Fußball und Literatur: Erling Haaland kauft ein Buch

Die innige Verbindung, die Fußballer mit dem gedruckten Wort eingehen, ist mittlerweile zur schönen Tradition geworden. Meist führt sie zu wagemutigen Memoirenwerken wie „Halbzeit. Eine Bilanz ohne Deckung“ (Uli Stein, 1993), „Ich. Wie es wirklich war“ (Franz Beckenbauer, 1992), „Anpfiff: Enthüllungen über den deutschen Fußball“ (Toni Schumacher, 1987) oder „Ich bin doch kein Tor“ (Sepp Maier, 1980).
Einige Autoren zahlten dafür einen hohen Preis, den höchsten wohl der damalige Nationaltorwart Schumacher, der nach der Publikation des Buches, das eigentlich „Schrei in der Wüste“ hatte heißen sollen, seinen Platz in der DFB-Elf und beim 1. FC Köln verlor. Verglichen damit sind die umgerechnet 116.000 Euro, die der norwegische Fußballer Erling Haaland, derzeit im Dienst von Manchester City, nun seiner Bücherleidenschaft opferte, ein Klacks – auch angesichts seines Gehalts, das die Plattform Fussball-Transfers mit gut 30 Millionen Euro im Jahr angibt.
Erschlagen vom Ex-Schwiegersohn
Für den Gegenwert von nicht einmal zwei Arbeitstagen also kaufte Haaland ein Buch, das damit nicht überbezahlt ist: ein Exemplar der dänischen Übersetzung von Snorri Sturlusons „Heimskringla“ aus dem Jahr 1594. Das Werk wurde bereits um 1230 auf Island verfasst und ist eine Sammlung von historischen Überlieferungen aus der mittelalterlichen norwegischen Geschichte.
Sein Verfasser, ein streitbarer Politiker, der 1241 auf seinem Hof von seinem früheren Schwiegersohn erschlagen wurde, schrieb außerdem die „Prosa-Edda“, der wir einen großen Teil unserer Kenntnisse vom nordischen Götterhimmel verdanken, und möglicherweise auch die Saga von Egill Skallagrímsson um einen der eigenwilligsten Helden der europäischen Literatur. Egill, aufbrausend, hartnäckig und körperlich topfit, hätte keinen schlechten Mittelstürmer abgegeben, zumal sein Schädelknochen offenbar etwas verdickt gewesen ist, was seinen Kopfbällen womöglich eine ungewöhnliche Wucht verliehen hätte. Modernen Fußballern hätte er mit seinen Gesängen, von denen einige auf uns gekommen sind, auch in literarischer Hinsicht in nichts nachgestanden.
Snorris literarische Biographie erscheint demnächst in neuer deutscher Übersetzung im Saga Verlag, im Rahmen einer Sammelausgabe sämtlicher überlieferter Isländersagas. Nicht enthalten ist dort als Historienwerk naturgemäß die Heimskringla. Und auch Haalands Exemplar trägt diesen Namen noch nicht, der erst im 19. Jahrhundert für Snorris Werk üblich wurde: Das Buch ist mit „Norske Kongers Krønicke“ überschrieben. Ob den neuen Besitzer das stört? Er sei kein großer Leser, sagte Haaland nun, und gekauft habe er die Ausgabe nur, um sie seiner südnorwegischen Heimatstadt Time zur Verfügung zu stellen. Einen Lesewettbewerb will er in diesem Zusammenhang auch ausloben.
Source: faz.net