billigen.
Der BdV hätte gern jemanden aus seinen Reihen als Direktor etabliert. Und glaubte aufgrund von Andeutungen im Koalitionsvertrag, Friedrich Merz auf seiner Seite zu haben. Doch gegen den BdV-Mann protestierte der Wissenschaftliche Beraterkreis der Stiftung. Aus Polen kam vernehmliches Grummeln. Es drohte ein geschichtspolitischer Eklat, der vor allem der rechtskonservativen polnischen Oppositionspartei PiS genutzt hätte, die keine Gelegenheit zum Deutschland-Bashing auslässt – und Russland, das sich über jeden Zwist unter seinen Gegnern freut.
Und so wurde von Merz sanfter Druck ausgeübt, und man einigte sich auf einen Kompromisskandidaten: Roland Borchers, stellvertretender Leiter des Dokumentationszentrums NS-Zwangsarbeit in Berlin-Schöneweide. Schon als Kind ist Borchers mit seinen Eltern oft nach Polen gefahren, er hat einfühlsam über polnische Zwangsarbeiterinnen geschrieben. Niemand kann ihm antipolnische Ressentiments unterstellen.
Umso wichtiger wird es sein, dass er die oft als „steril“, hyperdidaktisch und unempathisch empfundene Dauerausstellung reformiert. Die Vertriebenen haben sich vorbildlich integriert, verzichteten früh auf die gewaltsame Durchsetzung ihres Rechts auf Heimat. Ihre Geschichte enthält viele Lehren für ein Land, das wieder zum Ziel von Flüchtlingen geworden ist.
Diese Geschichte sollte auch um ihrer selbst willen mit Achtung vor den Opfern und mit Empörung über das Unrecht erzählt werden. Niemand will Polen etwas wegnehmen. Aber die Erinnerung darf nicht politischem Kalkül geopfert werden.
Source: welt.de