„Bismarck ist ihm regelrecht in den Arsch gekrochen“

Als Gründer des Deutschen Reiches ist Otto von Bismarck in die Geschichte eingegangen. Dass Wilhelm I. dagegen als seniler Grüßaugust gilt, sei eine Verkehrung der Tatsachen, sagt der Historiker Jan Markert und präsentiert verblüffende Quellenfunde.

Mit seiner Biografie „Wilhelm I.“ (De Gruyter Oldenbourg, 780 S., 49,95 Euro) hat der Historiker Jan Markert ein generationenübergreifendes Geschichtsbild erschüttert: Nicht der preußische Ministerpräsident Otto von Bismarck soll die treibende Kraft bei der Gründung des Deutschen Reiches gewesen sein, sondern der König und spätere Kaiser. Der Hohenzoller, von dem das unbelegte Zitat umgeht, es sei „nicht leicht, unter Bismarck Kaiser zu sein“, müsse als eigenständiger politischer Akteur verstanden werden, argumentiert Markert, der an der Universität Trier arbeitet. Wir trafen ihn während der Aufnahmen für eine ZDF-Dokumentation in Berlin.

WELT: Wir sind es gewohnt, die Gründung des deutschen Nationalstaats mit Otto von Bismarck zu verbinden, so sehr, dass vom Bismarckreich die Rede ist. Das soll falsch sein?

Jan Markert: Bismarck war allenfalls ein Reichsgründer. Wilhelm I. war allerdings der maßgebliche Entscheider, zum einen wegen seiner Agenda, zum anderen wegen seiner politischen Durchsetzungsfähigkeit. Alles, was Bismarck immer zugeschrieben wird, die Revolution von oben, das Spannen der Nationalbewegung vor den Karren der Monarchie, die Einbindung der Liberalen und damit die Stärkung von Preußens Macht, das findet sich alles Jahrzehnte vorher bei Wilhelm, bevor Bismarck nur einen Satz darüber verliert.

WELT: Welche Quellen lassen diese Aussagen zu?

Markert: In Wilhelms Briefen sowie den Tagebüchern und Gesprächsaufzeichnungen seiner Umgebung seit der Revolution von 1848, in der die deutsche Frage neu aufgeworfen wurde. Er zieht daraus den Schluss, dass Preußen als kleinste Großmacht außenpolitisch gestärkt und innenpolitisch die Monarchie neu legitimiert werden müssen, um die Gefahr einer neuen Revolution zu bannen. Da entsteht die Idee, die Hohenzollern zur deutschen National-Dynastie zu machen. Wilhelm fordert genau das, was wir später mit Bismarck verbinden: Kleindeutscher Nationalstaat in Verbindung mit der Nationalbewegung, die mit parlamentarischen Zugeständnissen ruhig gestellt wird, ohne die Herrschaft der alten Eliten zu schmälern. Ziel war ein Fürstenbund unter preußischer Führung. Als Wilhelm 1858 Prinzregent für seinen erkrankten Bruder Friedrich Wilhelm IV. wurde, setzte er alles daran, dieses Projekt durchzusetzen.

Lesen Sie auch

WELT: Warum ist das noch keinem Historiker aufgefallen, man denke nur an die großen Bismarck-Biografien von Lothar Gall, Ernst Engelberg oder Otto Pflanze?

Markert: Weil sie weitgehend Bismarcks späteren Darstellungen gefolgt sind. Und weil der Nachlass Wilhelms abschreckend groß ist. 27,5 Regalmeter, das Meiste im Geheimen Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz in Berlin. Ich konnte mehr als 9000 Briefe identifizieren. Etwa 6000 davon sind entweder noch ungedruckt oder nur in Auszügen ediert. Das Gros war für meine Fragestellung uninteressant. Aber in Hunderten Schriftstücken formuliert Wilhelm doch sehr konkret sein politisches Credo.

WELT: Welche Rolle spielt darin die Revolution von 1848, in der er ja den „Kartätschenprinzen“ gab, der nach England fliehen musste?

Markert: Das ist sein Trauma, der absolute Tiefpunkt seiner Biografie, der ihn noch im hohen Alter umtreibt. Weil er zum einen um sein Leben fürchten musste, und zum anderen, weil für ihn damals die Systemfrage gestellt wurde, die scheinbar auf den Sturz der Monarchie hinauslief. Das in Zukunft zu verhindern, wurde zum Kern von Wilhelms politischer Agenda. Wenn sich nur irgendwo Opposition rührte, sah er sofort wieder die Barrikaden in den Berliner Straßenkämpfen von 1848. Das provozierte 1862 den sogenannten Verfassungskonflikt, in dem die liberale Mehrheit im Abgeordnetenhaus ihre Zustimmung zu der vom König betriebenen Heeresreform verweigerte.

WELT: Warum berief Wilhelm ausgerechnet Bismarck zum Ministerpräsidenten und damit Problemlöser?

Markert: Seit Wilhelm 1858 die Regentschaft übernommen hatte, war ihm Bismarck – salopp gesagt – regelrecht in den Arsch gekrochen. Über Mittelsmänner, in Denkschriften, bei persönlichen Treffen warb er für sich, indem er dem König untertänig versicherte, dessen Ziele durchzusetzen. Nach seiner Berufung 1862 erkannte er jedoch schnell, dass sein Handlungsspielraum sehr begrenzt war.

WELT: Lothar Gall beschrieb Bismarck als einen „Konfliktminister“, der unter der Devise antrat, die bestehende Ordnung mit allen Mitteln zu verteidigen, und der damit für zweieinhalb Jahrzehnte zur „zentralen Figur der deutschen Politik“ wurde.

Markert: Bismarck blieb gar nichts anderes übrig. Kaum im Amt versuchte er es wie seine Vorgänger mit Verhandlungen mit der Opposition. Aber da pfiff ihn Wilhelm unmissverständlich zurück. Denn er war alles andere als der politisch unbedarfte Grüßaugust, als der er oft dargestellt wird. Minister, die von seiner Linie abwichen, wurden ausgewechselt, sodass sogar das Wort vom „persönlichen Regiment“ umging. Bismarck erkannte, dass er nur dann Ministerpräsident bleiben konnte, wenn er sich die Direktiven seines Herrn zu eigen machte und Widerstand kompromisslos bekämpfte, wenn es sein musste, auch unter Umgehung der Verfassung.

WELT: Oder mit Kriegen.

Markert: Ja. Aber auch da spielte der König eine entscheidende Rolle. Anders, als Bismarck das später darstellte, musste Wilhelm zu keinem der sogenannten drei Einigungskriege gedrängt werden. Sowohl 1864 als auch 1866 und 1870 nutzte der König die außenpolitischen Konfliktsituationen, um Preußens Macht in Deutschland zu vergrößern. Bismarck arbeitete Wilhelms Direktive auf der diplomatischen Ebene entgegen. Diese Erfolge erweiterten seinen politischen Handlungsspielraum von Königs Gnaden.

WELT: Warum aber musste Bismarck im Januar 1871 den König geradezu zwingen, die Kaiserkrone anzunehmen. Wilhelm beklagte sich bitter, „den preußischen Titel verdrängt zu sehen“. Er soll sogar daran gedacht haben, zugunsten seines Sohnes zurückzutreten.

Markert: In seinen Briefen vom Winter 1870/71 bezeichnet Wilhelm die Kaiserfrage als nebensächliche „Titelaffaire“ und jubelt wiederholt, dass mit der Reichsgründung seine politische Strategie seit 1848 endlich aufgegangen ist. Er wollte immer an der Spitze Deutschlands stehen, den Kaisertitel verband er aber mit dem mittelalterlichen, von den Habsburgern beherrschten Heiligen Römischen Reich. In dieser Nebenfrage war er bereit nachzugeben, da die Grundsatzfrage der preußischen Oberherrschaft geklärt war. Bismarck musste seinen Souverän nicht in das Kaiserreich zwingen – im Gegenteil.

WELT: Wenn Bismarck zumindest bis 1871 nicht diese zentrale Figur in der preußischen Politik gewesen ist, sondern eher als Erfüllungsgehilfe Wilhelms agierte, wie wird dann aus ihm diese übermächtige Persönlichkeit?

Markert: Weil er zehn Jahre länger lebte als Wilhelm. Und dessen Nachlass lange Zeit verschlossen in Archiven blieb. Nach seiner Entlassung durch Wilhelm II. 1890 entfesselte Bismarck dagegen eine publizistische Kampagne, um seine historische Rolle festzuschreiben. Er gab Interviews, lancierte Presseartikel. Er wählte die Quellen für Heinrich von Sybels siebenbändige „Begründung des Deutschen Reiches durch Wilhelm I.“ aus, das lange Zeit als Referenzwerk galt. Die kurz nach seinem Tod publizierten „Gedanken und Erinnerungen“ wurden Bestseller, weil sie einen genialen Staatsgründer und -lenker präsentierten, der sich wohltuend von Irrlichterei und Skandalen Wilhelms II. abhob. Spätere Bismarck-Biografen folgten weitgehend dieser Darstellung. Quellen von und um Wilhelm I. wurden meist ignoriert.

WELT: Ein Rezensent hat Ihnen vorgehalten, damit den Bismarck-Zentrismus durch einen Wilhelm-Zentrismus zu ersetzen. Ein Beispiel ist die berühmte Episode nach der Schlacht von Königgrätz 1866 während der Friedensverhandlungen mit Österreich in Nikolsburg. Bismarck schreibt, es wäre ihm nur mit der Unterstützung des Kronprinzen Friedrich Wilhelm gelungen, den König und seine Generäle von der Forderung nach Annexionen und dem triumphalen Einmarsch in Wien abzuhalten. Sie schreiben, dass es diesen „Kriegsrat“ nie gegeben hat.

Markert: Keiner der Anwesenden erwähnt diesen Streit, wie überhaupt die Generäle keineswegs für eine Fortsetzung des Krieges votiert haben. Dass er seinen Vater von Gebietsabtretungen abbringen konnte, erwähnt der Kronprinz in seinen Tagebüchern. Aber keine Rede vom geplanten Einmarsch. Wilhelm verwirft diese Idee sogar explizit in seinen Briefen.

WELT: Walther von Loë, als Generaladjutant viele Jahre enger Vertrauter Wilhelms I. und als Katholik kein Freund Bismarcks, zitiert jenen in seinen Memoiren: „Es ist mir sehr schwergefallen, (1866) meiner Armee den wohlverdienten Einzug in die Hauptstadt zu versagen. Aber der Ministerpräsident hatte recht, dies Opfer im Hinblick auf die Zukunft von mir zu fordern.“

Markert: Loës „Erinnerungen“ erschienen 1906. Wie auch andere Passagen zeigen, wurden darin diverse Quellen kompiliert. Bismarcks Version des Nikolsburger Kriegsrats war da ja längst auf dem Markt. Es gibt mehrere solcher Beispiele, wo Zeitgenossen Wilhelms I. nach dessen Tod auf den publizistischen Bismarck-Mythos aufspringen.

WELT: Könnte man die Bismarck- und die Wilhelmgeschichten folgendermaßen verbinden: Vor der Reichsgründung erwirtschaftete der Ministerpräsident durch kluges Eingehen auf die königlichen Wünsche den politischen und menschlichen Kredit, mit dem er als Reichskanzler weitgehend selbstständig agieren konnte. Als Bismarck mal wieder mit Rücktritt drohte, soll Wilhelm geseufzt haben: „Wie können Sie nur daran denken, dass ich auf Ihren Gedanken eingehen könnte. Mein größtes Glück ist es ja, mit Ihnen zu leben und immer fest einverstanden zu sein.“

Markert: Dass er Bismarck als Reichskanzler weitgehend freie Hand ließ, ist richtig. Aber Wilhelm hat bis zu seinem Tod die politische Richtlinienkompetenz ausgeübt, der Bismarck folgen musste. Der Kaiser hatte immer das letzte Wort. Und er hat seinem Kanzler rote Linien gezogen, die dieser nicht überschreiten durfte. Bismarck hat sich dem Monarchen immer untergeordnet und konnte nur dadurch selbst Macht ausüben. Deshalb kann man nach der Reichsgründung von einem erfolgreichen Entscheidungsduo sprechen.

Schon in seiner Geschichts-Promotion beschäftigte sich Berthold Seewald mit Brückenschlägen zwischen antiker Welt und Neuzeit. Als WELT-Redakteur gehörte das 19. Jahrhundert zu seinem Arbeitsgebiet.

Source: welt.de