Antizionismus-Debatte: Wie sollen Jüdinnen*Juden hinauf Linke vertrauen?

Liebe Leute,

es ist eine Melange aus Ratlosigkeit, Erschöpfung und auch Frustration, die mich diesen Brief schreiben lässt – einen Brief, den ich nicht persönlich adressiere. Es ist eine Flaschenpost. Ich werfe sie in das unendliche Dunkel, in dem Teile der Linken längst abgetaucht sind. Nein, ich bin kein Renegat. Niemand, der plötzlich erwacht ist und erkannt hat, woran man sich viel zu lange – stillschweigend oder gar durch eigenes Hinzutun – beteiligt hat. Ich bin davon überzeugt, dass wir heute mehr denn je eine starke politische Linke brauchen. Doch die Linke muss sich entscheiden: Wird sie antiisraelische Klientelpartei, oder eine gesellschaftliche Kraft gegen den Rechtsruck – gegen Antisemitismus und Rassismus.

Die antisemitische Bedrohung spitzt sich zu – aus der sogenannten Mitte der Gesellschaft, von extremen Rechten und Islamist*innen als auch durch Linke. Es ist Grundlagenwissen, dass Antisemitismus ein gesamtgesellschaftliches Problem ist. Dennoch hört man aus der Linken, ihr solle „vom Establishment ein Antisemitismus-Problem“ angedichtet werden. Doch wer als authentische Akteurin wahrgenommen werden will, muss vor der eigenen Haustür anfangen. Stattdessen verläuft man sich in fadenscheinigen Definitionsdebatten.

Warum wird Gewalt gegen Jüdinnen*Juden relativiert?

Für Jüdinnen*Juden hat sich die Situation seit der Jahrtausendwende zunehmend verschärft: Ängstlich blicken viele unter die Betten zu den sprichwörtlichen gepackten Koffern. Spätestens der rechtsterroristische Anschlag von Halle und Wiedersdorf am 9. Oktober 2019 markiert eine neue Zeitrechnung. Darauf folgten antisemitische Großdemonstrationen (etwa anlässlich der staatlichen Eindämmungsmaßnahmen der Corona-Pandemie 2020 oder auch des Krieges zwischen der palästinensisch-islamistischen Terrororganisation Hamas und Israel 2021).

Doch weder der Terror 2019 noch die abstrakte Bedrohungslage – was bedeutet, dass es jederzeit zu Gewalttaten gegen Jüdinnen*Juden kommen kann – nach dem 7. Oktober 2023 haben jüdische Menschen überrascht. Jüdinnen*Juden in Deutschland sind diese Gefahr gewohnt – der Ausnahmezustand ist Normalzustand. Warum fallen diejenigen, die „Definitionsdebatten“ führen, zugleich auch immer mit einer Zurückhaltung bei der Benennung dieser Tatsachen auf? Warum beteiligen sie sich daran, Gewalt gegen Jüdinnen*Juden zu relativieren?

Die Gewalt kommt nicht von einer Seite, sie ist umfassend: Neonazis bedrohen Jüdinnen*Juden und schänden zu jeder Gelegenheit jüdische Friedhöfe und Gedenkstätten. Eine rechtsextreme Partei strebt in Regierungsverantwortung. Die Auslandsoperateure des Regimes der Islamischen Republik Iran kundschaften jüdische Einrichtungen und Einzelpersonen für Vergeltungsschläge aus. Linke Aktivist*innen und Denker*innen glorifizieren die Massaker des 7. Oktobers. Ein damaliger Lehramtsstudent prügelt seinen jüdischen Kommilitonen fast tot. In sozialen Netzwerken geben sich rechte, islamistische und linke Akteur*innen die Klinke in die Hand, wenn es um die Verbreitung antisemitischer Verschwörungserzählungen geht. Jüdinnen*Juden fragen sich ganz beiläufig, wo man denn hin auswandern würde, wenn es notwendig ist.

Mutmaßliche Kriegsverbrechen in Gaza werden „im Affekt“ zum „fucking Holocaust“

Sie sind so verbreitet, diese Skepsis, dieser Zweifel, diese Lethargie. Skepsis gegenüber der jüdischen Erfahrung, Zweifel an der Gefahr durch Antisemitismus, Lethargie, etwas zu unternehmen – etwas, das Arbeit bedeuten würde, das oft frustrierend ist, manchmal auch schmerzhaft. Ich glaube wirklich, dass es Menschen gibt, die aus vollem Herzen überzeugt sind, das Richtige zu tun. Doch wo bleibt dieses gute Herz, wenn es um Jüdinnen*Juden geht?

Für die ermordeten Jüdinnen*Juden der Shoa gibt es Mitgefühl. Aus ihrem Schicksal werden universalistische Lehren gezogen. Doch schneidet dieser Universalismus das partikulare Schicksal von Jüdinnen*Juden aus. Dieser Universalismus erkennt ,den Juden‘ (mit dieser Schreibweise bezeichne ich die Projektion) überall, nur nicht in jüdischen Menschen. Dann werden mutmaßliche Kriegsverbrechen in Gaza „im Affekt“ zum „fucking Holocaust“. Dann gibt es Wut über Gregor Gysis Aussagen im Focus-Interview – die ich mir nicht zu eigen mache –, doch keinerlei Erregung über die Anfeindungen und Einschüchterungen denen Gysi aus den eigenen Reihen seit inzwischen über einem Jahrzehnt ausgesetzt ist.

Die Prioritäten sind geklärt: In ihrem „Antizionismus“-Antrag war der Linken Niedersachsen der Kampf gegen Antisemitismus sogar einen ganzen Absatz wert. In der politischen Sprache geschieht nichts ohne Grund – darum achte man auf die Reihenfolge: Wir „[g]ehen sensibel mit dem Antisemitismusbegriff um. Wir kritisieren, wo der Antisemitismusvorwurf instrumentalisiert wird, um Kritik am real existierenden politischen Zionismus zu delegitimieren. Gleichzeitig stellen wir klar: Antisemitismus hat keinen Platz in der Linken.“ Das ist kein Zufall, das ist Kalkül. Sieht so Empathie mit den Betroffenen von antisemitischem Terror aus? Wie sollen Jüdinnen*Juden auf eine Linke vertrauen, die nach Gewalttaten erstmal prüfen muss, ob es sich hier nicht um einen ungerechtfertigten Antisemitismusvorwurf handelt? Oder war das Opfer vielleicht Zionist*in?

2.000 Jahre Verfolgung, Zwangskonversion und Massenmord reichen offensichtlich nicht

Solidarität und Empathie mit Jüdinnen*Juden steht etwas im Weg. 2.000 Jahre Verfolgung, Zwangskonversion und Massenmord reichen nicht aus, damit sie als die Schwachen und Verfolgten gelten. Ihnen wird insgeheim doch zugeschrieben, zu „mächtig“ zu sein, Teil des „Establishments“. Sie schmieden angeblich Allianzen mit den Herrschenden (Staatsraison) und sind vermeintlich in der Lage mit der „Antisemitismuskeule“ die mutigen Widerstandskämpfer*innen mundtot zu schlagen. Jüdische Menschen sind zugleich omnipräsent und doch abwesend. Ihre vermeintliche Macht wird an jeder Ecke vermutet, ihre Wirklichkeit bleibt unsichtbar.

Jüdische Philosoph*innen wie Hannah Peaceman haben den Begriff der „anwesenden Abwesenheit“ etabliert. Die „Abwesenheit in der Gegenwart“ deute darauf hin, dass es einmal eine „Anwesenheit“ gegeben habe, eine „vergangene Anwesenheit, aufgrund derer die gegenwärtige Abwesenheit keine Normalität sein kann“. Die „anwesende Abwesenheit“, so Peaceman in ihrer Dissertation, zeige auf, dass es einmal jüdische Perspektiven und Traditionen gab, die anwesend sein könnten, es aber nicht sind, weil ihr Ausschluss und ihre Vernichtung in der Gegenwart nicht als Leerstelle sichtbar werden, sondern weitgehend unbemerkt blieben.

Die Menschen in Deutschland haben sich daran gewöhnt, dass jüdische Menschen in Diskursen über Judentum, Antisemitismus und Israel kaum vorkommen. Oder nur dann, wenn sie die eigene Haltung bestätigen. Jüdinnen*Juden werden zur Projektion, zur holzschnittartigen Diskursfigur. Jüdische Vielstimmigkeit hat da keinen Platz. Diesen Platz gibt es nur für den ,den Juden‘. ,Der Jude‘ soll bestätigen, aber nicht irritieren. Dabei wird die Diskursfigur nie zum Menschen, sie bleibt außerhalb von Ritualen unbetrauerbar.

Jede politische Gruppierung scheint zu wissen, was das Beste für ,die Juden‘ ist

Es ist frustrierend, die Art und Weise zu beobachten, wie hier über Antisemitismus und Jüdinnen*Juden gesprochen wird – nicht nur in der Linken, sondern gesamtgesellschaftlich. Paternalistisch meint jede politische Gruppierung zu wissen, was das Beste für ,die Juden‘ ist. Was sie nicht sehen: Sie – die so meinungsstark in den sozialen Netzwerken auftreten – gehen eine Symbiose miteinander ein. Gegenseitig verschaffen sie sich Reichweite: bauen Idole und Hassfiguren auf und tragen sie auf die große Bühne.

Sie alle glauben, so zu handeln, weil sie auf der richtigen Seite der Geschichte stehen. Aus genau dieser Haltung heraus unterstützen die einen jedes Vorgehen der in Teilen rechtsextremen israelischen Regierung: ob es nun um Siedlergewalt, Kriegsführung oder Treffen mit europäischen Rechtsextremen geht. Die anderen wollen den „real existierenden Zionismus“ noch heute beenden – ist das ein Vernichtungswunsch?

Die „Judenfrage“ wird ganz ohne Jüdinnen*Juden diskutiert. Gemeinsam schaffen sie alle einen Diskurs, in dem Antisemit*innen einen Platz haben – ganz gleich ob völkische oder antizionistische. Und sie sehen die Verantwortung stets bei den jeweils anderen. So dreht sich das Rad der Geschichte unaufhaltsam – und seine Gewalt zeichnet den jüdischen Menschen.

Euer Monty