Christopher Clarks neues Buch: Ein Sexskandal im keuschen Preußen

Was ist ein Skandal? Christopher Clarks anfängliche Kamerafahrt zum Zentrum der Gerüchte beinhaltet bereits eine Deutung seines Königsberger Falls aus den Dreißigerjahren des 19. Jahrhunderts. Sie beginnt in einer Vogelperspektive auf die Stadt, bevor der Zoom bei den markanten Gesichtern der Protagonisten der anrüchigen Geschichte anlangt. Denn lokale preußische Kontexte sind auch hier alles, mutmaßt der australische Historiker. Es seien Vorgänge, die eine keusche Feder nicht beschreiben kann, schrieben Zeitgenossen verhüllend. Sie hatten recht.

Zwei eigenwillige Kirchenmänner stehen im Zentrum von Clarks gut erzählter kleiner Geschichte, die mit großen Themen endet. Die beiden Theologen hatten eine spezielle Deutung der Heiligen Schrift gefunden. Ereignisse von Erleuchtung, die weit über das verstandesmäßige Begreifen hinausgehen und die das theologische Studium ihnen nicht verschaffen konnte, hatten sie zu neuen Überzeugungen geführt. Diese Lehre beinhaltete eine vergrößerte Dimension subjektiven religiösen Empfindens, die in jenen Jahren auf gesellschaftliche Resonanz stieß. So entstand eine kleine lutherische Sekte, die ebenso hingebungsvolle Anhänger wie leidenschaftliche Gegner besaß.

Zwei Frauen infolge exzessiver Erregung gestorben

Bei einem seiner perspektivischen Schnitte zitiert Clark zu Beginn eines Kapitels den vor einigen Jahren verstorbenen US-Außenminister und Strategen Henry Kissinger: Dispute unter Gelehrten seien nur deshalb so erbittert, weil dabei so wenig auf dem Spiel stehe. Clark steht selbst vor der Herausforderung, eine Gerüchte- und Denunziationskampagne deuten zu müssen, die nicht nur auf den ersten Blick rätselhaft erscheint. Denn die zweifellos obskur wirkenden Lehren der beiden Theologen schienen für sich genommen keineswegs ausreichend, um den öffentlichen Furor zu erklären.

Christopher Clark: „Skandal in Königsberg“. Eine Geschichte von Moral, Medien und Politik aus dem alten Preußen.
Christopher Clark: „Skandal in Königsberg“. Eine Geschichte von Moral, Medien und Politik aus dem alten Preußen.DVA

Die Bibel müsse wörtlich aufgefasst werden, lautete einer der Glaubenssätze der neu gegründeten Sekte. Das führte tatsächlich zu ziemlich kuriosen Interpretationen, wonach Jesus wirklich ein Rebstock gewesen sein müsse. Ihre Gegner hingegen beschuldigten die beiden Theologen, ihre Anhänger zu sexuellen Lastern aufgestachelt zu haben. Zwei junge Frauen sollen sogar infolge exzessiver Erregung an Erschöpfung gestorben sein, hieß es. Es folgten kirchliche, administrative und juristische Ermittlungen, bei denen sie zunächst für schuldig befunden und später wieder freigesprochen wurden. Clark schildert die Vorgänge in der von Berlin weit entfernten preußischen Provinz umfassend und womöglich detaillierter, als man es wissen will, bevor er selbst in einer Art Plot-Twist die Skandalisierung verkehrt und seinerseits dorthin zeigt, wo der eigentliche Missstand zu finden sei: im Missbrauch einer publizistischen Öffentlichkeit durch selbstgerechte Akteure der preußischen Verwaltung.

Verwaltung sei ein „Prozess des kontrollierten Umbruchs“, formuliert Clark schön an einer Stelle und sympathisiert mutmaßlich mit diesem politisch-historischen Amtsverständnis. Im vormärzlichen Preußen verarbeiteten Clarks Interpretation zufolge religiöse Bewegungen die auch seelisch herausfordernden Innovationen der Moderne.

Die problematischen Seiten der Medienöffentlichkeit

Aber es gab noch einen weiteren Grund, warum sich der Disput so aufheizte. Denn die theologischen Lehren der neuen Sekte stießen vor allem auf Anklang bei Frauen, welche sich ganz besonders gesehen und verstanden fühlten – zumal in sehr delikaten Fragen, die den sexuellen Aspekt der Seelsorge nicht aussparten. Die Denunziation durch Männer war demnach eine Art reaktionäre Revolte gegen sexuelle Aufklärung und Selbstbestimmung der Frauen, meint Clark, und er weist klug darauf hin, wie wenig wir über diese seelsorgerische Funktion von historischen Kirchendienern als Eheberater und Therapeuten wissen.

Skandalös waren in Clarks Leseweise weder diese neue lokale Interpretation von empfindsamer Frömmigkeit samt ihren sexuellen Dimensionen noch der Widerstand dagegen. Auch die Verfahrensfehler von Justiz und Verwaltung werden zwar notiert, sind aber nicht der eigentliche Knackpunkt. Vielmehr fokussiert Clark auf die problematischen Seiten einer Medienöffentlichkeit vor rund zweihundert Jahren, in der Presse, Funktionäre und Publizisten beim Umgang mit böswillig lancierten Gerüchten ebenso fatal wie absichtsvoll zusammenwirkten und sogar die Justiz manipulierten.

Sie mögen selbst keinen bösen Vorsatz gehabt haben – glaubten sie doch fest, die moralisch richtige Sache gegen mutmaßliche Unzüchtigkeit zu vertreten. Aber sie scheuten sich nicht, die Medien autoritär zu manipulieren. Die so beeinflusste Öffentlichkeit war daher keineswegs ein Beispiel für die Vernunft stiftenden Tugenden im Sinne der Habermas’schen Öffentlichkeit, sondern das empirisch finstere Gegenteil.

Christopher Clark: „Skandal in Königsberg“. Eine Geschichte von Moral, Medien und Politik aus dem alten Preußen. Aus dem Englischen von Norbert Juraschitz. DVA, München 2025. 224 S., Abb., geb., 25,– €.

Source: faz.net