Der Wal und wir
Millionen Menschen verfolgen das Schicksal des gestrandeten Buckelwals in der Ostsee. Solche Anteilnahme fordern Tierschützer auch für das tägliche Leid in der Massentierhaltung. Aber wenn es um Mitleid geht, gibt es keine Gerechtigkeit.
Seit Tagen dominiert das Schicksal des in der Ostsee gestrandeten Buckelwals die Nachrichtenlage. Vielen Lesern schienen Neuigkeiten zum Wal wichtiger zu sein als der Todeskampf der SPD und das Ringen um Reformen in der Koalition, wichtiger als die Diskussion über amerikanische Bodentruppen im Iran, wichtiger als die Benzinpreise oder die Gala von Florian Wirtz im Länderspiel gegen die Schweiz, ja, sogar wichtiger als das Drama um Christian Ulmen und Collien Fernandes.
Eskapismus mag angesichts der düsteren Nachrichtenlage eine Rolle spielen. Aber vor allem ist es die Anteilnahme am Schicksal eines leidenden Individuums, einer unschuldigen Kreatur, eines friedlichen Giganten, dessen Irrfahrt ihn in Lebensgefahr gebracht hat.
Wo bleibt dieses Mitleid, beklagen Tierschützer, angesichts der Grausamkeiten des kommerziellen Walfangs, angesichts der Leiden von Legehennen oder Rindern in den Schlachthöfen?
Aber wenn es um die Anteilnahme des Publikums geht, gibt es keine Gerechtigkeit. Süße Geschöpfe wie junge Kegelrobben erhalten in ihrer Not viel größere Aufmerksamkeit als etwa das vietnamesische Saola-Waldrind, von dem es nur noch 250 Exemplare geben soll, oder der Trauer-Rosenkäfer, der in Bayern vom Aussterben bedroht ist. Manche Tiere sind zwar süß und uns sehr nah, Kälber etwa oder Schweine, müssen aber in Fleischfabriken leiden, ohne dass es große Proteste dagegen gibt.
Wale gehören in die Kategorie Kegelrobben. Sie sind sanfte und soziale Wesen und schön anzuschauen, wie sie majestätisch durch die Tiefe gleiten oder manchmal aus dem Wasser herausschießen, um sich auf den Rücken fallen zu lassen. Das können Heringe nicht.
Jahrtausende lang wurden Wale gejagt
Dabei ist die Anteilnahme für die riesigen Meeressäuger historisch gesehen ein vergleichsweise junges Phänomen. Bevor Moral und Ästhetik unsere Beziehung zum Wal prägten, wurde er gejagt, jahrtausendelang – damit die Menschen überleben konnten. Die Tiere lieferten Fleisch, und aus ihrem Fett ließen sich Produkte wie Lampenöl herstellen. In Hamburg-Altona stach 1836 der letzte Walfänger in See, aus Elmshorn legte noch im Jahr 1872 ein Walfangschiff ab.
Heute laufen in der Ostsee Schiffe aus, um einen verirrten und gestrandeten Buckelwal zu retten. Das ist ein Fortschritt. Arthur Schopenhauer schrieb schon 1841: „Mitleid mit Tieren hängt mit der Güte des Charakters so genau zusammen, dass man zuversichtlich behaupten darf, wer gegen Tiere grausam ist, könne kein guter Mensch sein.“
Source: welt.de