Sanierungsfall Deutsche Bahn: Kaffee läuft wieder
Es gibt auch gute Nachrichten vom Bahnfahren. So wird an diesem Donnerstag eine einst beliebte Verbindung wieder aufgenommen. Es gibt wieder einen Nachtzug von Berlin nach Paris. Es ist allerdings nicht die Deutsche Bahn, die auf dieser Strecke künftig verkehren wird. Vielmehr fährt der „European Sleeper“ nun dreimal wöchentlich von der Spree an die Seine.
Das niederländisch-belgische Bahnunternehmen ist eine Genossenschaft und will den kontinentalen Nachtverkehr systematisch erschließen. Zwischen Prag und Brüssel läuft der Verkehr bereits, mit Barcelona oder Mailand sollen weitere beliebte Ziele dazukommen.
Damit stößt der European Sleeper in eine Lücke, die von der Deutschen Bahn und der „Österreichischen Staatsbahn“ aufgerissen wurde. Die beiden Bahnen haben den Nachtverkehr zwischen den beiden Metropolen im vergangenen Winter eingestellt, weil der Betrieb nicht wirtschaftlich war. Auch andere Nachtverkehre in Europa ereilte dieses Schicksal. Nun will die Konkurrenz aus Utrecht beweisen, dass sich mit der Fahrt im Schlafmodus auch Geld verdienen lässt.
Wieder Geld verdienen muss auch die Deutsche Bahn (DB). Die Bilanz des vergangenen Jahres weist diesbezüglich Licht und Schatten aus. So muss die neue Bahnchefin Evelyn Palla an diesem Freitag, vier Monate nach Amtsantritt, einen Riesenverlust im Fernverkehr verkünden. Eine Milliardenabschreibung auf die Sparte beschert dem Konzern, einem Bericht der Agentur Reuters zufolge, einen Verlust von 2,5 Milliarden Euro für das vergangene Jahr. Allein für Entschädigungen für die Fahrgäste infolge von Verspätungen musste die Bahn einen dreistelligen Millionenbetrag herausrücken. Das ist zwar viel weniger als 2024, doch zeigt die Zahl, wie teuer die Unzuverlässigkeit für das Unternehmen selbst wird.
Ein Drittel aller Manager müssen gehen
„Wir stellen die Bahn vom Kopf auf die Füße“, kündigte Palla an, als sie den Job vom geschafften Vorgänger Richard Lutz übernahm. Konkret sollen vor allem in der Verwaltung Doppelfunktionen abgebaut werden. Rund ein Drittel der 3.600 Spitzenleute muss wohl den Platz räumen. Entscheidungen sollen vielmehr dort getroffen und verantwortet werden, wo das Geschäft auch stattfindet.
So hat es Palla im Nahverkehr durchgezogen. Bei DB Regio war sie zuvor schon Vorstandschefin. Und die Sparte ist aus der Verlustzone damit wieder herausgekommen. Nach 108 Millionen Euro Gewinn 2024 gab es im vergangenen Jahr eine „signifikante Steigerung“, wie es im Vorfeld der Bilanzveröffentlichung hieß. Diese Dezentralisierung dient nun als Vorbild für den Gesamtkonzern.
Geld fehlt, obwohl die Bahn eigentlich darin schwimmt. 84 Milliarden Euro stellt der Bund zur Verfügung, um marode Gleisanlagen, Stellwerke aus Kaisers Zeiten oder Weichen zu modernisieren, Bahnhöfe aufzuhübschen und die Infrastruktur auf einen zeitgemäßen Stand zu bringen. Es tut sich etwas rund um die Gleise. Allein in diesem Jahr soll es nach den Planungen der Infrastrukturtochter InfraGo 28.000 Baustellen geben.
In jedem folgenden Jahr soll es zwei weitere solcher Mammutprojekte geben
Dabei geht es um kleine wie große Vorhaben. Das erste Riesenprojekt neigt sich allmählich dem Ende zu. Im Juni soll die generalsanierte Verbindung zwischen Hamburg und Berlin nach einer monatelangen Totalsperrung wieder freigegeben werden. Bahntypisch mit großer Verspätung. Eigentlich sollten die Bauarbeiten Anfang Mai fertig sein. Doch der vergangene Winter mit festgefrorenen Böden machte Bauarbeiten wochenlang unmöglich.
Auch auf dieser Strecke macht sich ab dem Fahrplanwechsel im Sommer Konkurrenz zur Deutschen Bahn auf, dem Branchenprimus Marktanteile abzujagen. Flixtrain will mehr Züge zwischen Berlin und Hamburg einsetzen. Bislang sind die Wettbewerber im Fernverkehr eher zu vernachlässigen. Nur sehr wenige Linienverkehre sind in privater Hand. Flixtrain will das ändern. Das Münchner Unternehmen hat im vergangenen Jahr eine Flotte hochmoderner Züge bestellt, mit dem sie den Markt aufmischen will. Bisher stammen die grün lackierten Züge eher aus längst vergangenen Zeiten.
Direkt im Anschluss wird es mit einer Generalsanierung zwischen Hannover und Hamburg losgehen. In jedem folgenden Jahr soll es zwei weitere solcher Mammutprojekte geben. Bis Mitte der 30er Jahre sollen dann 41 wichtige Schienenkorridore Kern eines leistungsfähigen Bahnnetzes sein. Das Konzept der Totalsperrungen und Erneuerung von Grund auf ist durchaus umstritten.
Die Riedbahn zwischen Frankfurt und Mannheim bildete 2024 den Auftakt. Versprochen wurde damals, dass die Zahl der Störungen um 80 Prozent verringert werde. Davon ist die Strecke auch heute noch ein gutes Stück entfernt. Außerdem bedeutet eine komplette Sperrung vor allem für den Güterverkehr erhebliche Umleitungen von teils mehreren Hundert Kilometern. Auf Unverständnis stößt auch, dass im Zuge der Bauarbeiten nicht gleich auch durchgängig das digitale Zugsteuerungssystem ETCS (European Train Control System) installiert wird. Mit diesem System erhöht sich die Kapazität auf einer Trasse um bis zu 30 Prozent. Und Kapazitätsengpässe sind das große Problem im Schienenverkehr.
Engpässe an den Knotenbahnhöfen
Damit ist man wieder beim Geld. Trotz der Milliarden vom Bund fehlt es nicht nur für die Ausstattung mit ETCS. Auch Neu- und Ausbaustrecken sind nicht in großem Umfang vorgesehen. Das bemängelt unter anderem der bahnpolitische Sprecher der Bündnisgrünen, Matthias Gastel. Das Sondervermögen Infrastruktur und Klimaneutralität könne für eine auskömmliche und verlässliche finanzielle Grundlage sorgen, stellt der Abgeordnete fest. „Allerdings wird deutlich, dass die Finanzierung von Neu- und Ausbau unterfinanziert sind“.
Als das Sondervermögen beschlossen wurde, hatte die Bahn eine Rechnung in die Verteilungsdebatte eingebracht. Die Liste ihrer bis Mitte des nächsten Jahrzehnts benötigten Mittel summierte sich auf 150 Milliarden Euro. Dazu sollten noch 140 Milliarden Euro aus dem regulären Haushalt kommen. Im Vergleich zu den zugesagten Milliarden wird deutlich, dass es nach wie vor an ausreichenden Investitionsmitteln mangelt. Offen ist auch noch die Einrichtung eines Fonds, um die Finanzierung der Netzsanierung über einen zehnjährigen Zeitraum zu sichern. Das würde auch der Bauindustrie helfen, in neue große Maschinen und in Personal zu investieren. Denn auch deren Kapazität ist noch begrenzt. Aber das ist eine andere Geschichte.
Zurück zu den aktuellen Problemen des Bahnverkehrs. Unzuverlässig rollt der Schienenverkehr nicht nur wegen maroder Gleise und überalterter Stellwerke. Auch die Engpässe an den Knotenbahnhöfen mit besonders vielen Pendlern und einem entsprechenden Aufkommen an Nahverkehrszügen ziehen Verspätungen nach sich, die sich schnell auf das gesamte Netz ausweiten. Eine Taskforce der Bundesregierung, an der die gesamte Branche nebst den zuständigen Regulierungsbehörden beteiligt ist, hat nun einen Katalog mit 22 schnell wirksamen Maßnahmen für mehr Pünktlichkeit vorgelegt.
Wer auf den Schienen der Bahn rollen will, muss diese Gebühr bezahlen
Ein Teil davon soll die wichtigsten Knotenbahnhöfe entlasten. Solche Flaschenhälse für den Durchgangsverkehr sehen die Experten an den Stationen in Hamburg, Berlin, Frankfurt, München, Hannover, Köln und Mannheim. Dazu kommen für den Güterverkehr noch die Grenzbahnhöfe in Bad Schandau und Frankfurt/Oder. Kleine Änderungen sollen die Lage dort stabilisieren. So sollen „Jokergleise“ freigehalten werden, um unvorhergesehene Züge aufzunehmen, damit sie den regulären Fahrplan nicht durcheinanderbringen. Zudem werden Pufferminuten in den Fahrplan eingebaut und die Abstände zwischen zwei Zügen so vergrößert.
Sollte das alles nicht fruchten, hat die Taskforce eine Tür für eine Ultima-Ratio-Lösung geöffnet. Dann könnten Züge für einen flüssigeren Verkehrsfluss gestrichen werden. Das stößt bei den möglicherweise betroffenen Bahnunternehmen auf wenig Gegenliebe, gingen ihnen damit doch wichtige Einnahmen verloren. Und auch der Fahrgastverband Pro Bahn hält nichts von einem schlechteren Angebot. So seltsam es klingt, ist der Erfolg des Bahnverkehrs auch ein Grund für dessen Unzulänglichkeiten. Das starke Wachstum hat die Kapazitätsengpässe mit ausgelöst.
Der Nahverkehr steht ohnehin schon unter einem erheblichen finanziellen Druck. Eine Entscheidung des Europäischen Gerichtshofes vor wenigen Tagen hat diese Entwicklung noch einmal verschärft. Die Richter haben die Deckelung der Trassenpreise für die Nahverkehrsunternehmen in Deutschland gekippt. Egal ob ÖPNV oder Güterverkehr: Wer auf den Schienen der Bahn rollen will, muss diese Gebühr bezahlen, geklagt hatten die Güterbahnen. Nun müssen sich die Auftraggeber der S-Bahnen und Regiozüge auf eine stark steigende Schienenmaut einstellen. Einige Verkehrsminister der Länder sagen schon heftige Angebotskürzungen voraus, wenn der Bund nicht für einen Ausgleich sorgt. Nicht nur die Deutsche Bahn hat also finanzielle Probleme.
Stuttgart 21 wird zum finanziellen Fiasko
Doch beim Staatskonzern summieren sich Pleiten, Pech und Pannen. So musste die Eröffnung des Prestigeprojekts Stuttgart 21 kürzlich wieder einmal verschoben werden, nicht in diesem Jahr soll nach der x-ten Verschiebung der Tiefbahnhof ans Netz, sondern frühestens erst im kommenden Jahr. Einen neuen Eröffnungstermin hat die Bahn noch nicht genannt. Das Projekt geht nicht nur mit jahrelanger Verspätung in Betrieb – sofern es jemals dazu kommt –, sondern auch mit erheblichen Mehrkosten, auf denen die DB sitzen bleiben dürfte. Aus den geplanten 4,5 Milliarden Euro Baukosten sind mittlerweile 11,5 Milliarden Euro geworden.
Als Damoklesschwert hängt noch eine andere europäische Vorgabe über der Bahn, genauer gesagt dem Güterverkehr. Die in den vergangenen Jahren extrem verlustträchtige Tochter muss in diesem Jahr die Gewinnzone erreichen. Denn der Konzern darf die Verluste künftig nicht mehr ausgleichen. Mit einer harten Sanierung und dem Abbau Tausender Stellen will die neue Cargo-Führung das rettende Ufer schwarze Zahlen erreichen. Es gibt also auch abseits der maroden Infrastruktur für die neue Bahnchefin viel zu erledigen.
Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder (CDU) will wenigstens für eine bessere Stimmung unter den leid geplagten Bahnkunden sorgen. Auf sein Geheiß hat die neue Bahnchefin Palla drei Sofortprogramme auf den Weg gebracht. So sollen die Bahnhöfe sicherer und sauberer werden. Gerade hat das Unternehmen einen Frühjahrsputz an 1.400 Stationen gestartet. In den Zügen werden zusätzlich mobile Teams für die Reinigung während der Fahrten und für kleine Reparaturen, etwa der Kaffeemaschinen, eingesetzt. Schließlich soll auch den Bordbistros unterwegs nicht mehr der Nachschub an Speisen und Getränken ausgehen.