Wirklich von de Chirico?: Die Sache mit den Echtheitszertifikaten

Der italienische Maler Giorgio de Chirico (1888 bis 1978) gehört zu den Künstlern, deren Werke bis heute massenhaft gefälscht werden. Dabei geht nicht nur der Kunsthandel mitunter zu sorglos mit der Frage nach der Urheberschaft um. Auch die Authentifizierung von Werken durch die Fondazione Giorgio e Isa de Chirico in Rom kann problematisch sein, wie das folgende Beispiel zeigt. Am 24. Oktober 2025 wurde bei Christie’s in Paris auf der Auktion „Art Moderne“ ein kleinformatiges Ölgemälde unter dem Titel „Rose“, das bisher in keinem Werkverzeichnis dokumentiert ist, versteigert. Das Blumenstillleben soll von de Chirico stammen und brachte nach einem Bietergefecht mehr als 114.000 Euro brutto ein.

Vor der Auktion hatte sich der Kunsthistoriker und De-Chirico-Experte Gerd Roos an Christie’s gewandt. Er beschäftigt sich seit vier Jahrzehnten mit dem Künstler, hat Bücher, Aufsätze und Katalogtexte über ihn verfasst und Ausstellungen für Museen kuratiert. Nach seiner Meinung handelt es sich bei dem Gemälde „Rose“ um ein „Machwerk“ des berüchtigten Fälschers Renato Peretti aus San Remo, der von Mitte der Fünfziger- bis Mitte der Siebzigerjahre zahllose betrügerische Bilder produzierte.

Zwei ähnliche, aber nicht identische Motive

Das Museo Mario Rimoldi in Cortina d’Ampezzo besitzt ein Gemälde de Chiricos von 1963 mit dem Titel „Rose (Fiori)“, dessen Echtheit der Künstler auf der Rückseite durch seine notariell beglaubigte Unterschrift bestätigt haben soll. Bisher gibt es keine Indizien dafür, dass dieses Bild kein Original ist. Es zeigt ein zwar nicht identisches, aber sehr ähnliches Motiv wie das Werk bei Christie’s. Eine Fotografie des „Fiori“-Gemäldes konnte im Bildarchiv des Fälschers Peretti aufgespürt werden. Gerd Roos vermutet, dass er diese Abbildung als Vorlage für eine eigene Variante verwendet haben könnte. Auf der Rückseite des bei Christie’s versteigerten „Rose“-Bildes finden sich ein Galerienstempel und ein Namenszeichen, die beide unleserlich sind, was dubios erscheint.

Zum Vergleich: Giorgio de Chirico, „Rose (Fiori)“, um 1963 im Museo Mario Rimoldi
Zum Vergleich: Giorgio de Chirico, „Rose (Fiori)“, um 1963 im Museo Mario RimoldiMuseo Mario Rimoldi / VG Bild-Kunst, Bonn 2026

Bei einem Stilvergleich der beiden Gemälde fällt auf, dass bei dem in Paris auktionierten Bild die Darstellung der Rosen plump wirkt und mit weniger Farbtönen ausgeführt wurde. Des Weiteren lässt sich erkennen, dass der Urheber erst die Landschaft und den Himmel angelegt und anschließend das Blumenmotiv gemalt hat. Auf dem Bild in Cortina d’Ampezzo wurden zunächst die Blumen und erst danach der Hintergrund gemalt. Diese Eigenheiten sind nach Ansicht von Roos Indizien dafür, dass es sich bei dem Gemälde bei Christie’s nicht um ein Original von de Chirico handeln könne.

Paolo Picozza, ein ehemaliger Professor für Kirchenrecht und heutiger Präsident der Fondazione Giorgio e Isa de Chirico in Rom, widerspricht dieser Meinung und hält das in Paris versteigerte Bild für authentisch. Er gehört zum Team der Gutachter der Stiftung, ist allerdings „weder Kunsthistoriker noch Kritiker“, wie er gegenüber dem legendären De-Chirico-Experten Wieland Schmied schriftlich erklärt hat.

Die Mitarbeiterinnen von Christie’s waren nicht bereit, die Argumente von Roos mit ihm selbst zu diskutieren. Stattdessen verwies das Auktionshaus auf das im September 2025 ausgestellte Zertifikat der Fondazione, mit dem die Echtheit des Bilds bestätigt wurde, und erklärte: „Alle relevanten Nachforschungen zur Authentizität sind damit abgeschlossen.“ Das ist erstaunlich, denn das Zertifikat, das bezüglich der Echtheitsfrage nur einen einzigen Satz auf der Rückseite einer Schwarz-Weiß-Fotografie enthält, ist kein wissenschaftliches Gutachten.

„Keine detaillierten Kommentare“ von der Fondazione

Auch die F.A.Z. hat Christie’s um eine Erklärung gebeten. Das Auktionshaus erklärte daraufhin, es habe „keine Bedenken an der Authentizität des Werkes“, gab aber gleichwohl zu, dass die Fondazione „keine detaillierten Kommentare oder Erklärungen zu ihren Entscheidungen abgibt“.

Der Streit zwischen Picozza und Roos über echt und falsch kann hier nicht entschieden werden, jedoch ist bemerkenswert: Das Schriftstück der Fondazione entbehrt jeder Begründung, es ist somit trotz seines urkundlichen Charakters intransparent und nicht nachvollziehbar. Auch die Namen der Komiteemitglieder in der Fondazione wurden nicht publiziert, sodass unklar bleibt, wer dort die Entscheidungsträger sind. Von dem Urteil über das Gemälde „Rose“ gibt es in der Stiftung nicht einmal ein Sitzungsprotokoll, wie die Institution auf Nachfrage angibt.

Weshalb aber hat Christie’s aus den negativen Erfahrungen, die es mit Werner Spies gemacht hat, keine Konsequenzen gezogen? Der Kunsthistoriker hatte mit seinen Zertifikaten, die ebenfalls nur aus einem einzigen Satz bestanden, zwischen 1999 und 2004 sieben Gemälde des Fälschers Wolfgang Beltracchi zu Originalen von Max Ernst erklärt, indem er bescheinigte, dass er die Bilder in sein Werkverzeichnis aufnehmen werde. Im Handel führten diese Echtheitsbestätigungen zu Schäden von mindestens 18 Millionen Dollar. Christie’s bot zum Beispiel im Juni 2006 in London die Fälschung „La Horde“ mit einer Obertaxe von 5,2 Millionen Euro an. Das Bild, das angeblich 1927 entstanden sein sollte, erschien auf dem Cover des Auktionskatalogs und wurde mit einer Bestätigung von Spies beworben. Spätestens seit diesem Fiasko müsste Christie’s klar sein, dass Zertifikate wie die von Spies und Picozza aus der Zeit gefallen und nicht mehr akzeptabel sein dürften. Statt simpler Zertifikate sind präzise und begründete Gutachten gefordert.

Source: faz.net