Fast so schnell von null hinaus hundert, wie man „Elektromobilität“ sagen kann
Mit seinem stärksten Serienmodell aller Zeiten will Porsche zurück auf die Überholspur. Eine Testfahrt in Spanien zeigt, dass der Cayenne Electric Turbo das Zeug dazu hat, auch hartnäckige Skeptiker zu überzeugen.
Wenn ein Auto vorgestellt wird, geht es zunächst immer auch um die nackten Zahlen, die den Anspruch zum Ausdruck bringen, mit dem das Modell an den Start geht – gerade bei einer performance-orientierten Marke wie Porsche. Beim Cayenne Electric Turbo, der Topversion des neuen Elektro-SUV, sind es gleich drei Eckdaten, die aufeinander aufbauen und aufhorchen lassen: Der Wagen leistet satte 857 PS und ist damit das bislang stärkste Serienmodell der Marke.
Doch das ist längst nicht alles: Wenn man während der Fahrt den Push-to-Pass-Button am Lenkrad drückt und zum Überholmanöver ansetzt, werden für zehn Sekunden 176 zusätzliche PS freigesetzt und sorgen für einen Schub, der an einen Raketenantrieb erinnert. Da verschwindet auch der längste Sattelschlepper in Sekundenbruchteilen im Rückspiegel, wie sich bei einer Fahrveranstaltung im Hinterland von Barcelona zeigt, zu der Pressevertreter aus der ganzen Welt eingeladen wurden, um sich einen ersten Eindruck von dem Modell zu verschaffen.
Noch irrer wird es beim Start aus dem Stand mit Vollgas: Beim sogenannten „Overboost“ erhöht sich die Leistung kurzfristig auf 1156 PS, die explosionsartig freigesetzt werden. Das mehr als 2,6 Tonnen schwere Gefährt ist dadurch ungefähr so schnell von null auf hundert, wie man „Elektromobilität“ sagen kann, nämlich in 2,5 Sekunden. Einen ähnlichen körperlichen Effekt kann man sonst wahrscheinlich nur in einem Katapult erleben, aber darin sitzt man sicher nicht so bequem wie in einem Porsche Cayenne.
Auch andere Daten untermauern den Anspruch des Cayenne, Klassenbester zu werden: Das elektrische Topmodell hat eine Normreichweite von bis zu 624 Kilometern, und bei einem Zwischenstopp an einer entsprechend leistungsfähigen Ladestation kann man in zehn Minuten rund 315 Kilometer Reichweite nachladen. Beim alltäglichen Gebrauch fallen die Feinheiten eines Fahrzeugs jedoch stärker ins Gewicht als die Werte auf dem Datenblatt. Auch hier erweist sich der elektrische Cayenne als Wunderwerk der Technik. Das adaptive Fahrwerk gleicht Wankbewegungen behutsam aus und schluckt Bodenwellen und andere Unebenheiten auf der Piste einfach weg.
Die Hinterachse lenkt mit, auf den katalanischen Nebenstraßen geht das Fahrzeug deshalb schwungvoll in die Kurven und fühlt sich trotz seines hohen Gewichts überraschend leicht an – bei Bedarf gibt es per Tastendruck ein dynamisches Gebrummel als Geräuschkulisse dazu, das an das Röhren eines V8-Motors erinnert.
Doch auch ohne den künstlich erzeugten Soundtrack lässt die ausgeklügelte Balance zwischen Performance und Komfort beim Fahren ein Porsche-Gefühl aufkommen, das dem Wagen bei seiner Einführung vor fast 25 Jahren kaum jemand zugetraut hätte.
Gamechanger für Porsche – der erste Cayenne
Der Cayenne kam 2002 auf den Markt und war ein radikaler Schritt für Porsche. Als erstes SUV der Marke erweiterte er die bis dahin fast ausschließlich aus Sportwagen bestehende Modellpalette. Viele Fans waren entsetzt: Ein SUV passe nicht zu Porsche und verwässere die Marke, lautete der Hauptkritikpunkt, der Cayenne wurde als „übergewichtiger 911“ verspottet. Trotz der Kritik wurde das Modell schnell zum Rettungsanker für Porsche und trug dazu bei, dass sich ein schwäbischer Sportwagenhersteller in eine globale Luxusmarke verwandelte. Ein Auto, das gleichzeitig sportlich, praktisch, geräumig und luxuriös sein will, passte offenbar zu den Bedürfnissen eines Publikums, das sich daran gewöhnt hat, alle Wünsche auf einmal erfüllt zu bekommen. Seit der Einführung des Modells wurden nach Herstellerangaben mehr als 1,5 Millionen Exemplare verkauft.
Die erste rein elektrische Version ist deshalb mit hohen Erwartungen verbunden. Ähnlich wie in den späten 90ern, als die Entwicklung des Cayenne unter dem Decknamen „Projekt Colorado“ angeleiert wurde, steckt die Volkswagen-Tochter in einer Krise. Auf dem chinesischen Markt herrscht eine anhaltende Flaute, die Elektrifizierung der Modellpalette führte zu enormen Kosten und Abschreibungen in Milliardenhöhe.
Im vergangenen Jahr ist der Gewinn der einst so profitablen Marke um mehr als 90 Prozent zurückgegangen. Porsche hat daher eine strategische Kehrtwende hingelegt und setzt nicht mehr auf einen vollständigen Umstieg auf Elektromobilität, sondern auf einen flexiblen Mix der Antriebsformen: Der Cayenne ist als klassischer Verbrenner, Hybrid und als Elektroauto erhältlich, um den Vorlieben der verschiedenen Kundengruppen gerecht zu werden.
Dabei hätte die elektrische Variante durchaus das Zeug, auch den hartnäckigsten Skeptiker zu überzeugen, zumal sie sich bei Testfahrten nicht nur auf dem Asphalt, sondern auch im Matsch und auf Geröllpisten bewährt. Als erster Porsche kann der Wagen ganz ohne Kabel geladen werden, wenn man sich als Extra eine Induktionsplatte zwischen den Vorderrädern und im Garagenboden leistet. Bei einem Grundpreis von 165.500 Euro für den Turbo (und 105.500 Euro für die Standardversion) sind die Mehrkosten für kabelloses Laden von rund 7000 Euro für die meisten Porsche-Kunden vermutlich zu verkraften.
Ein Highlight im Interieur ist der geknickte OLED-Bildschirm in der Mittelkonsole. Durch die ungewöhnliche Form des Displays liegt die Hand des Fahrers auf dem Touchscreen und hat direkten Zugriff auf alle wichtigen Funktionen. Durch das Anlegen eines persönlichen Profils lassen sich zudem gesetzlich vorgeschriebene Voreinstellungen zügig deaktivieren – etwa die nervigen Warntöne, die schon bei den geringfügigsten Überschreitungen der Geschwindigkeitsbegrenzung erklingen.
Das Display lässt sich mit Widgets belegen wie ein Smartphone, man kann es aber auch einfach abschalten. Und was den Gebrauchswert betrifft, kann der elektrische Cayenne mit einer weiteren Zahl punkten, die in seinem Segment bislang einmalig ist. Um etwa den Bedürfnissen von Pferde- und Bootsbesitzern gerecht zu werden, kann der elektrische Cayenne eine Anhängelast von bis zu 3,5 Tonnen ziehen. Wer hätte gedacht, dass eine Anhängerkupplung mal als Verkaufsargument für einen Porsche dienen wird.
Die Teilnahme an der Fahrveranstaltung wurde unterstützt vom Porsche. Unsere Standards der Transparenz und journalistischen Unabhängigkeit finden Sie unter go2.as/unabhaengigkeit
Source: welt.de