56 Jahre sind genug: Es ist Zeit, den Tatort abzuschaffen
„Ich bin jetzt Teil eines deutschen Kulturguts“, freute sich Melika Foroutan zuletzt im Gespräch mit Max Czollek im Freitag über ihre Rolle als Frankfurter Tatort-Kommissarin, nachdem sie kurz zuvor (zurecht) Polizeigewalt angeprangert hatte. Mich lässt das zugegebenermaßen mit Unverständnis zurück.
Als jemand, der in Kolumbien geboren ist, und mittlerweile seit 25 Jahren in Deutschland lebt, verwundert es mich, dass es noch immer Phänomene in diesem Land gibt, die ich noch nicht so ganz verstehe. Eines davon ist die Faszination der Deutschen für ihren Tatort.
Sonntagabende werden ab 20.15 Uhr in etlichen Haushalten zum Ritual, das Internet berät kollektiv auf Twitter – mittlerweile auf BlueSky und Mastodon – die Mörderfrage, einschlägige Online-Portale von Bild bis Zeit füllen sich tags darauf mit Artikeln und Rezensionen, der mehr oder weniger gleich aufgebauten Filme. 21 der letzten 22 Artikel des Zeit-Autoren Matthias Dell handelten von Fernsehkrimis. Ich würde dem Kollegen gerne Abwechslung gönnen. Die ist aber bei weitem nicht in Sicht.
Warum identifiziert sich die deutsche Bevölkerung freiwillig mit der Polizei?
Dabei schwirren mir folgende Fragen seit Jahren durch den Kopf: Warum identifiziert sich die deutsche Bevölkerung freiwillig mit der Polizei? Was hat es mit der Faszination auf sich, zur eigenen Unterhaltung in die Stiefel des Staates zu schlüpfen? Und warum wird Deutschen nicht langweilig, wenn sie den mehr oder weniger selben Plot seit 1970 insgesamt 1332 Mal sehen?
Dass Krimis allgemein und der Tatort im Besonderen das wichtigste fiktionale Genre in Deutschland sind, ist keine Neuigkeit. Insgesamt 15 Stunden Krimis liefen laut einer Erhebung von 2019 an einem durchschnittlichen Abend zwischen 20 Uhr und 1 Uhr nachts auf deutschen Fernsehsendern von ARD bis VOX.
In einer neueren Umfrage der AGF Videoforschung sind Krimis und Thriller 2023 mit Abstand die beliebtesten Fiction-Formate. Mit einem Anteil von 51 Prozent an der „Fictionnutzung“ bedeutete das: Jede zweite Minute, die eine durchschnittliche Person in Deutschland eine fiktionale Serie oder einen Film sah, handelte es sich um einen Krimi oder Thriller.
Wo eine Gesellschaft von Sicherheit geprägt ist, wird Kriminalität zur Unterhaltung
Was hat es damit auf sich? Folgende Hypothese liegt, vor allem im Vergleich zu Kolumbien, nahe: Wo eine Gesellschaft von Ordnung und Sicherheit geprägt ist, wie es die deutsche im globalen Vergleich nunmal ist, werden Geschichten über Kriminalität schnell zur Unterhaltung.
Wo Kriminalität hingegen den Alltag bestimmt, wie in Lateinamerika und anderen Ländern des globalen Südens, dominieren Formate wie Telenovelas das Fernsehprogramm. Anders kann ich mir kaum erklären, warum hierzulande sonntags um 20.15 Uhr die Polizei angefeuert wird, wie samstags um 15.30 Uhr vor den deutschen Fernsehern sonst nur die Bundesligamannschaften.
Zur Verteidigung des Tatorts muss ich erwähnen: Natürlich gibt es starke Folgen, in denen Polizeigewalt thematisiert wird, rassistische Strukturen oder Korruption. Der Frankfurter Tatort macht einige Schritte in die richtige Richtung, indem er etwa den Fokus auf die Verbliebenen und auf die Opfer legt. Aber ginge das nicht auch ohne Polizisten in den Hauptrollen? Und warum bilden kritische Folgen noch immer die Ausnahme von der Regel?
Die Lösung wird im sympathischen Kommissarenteam gesucht
Wenn der Tatort dazu bestimmt ist, hinter die Fassade einer auf den ersten Blick regelbasierten, ordentlichen Gesellschaft zu blicken, sagt das viel darüber aus, dass diese Gesellschaft anscheinend von einem tiefen Misstrauen gegen sich selbst geprägt ist und einer Faszination für das Kriminelle und Verbotene. Die Lösung wird im sympathischen Kommissarenteam gesucht, das im Tatort in der Regel als „Gutes“ das „Böse“ überwindet.
Erinnert nur mich das an Heinrich Manns „Untertan“ aus der Kaiserzeit, der nach oben buckelt, nach unten jedoch voll Häme und Missgunst tritt? Zeigt sich im Tatort nicht die ritualisierte Überidentifikation, mit der Staatsgewalt, die im „autoritären Typ“ auch Adorno und die Frankfurter Schule den Deutschen attestierte?
Laut polizeilicher Statistik machen Gewalttaten, wie sie nunmal in den allermeisten Fällen Kern des Tatorts sind, weniger als vier Prozent aller erfassten Delikte aus. Wie der Tatort, fokussiert auch die Medien-Berichterstattung „überproportional auf spektakuläre, außergewöhnliche Gewaltdelikte wie Mord und Totschlag“, sagt Frank Asbrock, Professor für Sozialpsychologie im Gespräch mit dem Deutschlandfunk. Die Häufigkeit solcher Straftaten werde dadurch tendenziell eher überschätzt. Der Gedanke liegt jedenfalls nahe, dass das Sicherheitsempfinden von Krimis enorm vermindert wird.
Und womöglich auch die Kreativität? Insbesondere im Vergleich zur Telenovela stellt sich nämlich auch die Frage: Wo ist die Magie und das unrealistische, überraschende Element? Das einzige magische Element am Tatort ist zumindest der dramatisch unterkühlte blau-grüne Filter, ohne den man ihn gar nicht als solchen erkennen würde. Ansonsten überwiegt bierernster Realismus.
Träumen von einer Welt ohne „Copaganda“
Und wenn Comedy-Tatorte wie jener aus Münster so beliebt sind: Sagt das nicht viel darüber aus, dass die Leute eigentlich Lust auf andere, kreativere Formate haben? Und müde sind vom ständigen Mordszenen, im Wechsel mit akribisch verhörenden und verdächtigenden Polizeikommissaren Mitte Fünfzig, die genervt Kaffeetrinken und in menschelnden Szenen „Meine Frau hat mich verlassen“ in die Kamera jammern dürfen?
Ich träume jedenfalls gerne von einer Gesellschaft, in der keine Menschen mehr in Fadenkreuzen von Gewehrläufen in fünfzig Jahre alten Einspielsequenzen zu sehen sind. Und in der ein Großteil der Kulturprodukte und des Rundfunkbeitrags nicht für die „Copaganda“ genannte PR der exekutiven Gewalt draufgeht.
Sondern vielleicht ja mal für ein paar Jahre oder Jahrzehnte für etwas ganz anderes. Eine wöchentliche Familiensaga als „Lagerfeuer der Nation“ zum Beispiel. Gerne auch mit vielen magischen Elementen. Und wenn das zu viel verlangt ist, dann wenigstens eine gute Feuerwehr- oder Krankenhaus-Serie mit systemrelevanten Berufen wie Krankenpfleger*innen in der Hauptrolle. Irgendwann ist ja auch mal genug mit der Polizei.