morgenstern: Warum uns dies Schicksal eines Buckelwals so beschäftigt








Helfer versuchen seit Tagen, einen an der Ostseeküste gestrandeten Buckelwal zu befreien – und viele bangen mit. Außerdem: Wird Bahn-Personal bald besser geschützt? Die Lage am Morgen.



Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser,

Wale sind nicht unbedingt die Tiere, denen die Sympathien von uns Menschen permanent zufliegen: Sie haben kein kuscheliges Fell, man kann sie nicht knuddeln, sie apportieren keine Bälle, machen keine Kunststücke oder sonst etwas, das Menschen drollig, tollpatschig oder irgendwie unterhaltsam finden. Die Emotion für die Giganten der Meere: vor allem Faszination.

Und trotzdem machen uns die Bilder von der Ostsee betroffen, wo Helferinnen und Helfer um das Leben eines gestrandeten Buckelwals kämpfen. Viele Menschen verfolgen die Rettungsversuche seit Tagen gebannt und hoffen, dass es das Tier zurück ins offene Meer schafft. Mein Kollege Kai Müller ist vor Ort und berichtet im Newsblog.


Der einzelne Wal – „ein Schlüsselfaktor für Empathie“

Die große Empathie mit einem gestrandeten Wal ist ein kleines Paradoxon, ist unser Empfinden für Wildtiere in der Regel doch eher abstrakter Natur: Artensterben? Schlimm, keine Frage – aber in vielen Fällen unsichtbar. Dass in Japan, Island, Norwegen oder auf den Färöer Inseln weiter Jagd auf Finn-, Grind- oder Zwergwale gemacht wird, entsetzt uns ebenfalls – gleichzeitig haben wir eher Bilder von blutrotem Wasser vor Augen, als an das einzelne Tier zu denken.

Warum beschäftigt uns jetzt dieser eine Wal an der Ostsee so sehr? Die Forscher Pauline Smith, Janet Mann und Abigail Marsh von der Georgetown University in Washington haben zum menschlichen Einfühlungsvermögen für Wildtiere geforscht. Sie sagen: Das Individuum ist ein Schlüsselfaktor, um Empathie auszulösen.




Viele Menschen würden Wildtiere im Grunde als „undifferenzierte Masse“ betrachten. Das sei teilweise auf mangelndes Wissen oder fehlenden Kontakt mit ihnen zurückzuführen, „oder auf ein Gefühl der Bedrohung durch sie oder Konkurrenz mit ihnen“ – was allesamt Empathie und Fürsorge hemmen könne. Aber: „Individuelle Identifikation, Bilder, Erzählungen und die Ausstrahlung einer Art wirken wahrscheinlich synergetisch zusammen, um empathische Anteilnahme für Wildtiere zu wecken“, schreiben die Forscher.


Der Buckelwal in der Lübecker Bucht ist nicht abstrakt. Seit Tagen verfolgen wir sein Schicksal, haben viele Bilder und Videos von ihm gesehen, ihn und sein Leid „kennengelernt“ – und hoffen deshalb, dass seine Rettung gelingt. Der Buckelwal ist keine Nummer in einer Artenvielfalt- oder Walfang-Statistik. Und vielleicht bleibt ja nach dem Medienrummel auch ein bisschen mehr Empathie für seine uns unbekannten Artgenossen und andere, eher unkuschelige Wildtiere übrig.

Unseren Newsblog zu den Rettungsaktionen an der Ostseeküste lesen Sie hier:





Wird die Arbeit in Zügen jetzt sicherer?

Der tödliche Angriff auf den Zugbegleiter Serkan C. hat im Februar für Entsetzen gesorgt. Bei seiner Ticketkontrollrunde traf der 36-Jährige auf einen Mann ohne Fahrschein, der ihn brutal angriff. Serkan C. erlitt eine Hirnblutung, starb wenig später im Krankenhaus. 

Auf den schrecklichen Angriff folgte eine Debatte, wie die Bahn-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeiter in Zügen besser vor Übergriffen geschützt werden können. Denn immer wieder werden sie Opfer von Gewalt.

Die Verkehrsminister der Länder forderten bereits im Februar ein bundesweites Waffen- und Messerverbot im ÖPNV, außerdem mehr Videoüberwachung in Zügen und an den Bahnhöfen. Die Forderungen werden derzeit auch in Lindau diskutiert, wo die Minister zu Beratungen zusammengekommen sind. Heute sollen Ergebnisse präsentiert werden.





An dieser Stelle möchte ich Ihnen nochmal das Interview ans Herz legen, das mein Kollege Nico Schnurr im Februar mit einem Verkehrssoziologen geführt hat, der zu Gewalt gegen Bahnmitarbeitende forscht:

5-Minuten-Talk: Söder versus Klingbeil – nur einer kann gewinnen

SPD-Chef Lars Klingbeil möchte den Spitzensteuersatz anheben, CSU-Chef Markus Söder will das unbedingt verhindern. Für beide ist es eine Frage der Glaubwürdigkeit. Und nun? Darüber sprechen die stern-Politikchefs Veit Medick und Jan Rosenkranz im 5-Minuten-Talk:





Und sonst? Weitere Schlagzeilen

Das passiert am Donnerstag, dem 26. März 2026

  • Der Bundestag stimmt über das Spritpreispaket ab
  • Venezuelas Ex-Präsident Maduro steht zum zweiten Mal seit seiner Gefangennahme vor einem US-Gericht
  • Europäische WM-Playoffs beginnen – unter anderem Italien steht unter Druck


Unsere stern+-Empfehlung des Tages

Wenn Beziehungen enden, stirbt oft mehr als die Liebe. Warum uns frühere Partnerschaften verfolgen – und was wir beim Loslassen wirklich betrauern:

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Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Donnerstag!

Stefan Düsterhöft

Source: stern.de