Macht uns die Gesellschaft leiden? Eine Psychotherapeutin jenseits ein kaputtes System
Mit einem Leserbrief wandte sich die Psychotherapeutin Daniela Göttlicher an unsere Autorin. Anlass war ein Artikel über die geplanten Honorarkürzungen, der den gängigen Ton der Debatte aufgriff. Denn ab dem 1. April sollen die Vergütungen für psychotherapeutische Leistungen um 4,5 Prozent sinken. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung stimmte dagegen, während die gesetzlichen Krankenkassen zunächst zehn Prozent forderten.
Das sorgte für Empörung und Gegenwind seitens der Betroffenen. Proteste und Petitionen folgten. Göttlicher findet die Debatte jedoch verkürzt – im Gespräch mit dem Freitag erklärt sie, weshalb.
Frau Göttlicher, Sie sind selbst Psychotherapeutin und hatten einen Leserbrief zu meinem Artikel über die Honorarkürzungen im Bereich der Psychotherapie geschrieben. Was hat Sie gestört?
Die Debatte sowie Reaktionen meiner Kolleg:innen rund um die Honorarkürzungen haben mich etwas irritiert. Wenn man selbst von finanziellen Einbußen betroffen ist, dann ist man unter Umständen schneller dabei, sich gegen etwas zu wehren, zu demonstrieren oder Petitionen zu starten.
Doch habe ich – und das hatte ich in meinem Leserbrief geschrieben – vorher wenig Reaktanz bei Themen bemerkt, die uns als Psychotherapeut:innen schon länger betreffen. Jetzt, wo Gelder konkret gekürzt werden, wird eine Menge Einsatz und Emotion gezeigt, die ich vorher vermisst habe.
Welche Aspekte fehlen Ihnen in der Debatte?
Die Debatte sollte man weiterdenken, denn die Kürzungen betreffen ja nicht nur die Psychotherapeut:innen. Die Inflation trifft die gesamte Bevölkerung. Die Patient:innen, denen wir täglich gegenüber sitzen, haben in der Regel sehr viel weniger Einkommen als wir. Aber auch sie müssen ihre Miete zahlen und sind von steigenden Kosten betroffen.
Wir behandeln Symptome. Dabei sollten wir doch mitbekommen, dass diese oft in strukturellen Problemen begründet sind oder mindestens durch diese verschlimmert oder aufrechterhalten werden. Diese strukturellen Probleme betreffen uns als Gesellschaft.
Wir müssen also größer denken?
Genau. Über ein Plakat bei einer Demonstration in Düsseldorf habe ich mich neulich sehr gefreut. Auf dem stand: „Tax the rich!“ Das sollte doch die Botschaft sein.
Grundsätzlich – eingeschlossen meine Berufsgruppe – ist es nicht in Ordnung, an einem kränkelnden Gesundheitssystem zu sparen, das schon lange unterfinanziert ist. Ein Gesundheitssystem, in dem kein Geld für Prävention vorgesehen ist, finde ich sehr viel dramatischer als diese Kürzungen unserer Honorare. Psychische Erkrankungen nehmen schließlich immer mehr zu.
Kann Psychotherapie angesichts wachsender psychischer Belastungen in der Gesellschaft überhaupt noch wirksam gegensteuern?
Psychotherapie hilft. Darüber gibt es genug Statistiken. Gleichwohl werden, trotz einer in Deutschland guten Versorgung, Menschen in unserer Gesellschaft psychisch immer belasteter. Damit möchte ich nicht sagen, dass unsere Interventionen der individuellen Person nicht helfen, sondern dass der Kern des Problems ganz woanders liegt. Das hat wenig damit zu tun, wie gut Symptome behandelt werden können.
Zum Beispiel?
Wenn mir eine alleinerziehende Mutter gegenübersitzt, die so schon mit ihrem Alltag zu kämpfen hat, dann wird sie es schwer haben, auch diesen Termin noch irgendwie unterzubringen, in dem eigentlich ihre Depression behandelt werden soll. Aus meiner Sicht ist das in manchen Fällen nicht sinnvoll.
Wie wäre ihr besser gehofen?
Wahrscheinlich wäre ihr mehr geholfen, wenn sie entlastet würde, zum Beispiel in Form von finanzieller Zuwendung, besserer und zuverlässigerer Versorgung der Kinder in Kindergarten und Schule, Anerkennung und Gleichstellung im Beruf etc.
Die Psychotherapie ist letztlich auch auf Funktionieren ausgerichtet.
Wir Menschen werden also krank, weil wir in Strukturen leben, die uns krank machen.
Ja, absolut. Unsere gesellschaftlichen Probleme nehmen zu. Das gipfelt in Kriegen, von denen wir umgeben sind. Aber der Kampf um das tägliche Brot und um die finanziellen Mittel, die erwirtschaftet werden müssen, um die Mieten zu zahlen, das ist, glaube ich, für viele Menschen eine große Herausforderung, die psychisch krank machen kann. Es ist erwiesen, dass der sozioökonomische Status eng mit der Gesundheit zusammenhängt. Nur an Symptomen herumzudoktern, reicht da eben nicht.
Erich Fromm sagte mal, dass die psychisch Kranken in der Gesellschaft eigentlich die gesündesten seien, weil sie eben auf ein krankes System reagieren. Welche Rolle nimmt die Psychotherapie diesbezüglich ein – soll sie die Menschen einfach wieder anpassungs- und leistungsfähig für die Gesellschaft machen?
Ja, so ist es. Die Psychotherapie ist letztlich auch auf Funktionieren ausgerichtet. Ziele gehen häufig in die Richtung: Wie schaffe ich es, leistungsfähig zu sein? Wie schaffe ich es, Familie und Beruf unter einen Hut zu bekommen? Wie schaffe ich es, sozial integriert zu sein? Denn das sind alles Anforderungen, die die Gesellschaft an uns stellt.
Also müssten wir die Debatte öffnen und uns für ein System einsetzen, das die Menschen nicht mehr so auslaugt.
Das würde ich mir wünschen. Dass sich Gesellschaft und Politik mal fragen, wie es sein kann, dass so viele Menschen psychisch belastet sind, in einer westlichen Gesellschaft, der es doch vergleichsweise gut geht. Da würde ich mir natürlich wünschen, dass das früher aufgegriffen und aufgefangen wird.
Schon in der Schule?
Zum Beispiel. Bei meiner Tochter sehe ich, dass das Schulsystem nicht dazu beiträgt, Menschen psychisch gesund durchs Leben zu geleiten. Da herrscht hoher Druck, es gibt im Grunde keine Prävention oder Aufklärung über die psychische Gesundheit, über einen gesunden Umgang mit sich selbst, mit den Ressourcen, über die man selbst verfügt. Das würde ich mir wünschen.
Ich finde es gerade richtig, dass junge Menschen sich wehren und nicht mehr all ihre Ressourcen und all ihre Leistungsfähigkeit für ein System und in eine Gesellschaft investieren, die sie am Ende bloß auslaugt.
Kurz gesagt: Ich glaube, es reicht nicht, darüber zu reden, wie viele Menschen unter Depressionen leiden, sondern aus meiner Sicht, wäre es zwingend erforderlich, darüber zu reden, was in der Gesellschaft dazu beiträgt, dass Menschen psychisch krank werden.
Der Zugang zu Psychotherapie ist nicht jedem gleich möglich.
Sie waren außerdem enttäuscht, dass auch strukturelle Probleme ihres Berufes ansonsten kein Aufsehen erregen.
Beispielsweise ist das Abrechnungssystem, das von den Krankenversicherungen vorgegeben wird, sehr bürokratisch und in Teilen auch intransparent.
Wie kann das sein?
Es gibt Dinge, die wurden schon immer so gemacht, egal ob sie inhaltlich nachvollziehbar sind oder nicht.
Sie schrieben in Ihrem Leserbrief, dass Psychotherapeut:innen teilweise wählerisch bei der Auswahl ihrer Patient:innen werden können.
Es ist leider so, dass bestimmte Patient:innen häufiger durchs Raster fallen, die z. B. unbeliebte Störungsbilder haben oder die vielleicht schwerer zu behandeln sind. Unsere Patient:innen können wir uns als Therapeut:innen letztlich aussuchen. Der Zugang zu Psychotherapie ist nicht jedem gleich möglich. Auch hier entsteht Ungleichheit. Es sind häufig dieselben Patient:innen, die eben noch schlechter versorgt sind als andere. Das ist mein Eindruck. Aber das ist etwas, was lange Wartelisten mit sich bringen.
Welche Menschen betrifft das?
Das wären Menschen mit psychischen Erkrankungen, die sich nicht einfach behandeln lassen. Also Menschen mit schwereren psychischen Erkrankungen, oder persönlichkeitsstrukturellen Auffälligkeiten, die es vielleicht nicht so gut schaffen, sich in die Gesellschaft oder in ein therapeutisches Setting integrieren zu lassen und denen es vielleicht nicht gelingt, lange Listen mit Therapeut:innen zu bestimmten Zeiten abzutelefonieren, Geduld und Frustrationstoleranz mitzubringen.
Wo landen diese Menschen dann am Ende?
Zum Teil übernehmen Kliniken die Versorgung oder Hausarztpraxen. Andere vereinsamen vielleicht zu Hause, weil sie an den Rand der Gesellschaft gedrängt wurden und ein Weg daraus mit für sie unüberwindbaren Hürden gepflastert ist.
Ich lebe in Münster, einer insgesamt wohlhabenden Stadt. Trotzdem ist hier die Wohnungslosigkeit in den letzten Jahren extrem gestiegen. Auch dahinter stehen ja oft im Vorfeld psychische Probleme, die nicht versorgt wurden.
Ein anderes Problem sehe ich darin, dass meine Berufsgruppe einen großen Einfluss auf den Mietmarkt hat.
Wie meinen Sie das?
Für Vermieter ist eine Vermietung an eine Arzt- oder Psychotherapiepraxis doch wesentlich attraktiver und lukrativer. So bekommen wir als Berufsgruppe unter Umständen eher attraktive Räumlichkeiten in guter Lage, als vielleicht eine Familie mit Kindern.
Den Hauptanteil unserer Nebenkosten dürfte die Miete ausmachen. Darüber hinaus fallen diese sicher recht gering aus, denn im Gegensatz zu Ärzten brauchen wir keine teuren medizinischen Gerätschaften oder Assistenzkräfte. Wenn wir auf Demonstrationen von steigenden Nebenkosten sprechen, sollten wir explizit Mieten benennen.
Was sollte noch benannt werden?
Bei der Debatte um die Honorare wundere ich mich auch, dass die Kassensitzvergabe so wenig thematisiert wird. In NRW, besonders in attraktiven Städten wie Münster, zum Beispiel, bekommt der Meistbietende den Sitz – ein ganzer Sitz kostet zum Teil 125.000 Euro. Das Geld muss natürlich erst einmal erwirtschaftet werden. Verbunden ist der Verkauf der Sitze zum Teil auch mit teuren Mietverträgen.
Auch die psychotherapeutische Ausbildung ist schon wahnsinnig kostspielig, oder?
Ja, das ist sie. Allerdings hat da jetzt gerade eine Reform stattgefunden. Das heißt, wie teuer die in Zukunft sein wird, steht noch gar nicht fest. In der Regel haben sich Therapeut:innen die Ausbildung über schlecht bezahlte Jobs in Kliniken finanziert.
Was den Zugang zu unserem Beruf angeht, kann man aber auch – einen Schritt angesetzt – diskutieren.
Wo genau?
Um Psychologie studieren zu können, braucht man in der Regel, wie in Köln oder Münster, einen Numerus Clausus (NC) von 1,0. Da ist klar, wie die Chancen verteilt sind, in diesem Beruf landen zu können. Sie wissen genauso gut wie ich, dass Kinder aus Akademikerfamilien oder mit guten finanziellen Mitteln eine wesentlich höhere Chance haben, einen solchen NC zu erreichen. In der Regel wachsen sie mit wesentlich mehr Möglichkeiten auf, als andere Kinder. Da wird also vorher ausgesiebt. Unsere Gesellschaft ist zunehmend ungleich, was sich an einem immer noch sehr ungerechten Bildungssystem abbilden lässt.
Was würden Sie sich also wünschen?
Ich würde mir wünschen, dass all diese Punkte und das gesamtgesellschaftliche Bild in solchen Debatten mitgedacht werden. Dass die Kürzung der Honorare für Psychotherapie als strukturelles Problem und nicht als Einzelfall einer Berufsgruppe diskutiert wird. Der Umgang mit dem Gesundheitssystem und mit der Gesundheit des Einzelnen ist eine größere Debatte wert.
Daniela Göttlicher ist Diplom-Psychologin und psychologische Psychotherapeutin. Seit 2017 führt sie eine eigene Praxis in Münster, in der sie Menschen in belastenden Lebenssituationen berät und therapeutisch begleitet.