Billiger Tanken: Taugt Ostmark wie Vorbild zu Gunsten von den Benzinmarkt?

Wegen der Aufregung um schnell gestiegene Treibstoffpreise will die Bundesregierung möglichst schnell die bisherige österreichische Praxis kopieren, die nur eine Preissteigerung am Tag zulässt. Der Bundestag hat dies am Donnerstag beschlossen. Die Erfahrungen in Österreich sind allerdings nicht gerade vielversprechend. Auffallend zurückhaltend zum Thema geben sich der deutsche Automobilclub ADAC und sein österreichisches Pendant ÖAMTC. Beide setzen sich für möglichst günstige Preise an der Tankstelle ein, wollen aber ausdrücklich keine niedrigeren Benzin- und Dieselpreise versprechen für den Fall, dass die deutschen Regeln für die Tankstellenpreise an die österreichische Praxis angeglichen werden.
Beim ADAC nimmt ein Sprecher den Einwurf sehr ernst, dass möglicherweise bei nur einer täglich erlaubten Steigerung die Tankstellenpreise von den Mineralölkonzernen vorsorglich etwas mehr angehoben werden könnten als in einem Szenario ohne Einschränkung für die Preiserhöhungen. Martin Grasslober, beim ÖAMTC verantwortlich für Verkehrswirtschaft und Konsumentenschutz, sagt, dass die österreichische Regulierungsweise vor allem der Markttransparenz diene.
Den Pendlern bringt Österreichs Regelung wenig
Es könne in Österreich nicht passieren, dass ein Konsument in einer Tank-App einen niedrigen Benzinpreis bei einer Tankstelle in der Nähe entdecke, dann dorthin fahre und einen in der Zwischenzeit angehobenen Preis vorfinde. In Deutschland ist das derzeit möglich, in Österreich nicht: Dort jahrelang allein um 12 Uhr mittags die Möglichkeit, einmal täglich den Preis zu erhöhen (inzwischen ist das nur noch drei Mal in der Woche erlaubt). Der Autofahrer auf Tanktour in Österreich findet bei der Fahrt zur Tankstelle allenfalls einen noch niedrigeren Preis.
Ganz glücklich war man mit der Einführung der derzeitigen Regeln im Jahr 2011 beim ÖAMTC aber nicht. Denn der österreichische Automobilclub wollte offenbar einen früheren Zeitpunkt für die täglich erlaubte Preiserhöhung, sodass der niedrigste Tankpreis des Tages noch von den Pendlern auf dem Weg zur Arbeit hätte genutzt werden können. Nun liegt der niedrigste Preis des Tages in der Regel kurz vor dem Mittag, doch das hilft den arbeitenden Pendlern wenig.
In Deutschland tägliche Schwankungen von 13 Cent
Die täglichen Preiserhöhungen in Österreich liegen nach den Erfahrungen von Marktbeobachtern durchschnittlich um die fünf Cent je Liter, selten bei mehr als zehn Cent. Das bedeutet geringere Schwankungen als auf dem deutschen Tankmarkt. Dort machte bisher der ADAC einmal im Jahr eine eingehende Untersuchung zu den Preisschwankungen an den Tankstellen im Tagesverlauf. Die jüngste Untersuchung betraf den Mai 2025 und ergab im Durchschnitt eine stark gewachsene Schwankungsbreite der Treibstoffpreise – mehr als 20 Änderungen und acht Preisspitzen am Tag.
Nach der jüngsten Erhebung versuchen die Mineralölkonzerne, gerade in den Morgenstunden bei Pendlern unter Zeitdruck abzukassieren, und verlangen zwischen 6 und 8 Uhr die höchsten Preise des Tages. Die fallen dann kräftig bis zum frühen Nachmittag und sind am günstigsten zwischen 19 und 20 Uhr. Wer zur richtigen Uhrzeit am frühen Abend tanke, könne gegenüber den morgendlichen Spitzenpreisen je Liter Diesel 13,3 Cent sparen, je Liter Benzin 12,5 Cent, berichtete der ADAC über die jüngste Erhebung.
In Österreich sind die Energiesteuern niedriger
Dass die Treibstoffpreise am Ende in Österreich niedriger sind, liegt vor allem an der niedrigeren Steuerlast. Für Superbenzin verlangt Österreich 48,2 Cent je Liter Energiesteuer, Deutschland bei Super E 10 dagegen 65,4 Cent. Darauf kommen in Österreich noch einmal 12,5 Cent CO2-Abgabe, in Deutschland dagegen 15,7 Cent. Die Österreicher bezahlen schließlich auf alles, auf den Mineralölpreis und die Steuern, eine Mehrwertsteuer von 20 Prozent, die Deutschen nur 19 Prozent. Beim Diesel werden in Österreich je Liter 39,7 Cent Energiesteuer fällig (Deutschland 47 Cent) sowie 13,8 Cent CO2-Abgabe (Deutschland 17,8 Cent).
Weil die Regel mit maximal einer Preissteigerung am Tag in Österreich seit 2011 eingeführt ist, gibt es dazu auch vielerlei wissenschaftliche Untersuchungen – aber ohne eindeutige Aussagen in Richtung niedrigerer Marktpreise. Eine Arbeit von 2012 an der Universität Wien vom Autor Martin Obradovits kam zur Schlussfolgerung, dass die Ölkonzerne ihre Preise „zeitmäßig so verzerren, dass ihr erwarteter aggregierter Gewinn unverändert bleibt“. Das Ifo-Institut verglich 2021 das österreichische System der Regulierung mit einem hypothetischen Modell freier Preisentwicklung und kam zu dem Schluss, dass im Vergleich zum theoretischen Modell Diesel 23,4 Prozent billiger sein könnte, Benzin 6,6 Prozent. Eine Studie an der Universität Hohenheim von 2018 kam zum Schluss, dass in Österreich sinkende Rohölpreise schneller an die Tankstellen durchgereicht würden als steigende Preise. Daraus lasse sich auf mehr Konkurrenz auf dem Tankmarkt schließen.
Völlige Preistransparenz in Deutschland hilft wenig
Womöglich wird die größere Konkurrenz in Österreich aber durch einen ganz anderen Mechanismus verursacht – eine andere Art der Information der Kunden über die Tankstellenpreise. In Deutschland gibt es eine Markttransparenzstelle für Kraftstoffe beim Bundeskartellamt, die alle Preise an den Tankstellen registriert und veröffentlicht. Diese völlige Transparenz erleichtert auch den Mineralölgesellschaften die Arbeit. Vor einigen Jahren musste jeder Tankstellenpächter mehrmals am Tag die Umgebung abfahren, die Preise der Konkurrenz notieren und diese dann an die Zentrale melden. Nun können die Mineralölgesellschaften in Deutschland für ihre Preise die Daten des Bundeskartellamts in eigene Computerprogramme einfließen lassen und die Preise automatisch ändern, je nach dem Verhalten der Konkurrenz. In der Praxis verhalten sich die Tankstellen in einem Stadtviertel dann oft wie ein festgefahrener Geleitzug: Die Preisabstände sind immer die gleichen, es gibt so gut wie keine Ausreißer.
Die österreichische Praxis macht den Mineralölkonzernen die Preissetzung nicht so leicht, berichtet Daniel Hantigk von der österreichischen Regulierungs- und Marktbeobachtungsaufsicht E-Control. Veröffentlicht wird, etwa in einer App für die Konsumenten, nur eine Hälfte der Preise, nämlich die 50 Prozent niedrigsten um einen Standort. Wie hoch die Preise beim teuersten Anbieter in der Region sind, können auch die Mineralölgesellschaften nicht erfahren, und darüber sollen sie auch bewusst im Unklaren gelassen werden: Ziel ist es, dass die Mineralölgesellschaften keine vollständige Information darüber bekommen, wie hoch die Preise sein könnten, ohne mit überhöhten Preisen im Niemandsland zu landen.
Österreich bietet den Konzernen weniger Markttransparenz
Diese Art der Regulierung wurde vom Düsseldorfer Institut für Wettbewerbsökonomie untersucht. 2020 schrieb der Ökonom Simon Martin, mit dem österreichischen System könnten die Benzinpreise in Deutschland um ein Prozent sinken. „Niedrigere Preise durch weniger Transparenz“ lautet das Prinzip. Martins Kritik an der völligen Preistransparenz in Deutschland besagt: „Wenn Konsumenten alle Preise sehen können, dann können das auch die Tankstellen, was die gegenseitige Überwachung von etwaigen impliziten oder expliziten Preisabsprachen vereinfacht.“
Es gebe noch andere Argumente für das österreichische Modell: In den Apps für die Tankstellen würden diejenigen mit höheren Preisen gar nicht sichtbar, auch nicht für die Autofahrer, denen der Benzinpreis beim Tanken egal sei. Um sichtbar zu bleiben, müssten die Tankstellen also zu den günstigeren gehören und darüber in einen Preiswettbewerb eintreten. Die Einführung des österreichischen Systems sei überdies sehr einfach, weil es nur Änderungen an der Software erfordere.