Goldgewand Ottos II. von Bamberg: Unverfrorener Stofffetischismus

Es klingt nach Räuberpistole, auch wenn es scheinbar nur um ein Stück Stoff geht, obgleich um ein goldglänzendes. Wie erst jetzt bekannt wurde, haben Münchner Textilexperten bei Restaurierungsarbeiten Ende der Dreißigerjahre, nachdem das Grab Bischofs Otto II. in Bamberg 1933 geöffnet worden war, illegal ein 40 mal 60 Zentimeter großes Stück des goldenen Grabgewands Ottos entnommen. Als das Textil 1943 mitten im Krieg zurückkam, störte sich offenbar niemand an dem erst in der Münchner Zeit entstandenen Loch.

Seither klaffte eine empfindliche Lücke in der 800 Jahre alten Dalmatik, wie ein solches Gewand genannt wird. Das schimmernde Stück Seide gelangte in privaten Besitz und über eine Zwischenstation ins niedersächsische Kloster Wienhausen, das für seine mittelalterlichen Textilbestände weltberühmt ist. Der Archivar des Klosters fand beim Aufräumen eine Schachtel mit dem Seidengewebe; Kunsthistoriker der Wienhausen betreuenden „Klosterkammer“ in Hannover erkannten die enorme Bedeutung des Fragments, da es nur sehr wenige Textilien mit diesem ausgefallenen Muster aus blütenartigen Sternen in Kreis- und Mandorlenformen gibt.

München machte Bamberg auch die Kaisermäntel streitig

Nun werden viele Usedom- und Anklamurlauber bei dem stoffberaubten Bischof instinktiv an Otto von Bamberg denken, dem legendären Missionar der Pommern. Es handelt sich jedoch um dessen gleichnamigen Nachfolger, der dennoch für das Mittelalter bedeutend war, weil er in seinem glühenden Nacheifern des Pommernapostels, den er nur fünfzig Jahre nach dessen Tod heiligsprechen ließ, wesentlich die jahrzehntelange Dominanz des Geschlechts der Andechs-Meranier prägte.

Klaffende Lücke: Die goldene Dalmatik Bischof Ottos II. von Bamberg kann nun als Patchwork vervollständigt werden
Klaffende Lücke: Die goldene Dalmatik Bischof Ottos II. von Bamberg kann nun als Patchwork vervollständigt werden

Interessant für den aktuellen Fund sind die Jahre bis 1943, die das Bamberger Grabgewand in München verbrachte. Bernd Schneidmüller – einem der führenden deutschen Mediävisten – zufolge gab es damals Auseinandersetzungen zwischen München und Bamberg über den künftigen Aufbewahrungsort der berühmten Bamberger Textilien wie der Kaisermäntel Heinrichs II. und Kunigundes, in denen sich der Erzbischof der heutigen Weltkulturerbestadt durchsetzte. Über die Qualität und vor allem die Redlichkeit der damaligen Münchener Textilrestauration dürfen allerdings berechtigte Zweifel gehegt werden, da das unautorisierte Heraustrennen eines derart großen Stücks Golddalmatik eher nicht zu den Aufgaben von Restauratoren gehört.

Nur spekulieren kann man über den Grund der Beraubung: War es die hohe Wertschätzung aller Artefakte aus dem weiteren Umkreis deutscher Dynastien wie der Ottonen, Salier und Staufer, die Nationalsozialisten wie Himmler etwa in den Domen von Quedlinburg und Magdeburg mit ottonischen Kaiser- und Königsgräbern zu den abenteuerlichsten Vergötterungsverrenkungen brachten?

Wollte man weiland wie im Mittelalter von einem heiligenmäßigen Mann wenigstens ein Fitzelchen abhaben, so wie man bei spätmittelalterlichen Prozessionen mehrfach von den Gewändern der umhergeführten toten Heiligen größere Stücke ausriss – leider auch ganze Finger und andere Glieder? Keiner der damals Verantwortlichen ist mehr zu befragen. Es bleibt die Freude darüber, dass die Fehlstelle in Ottos Gewand nun als eine Art Patchwork endlich geschlossen werden kann.

Source: faz.net