Kolumne: Beisenherz: 15 Minuten Scham








Unser Kolumnist Micky Beisenherz blickt fassungslos auf den Fall Collien Fernandes. Doch mit Betroffenheit und Worten allein wird sich nichts ändern – ein Aufruf.

Nein, ich als Mann habe mich nicht geschämt. Knalliger Einstieg, ich weiß. Ich habe mich gewundert. Ich war unangenehm berührt. Über die schiere kriminelle Energie fassungslos, ja sicher.



Geschämt habe ich mich nicht. Hätte ich vermutlich öffentlich tun sollen. So wie es pflichtschuldig viele Männer im Internet getan haben, nachdem öffentlicht geworden war, was Christian Ulmen Collien Fernandes gestanden haben soll. Von digitaler Vergewaltigung ist die Rede. Mehr als zehn Jahre lang soll ein Mann die Identität seiner Frau missbraucht und in ihrem Namen pornographische Inhalte geteilt haben. Das wurde zunächst salopp als Fetisch deklariert, ist aber ein Akt besonderer Grausamkeit.

Feiger geht’s kaum

Schnell sind die Leute dabei, diesen Fall mit dem Schicksal von Gisèle Pelicot gleichzusetzen. Doch der Fall Pelicot ist ein Jahrhundertverbrechen. Und einer dutzendfachen, organisierten körperlichen Vergewaltigung spricht man die Besonderheit ab, wenn man sie mit anderen Taten in einen Topf wirft. Gleichwohl gibt es eine geistige Verwandtschaft: Der schwache Mann, der sich der Frau unterlegen fühlt und sie auf die hinterhältigste Weise demütigt. Feiger geht’s kaum. Um es mit Oscar Wilde zu sagen: „Alles auf der Welt dreht sich um Sex, außer Sex. Beim Sex geht es um Macht.“


Als der Vorgang bekannt wurde, haben sich wieder die gleichen reflexartigen Abläufe ergeben, die wir bei Aufregern wie Nazi-Liedern auf Sylt, Gil Ofarim und Corona-Maßnahmen erlebt haben. Der eigentliche Sachverhalt steht fünf Minuten im Fokus, danach ergießt sich Social Media in peinlicher Selbstdarstellung, gegenseitiger Anklage, Freund-Feind-Erzählungen, Fingerpointing, Lächerlichmachung. Accounts werden abgescannt: Wer hat sich geäußert? Wer hat zu lange gewartet? Wer schweigt und macht sich selbstverständlich zum Mittäter? Arme Teufel, die auf roten Teppichen frisch von den News überrumpelt worden waren, glaubten, sich vor dem Mikro mit dem Wort „Unschuldsvermutung“ über die Zeit retten zu können und wurden danach an den Eiern durch wütende Insta-Reels gezerrt.

Andere posteten unter dem Bekenntnisdruck zitternd Solidaritätsadressen. Wieder andere Männer lackierten sich rhetorisch die Fingernägel, gaben sich ultrabetroffen, molken ihre „15 minutes of shame“, bastelten sogar handschriftliche Insta-Kacheln und bekamen für diese Selbstreflexions-Scharade haufenweise Herzchen! Knallt wie Goldregen an Silvester, und am nächsten Tag müssen es schon wieder die Frauen wegfegen.




Weniger reden, mehr handeln

Erst, wenn man bereit ist, im Beruf Frauen ihren rechtmäßigen Platz einzuräumen (womöglich sogar den eigenen?), sich für ein sicheres Klima im Alltag einzusetzen, das männlich dominierte Umfeld zu sensibilisieren, dann ist etwas gewonnen. Wir müssen Einheiten bilden, anstatt neue Fronten aufzumachen.


Micky Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier

Mein Name ist Micky Beisenherz. In Castrop-Rauxel bin ich Weltstar. Woanders muss ich alles selbst bezahlen. Ich bin ein multimedialer (Ein-)gemischtwarenladen. Autor (Extra3, Dschungelcamp), Moderator (ZDF, NDR, ProSieben, ntv), Podcast-Host („Apokalypse und Filterkaffee“), Gelegenheitskarikaturist. Es gibt Dinge, die mir auffallen. Mich teilweise sogar aufregen. Und da ständig die Impulskontrolle klemmt, müssen sie wohl raus. Mein religiöses Symbol ist das Fadenkreuz. Die Rasierklinge ist mein Dancefloor. Und soeben juckt es wieder in den Füßen

Nein, ich schäme mich nicht. Aber ich bin mir meiner Verantwortung bewusst, mich anständig zu verhalten. So zu handeln, wie ich rede. Oder besser: Weniger reden, mehr handeln. Egal, wie der Fall Ulmen/Fernandes ausgehen wird: Dass so viele Menschen auf die Straße gehen, um einen jahrzehntelangen Missstand, die Schutzlosigkeit von Frauen vor Gewalt, zu beheben und das Momentum zu nutzen, um die Rechtslage zu verändern, das ist ein positiver Ausgang eines ansonsten schablonenhaften Verhaltens in sozialen Netzwerken. Und den vielen Mitmännern sei das Zitat des eben verstorbenen Alexander Kluge an die Hand gegeben: Moral ist eine Haltung, aber keine Leistung.

Source: stern.de