Großes Notenbanker-Treffen: Was wir aus dieser vorigen Inflationswelle lernen können

In diesem Jahr macht das Wort vom „Familientreffen“ der Notenbankwelt die Runde. Außerdem ist man sich einig, dass man alles, was man vor einem Monat hätte sagen wollen, jetzt getrost in den Müll werfen könne. Schließlich war der jüngste Ölpreisschock das alles beherrschende Thema, als am Mittwoch Notenbanker aus vielen Ländern zur Konferenz „The ECB and Its Watchers“ in der Frankfurter Goethe-Universität zusammenkamen. Organisator war der Wirtschaftsprofessor Volker Wieland.
Die Lehren der Notenbanker aus 2022
Die zentrale Frage dabei lautete: Was kann man aus der Inflationswelle nach der Pandemie und dem Beginn des Ukrainekriegs für die aktuelle Situation lernen?
Die alte Position der Notenbanker vor der Inflation 2022 und 2023 war gewesen, dass der Ölpreis halt mal rauf und mal runter geht, dass die Notenbank daran aber eh nichts ändern kann und deshalb durch solche vorübergehenden Angebotsschocks „hindurchschauen“ müsse. Das ging gründlich schief und die Inflation wurde zeitweise zweistellig, konnte aber irgendwann wieder eingefangen werden.
Die neue Sicht jetzt scheint aber nicht zu sein, dass man auf solche Ölpreisschocks künftig in jedem Fall schnell und stark reagieren muss. Vielmehr ist man offenbar zu einer Mittelposition zwischen vor der Inflationswelle und in der Inflationswelle gekommen: Man will stark reagieren, wenn so ein Schock intensiv und anhaltend ist, aber „hindurchschauen“ durch kleine Abweichungen vom Inflationsziel.
EZB-Präsidentin Christine Lagarde sagte jedenfalls, die Notenbank sehe sich für die Bekämpfung des Ölpreisschocks gut gerüstet. Man sei vorbereitet, falls es Zeit zum Handeln sei. „Wir werden nicht handeln, bevor wir ausreichend über Ausmaß, Dauer und Ausbreitung des Schocks informiert sind.“ Doch werde man sich nicht von Zögerlichkeit leiten lassen, sagte Lagarde: „Unser Ziel, mittelfristig eine Inflation von zwei Prozent zu erreichen, ist bedingungslos.“
Sechs Prozent Inflation in einem Szenario befürchtet
Die Inflationsrate im Euroraum war im Februar von 1,7 auf 1,9 Prozent gestiegen. Es gilt aber als sicher, dass der starke Anstieg der Öl- und Benzinpreise die Rate für März, die kommende Woche veröffentlicht wird, spürbar höher ausfallen lässt. EZB-Chefvolkswirt Philip Lane präsentierte auf der Konferenz unterschiedliche Szenarien, wie es weitergehen könnte. Schließlich war es eine Lehre aus der Inflation von 2022 gewesen, dass die Notenbanker sich nicht auf die Prognosen der ökonometrischen Modelle verlassen, sondern in Phasen hoher Unsicherheit stärker mit verschiedenen Szenarien arbeitet wollen.
Das „schwere“ Szenarion sieht nun vor, dass der Irankrieg länger anhält und der Ölpreis neue Rekorde oberhalb von 160 Dollar je Barrel (Fass zu 159 Liter) erreicht. Für diesen Fall erwartet Lane Anfange 2027 Inflationsraten von gut sechs Prozent. Innerhalb des Prognosehorizontes würde in dem Fall die Inflation nicht zum EZB-Ziel von zwei Prozent zurückkehren.
Notenbanker und Wissenschaftler stellten auf der Konferenz aber heraus, dass die derzeitige Situation sich doch deutlich von 2022 unterscheide. Ähnlichkeiten geben es hinsichtlich des Energiepreisanstiegs, unterschiedlich aber sei die Ausgangslage. Als der Ukrainekrieg begann, kam man aus einer Phase nach der Pandemie, in der Geld- und Fiskalpolitik sehr locker waren, die Inflationsrate schon erhöht, viele Lieferketten gestört und Arbeitskräfte in vielen Branchen ein Engpass waren.
Pandemie war ein bisschen wie ein Krieg
James Bullard, Professor von der amerikanischen Purdue University, verglich die Pandemie mit einem Krieg, einem „Krieg gegen das Virus“. Für Kriege sei es typisch, dass der König oder die Regierung beliebig Geld ausgäben, ohne darüber nachzudenken, wie man das nach dem Krieg wieder durch Steuererhöhungen einspielen könne. Diese Ausgangslage mit vielen Staatsausgaben und sehr niedrigen Zinsen habe den Anstieg der Inflation als Reaktion auf den Energiepreisschock begünstigt.
Jetzt kommt man eigentlich aus einer Situation, in der für die Notenbank alles fein zu sein schien. Die Inflation war sogar unter das Ziel der EZB von zwei Prozent gesunken, der Leitzins von zwei Prozent lag in der Nähe der neutralen Niveaus, wie EZB-Präsidentin Lagarde hervorhob. Die höheren Staatsausgaben für Verteidigung beispielsweise in Deutschland hatten sogar Hoffnung auf ein etwas stärkeres Wirtschaftswachstum gemacht. Zugleich war der Arbeitsmarkt nicht mit dem vergleichbar, was man nach der Pandemie erlebt hatte, als alle Leute auf einmal wieder essen gehen wollten und die Restaurants sich gegenseitig die Bedienungen abwarben.
Notenbank will sich nicht wieder Fesseln anlegen
Ein großer Unterschied scheint auch zu sein, dass die EZB sich 2022 durch ihre „Forward Guidance“ genannten Ankündigungen festgelegt hatte, zunächst die Anleihekäufe auslaufen zu lassen und erst später die Zinsen anzuheben. Solcherlei Fesseln lege man sich jetzt nicht, deutete Lagarde an: Die Notenbank werde weiterhin „datenabhängig“ und „von Sitzung zu Sitzung“ entscheiden.
Dabei gebe es nicht nur die „binäre“ Entscheidung „durch den Schock durchschauen“ oder „Zinsen anheben“. Die Notenbank könne „graduell“ reagieren. „Sollte der Schock zu einem zwar großen, aber nicht allzu anhaltenden Überschreiten unseres Ziels führen, könnte eine gewisse Anpassung der Geldpolitik gerechtfertigt sein“, sagte Lagarde. Die Notenbank habe eine Strategie, die für eine Welt mit erhöhter Unsicherheit konzipiert sei und Risiken und Szenarien in den Mittelpunkt stelle: „Wir verfügen über abgestufte Handlungsoptionen.“
Die EZB hatte auf ihrer vorigen Zinssitzung am 19. März die Zinsen unverändert gelassen, obwohl die Finanzmärkte mit zehn Prozent Wahrscheinlichkeit eine Zinserhöhung eingepreist hatten. Für die nächste Sitzung am 30. April sind die Zinserwartungen noch höher.
Christian Kopf von der Fondsgesellschaft Union Investment deutete die Aussagen auf der Konferenz allerdings so, dass eine Leitzinserhöhung im April keine ausgemachte Sache sei und nicht mal das wahrscheinlichste Szenario darstelle. Insbesondere bei einem schnellen Ende des Irankriegs sei keine Reaktion der EZB zu erwarten.
Source: faz.net