Medizinisches Rätsel: Als ein Bäcker versehentlich eine halbe Stadt vergiftete
Im August 1951 wird rund 250 Menschen in Pont-Saint-Esprit zuerst übel, dann beginnen sie zu krampfen und zu halluzinieren. Mindestens fünf Personen sterben. Was war passiert?
Pont-Saint-Esprit, ein kleines Städtchen im Süden Frankreichs. Es ist der Spätsommer 1951, nach vielen Wochen voller Regen ist es endlich angenehm warm. Eigentlich sollten die Einwohner des hübschen, historischen Ortes auf ihren Terrassen sitzen, einen Café au Lait schlürfen und hinaus auf die Rhône schauen, die sich unterhalb der Stadt entlangwindet. Stattdessen kam hier Ende August alles ganz anders.
Menschen sehen Flammen, wo keine sind. Schreien. Manche springen aus Fenstern. Andere übergeben sich immer wieder. Innerhalb von zwei Tagen verwandelt sich das idyllische Pont-Saint-Esprit in einen Hort des Chaos und der Panik. Und die Ursache hierfür ist noch immer ein medizinisches Rätsel.
Pont-Saint-Esprit: Die halbe Stadt erkrankt
Die ersten Bewohner von Pont-Saint-Esprit kamen noch mit recht unspektakulären Beschwerden zum Arzt: Übelkeit, Erbrechen, Schüttelfrost. Nichts, was nicht auch ein Magen-Darm-Infekt sein könnte. Ungewöhnlich ist damals aber die hohe Anzahl von Patienten, die die örtlichen Mediziner aufsuchen.
Doch die Patienten, denen anfangs bloß übel war, berichten einige Stunden später von Angstzuständen und rasenden Gedanken. Sie beginnen zu halluzinieren, schreien, schlagen um sich, möchten davonrennen. Einige sehen Tiere, die nicht existieren. Andere glauben, sie würden verbrennen. Ärzte beobachten Krampfanfälle, Patienten im Delirium, extreme Unruhe. Insgesamt sind rund 250 Menschen betroffen. Am Ende werden, je nach Quelle, fünf bis sieben Einwohner der Stadt tot sein.
Pont-Saint-Esprit ist (eigentlich) ein beschauliches Städtchen am Ufer der Rhône © Imago Images
Was ließ all diese Menschen halluzinieren?
Die Mediziner müssen wissen, womit sie es zu tun haben, damit sie helfen können. Sie beginnen nachzuforschen – was verbindet die Erkrankten? Die Antwort ist am Ende: Brot. In Pont-Saint-Esprit erkrankten nur diejenigen, die das Brot einer bestimmten Bäckerei gegessen hatten – mehr als 250 Menschen. Die anderen blieben verschont. Auslöser der Massenpsychose könnte also etwas im Mehl, etwas im Teig, gewesen sein.
Der Bäcker, auf den plötzlich alle Augen gerichtet waren, berichtete: Das Weizenmehl, das er zuletzt geliefert bekommen habe, hätte ungewöhnlich grau ausgesehen. Doch dieses wurde damals in Frankreich vom Staat an die Bäckereien verteilt. Der Mann hatte also keinen Einfluss auf die Ware und insofern wohl auch keine Schuld an dem, was danach geschah.
Brot könnte für die gefährlichen Trips verantwortlich sein
Der naheliegende Verdacht lautete bald: Mutterkornvergiftung. Der Pilz Claviceps purpurea, der vor allem Roggen befällt, war einst in Europa über Jahrhunderte gefürchtet. Seine Alkaloide greifen das Nervensystem an, verursachen Krämpfe, Halluzinationen und ein brennendes Gefühl in den Gliedmaßen – daher der historische Name „Antoniusfeuer“. Die Symptome in Pont-Saint-Esprit passen gut dazu. Und der feuchte Sommer in jenem Jahr könnte die Ausbreitung des Pilzes im Getreide erleichtert haben.
Und doch bleiben Zweifel. Denn die beobachtete Stärke der Symptome ist für Mutterkornvergiftungen eher ungewöhnlich. Einige Betroffene berichten von Visionen, die eher an psychedelische Erfahrungen erinnern als an derartige Vergiftungen. Zudem stellt sich die Frage: Wie konnte das kontaminierte Mehl unbemerkt in Umlauf geraten? Und wieso landete es ausschließlich in dieser einen Stadt?
Noch immer bleiben Fragen offen
In den folgenden Jahrzehnten entstanden alternative Theorien – manche mehr und manche weniger realistisch. So vermuten einige Menschen, dass chemische Verunreinigungen durch Pestizide oder industrielle Rückstände im Mehl vorhanden waren und zu den Vergiftungen geführt haben. Andere glauben an ein geheimes Experiment: Könnte Pont-Saint-Esprit Teil eines verdeckten LSD-Tests gewesen sein, möglicherweise im Kontext des frühen Kalten Krieges und der Forschung westlicher Geheimdienste? LSD ist chemisch mit Mutterkorn verwandt.
Doch Historiker und Wissenschaftler lehnen alternative Erklärungen bisher ab. Die plausibelste Erklärung sei weiterhin eine Lebensmittelvergiftung durch Mutterkorn-kontaminiertes Getreide. Doch auch Medizin und Wissenschaft erkennen an, dass Fragen offen bleiben und der Fall von Pont-Saint-Esprit, der bei quasi der Hunderten Einwohnern tagelange Halluzinationen und teils massive körperliche Beschwerden verursachte, bis heute nicht komplett zufriedenstellend erklärt werden kann.
Der Trauerzug, der 1951 die Opfer der Massenvergiftung zum Friedhof begleitet © Public Domain
Klar ist aber, dass es wohl das Brot war – ein Grundnahrungsmittel, das eine ganze Stadt aus den Fugen geraten ließ. Ein Albtraum, der am Ende mehrere Menschen das Leben kostete. Und der beschaulichen Stadt an der Rhône einen Platz in wissenschaftlichen Fachbüchern sicherte.
Source: stern.de