Verlegung von US-TRuppen: Was sollen die Fallschirmjäger im Nahen Osten?
Die Vereinigten Staaten haben seit Beginn des Irankriegs rund 7000 zusätzliche Bodentruppen in den Nahen Osten verlegt. Doch was sollen sie dort? Die erste Option, die von Fachleuten gesehen wird, ist die Einnahme der Insel Kharg. Aber auch Operationen an der iranischen Küste zur Sicherung der Straße von Hormus werden als Möglichkeit genannt. Oder sollen sie sogar ins Landesinnere vordringen und den iranischen Uranvorrat sicherstellen?
Die Insel Kharg liegt im nördlichen Persischen Golf, rund 30 Kilometer vor der iranischen Küste. Sie ist rund sechs Kilometer lang und vier Kilometer breit. Über sie wickelt Iran mehr als 90 Prozent seines Ölexports ab. Ein Großteil der 10.000 Bewohner ist denn auch Ölarbeiter. In der vergangenen Woche haben die Vereinigten Staaten schon militärische Einrichtungen auf der Insel bombardiert, jedoch die Ölinfrastruktur intakt gelassen. Der nächste Schritt könnte eine Einnahme sein, um Iran zur Öffnung der Straße von Hormus zu zwingen.
Die Truppen, die die US-Armee in den vergangenen Tagen in Marsch gesetzt hat, wären für eine solche Aufgabe prädestiniert. Zum einen handelt es sich um bis zu 2000 Fallschirmjäger. Wie amerikanische Medien am Dienstag berichteten, soll es dabei um einen Teil der Brigade „Immediate Response Force“ gehen, eine Art schnelle Eingreiftruppe, die hochmobil und innerhalb von 18 Stunden nach Erteilung des Befehls verlegebereit ist.
1000 Soldaten könnten Kharg einnehmen
Die Luftlandetruppen würden aber kaum ausreichen, die Insel zu erobern. Sie haben keine schweren Waffen und Geräte dabei, um sich gegen eventuelle iranische Gegenangriffe zu verteidigen. Hier kommen die Marineinfanteristen ins Spiel, die ebenfalls auf dem Weg in die Region sind. Dabei handelt es sich um 2300 Marines der 31. Expeditionary Unit, die noch in dieser Woche eintreffen sollen. Eine weitere Einheit der gleichen Stärke der 11. Expeditionary Unit wird im April erwartet. Transportiert werden die Marines von jeweils einem amphibischen Angriffsschiff. Diese haben auch Flugzeuge, Hubschrauber und Landungsfahrzeuge an Bord.

Während die Fallschirmjäger aus der Luft angreifen, könnten die Marines sie also mit einer amphibischen Landeoperation unterstützen. Von der Mannschaftsstärke her wäre dieser Einsatz wohl möglich. Der frühere Kommandeur des zuständigen Streitkräftekommandos Centcom, General Joseph Votel, geht davon aus, dass die Insel mit einer Streitmacht von rund 1000 Soldaten einzunehmen sei.
Allerdings müssten gerade die Marines erst einmal in das Einsatzgebiet gelangen, also die von Iran kontrollierte Straße von Hormus durchqueren. Dass das problematisch werden könnte, zeigt eine Stellungnahme von Parlamentspräsident Mohammed Bagher Ghalibaf auf X vom Mittwoch. Darin warnt er vor dem Einsatz von Bodentruppen und schreibt, man beobachte amerikanische Truppenverlegungen sehr genau.
Die Einnahme wäre allerdings nur der erste Schritt. Wegen der geringen Entfernung zur iranischen Küste müssten die Soldaten sowohl mögliche Gegenangriffe als auch ständige Bombardierungen aus der Luft abwehren können. Ganz zu schweigen von der logistischen Unterstützung, die sie bräuchten, um sich auf der Insel halten zu können. Diese wiederum müsste auch militärisch geschützt werden. Aus der schnellen Einnahme eines kleinen Koralleneilands würde also ein wesentlich größerer, komplexer Einsatz.
Sicherung der Küste: Wie würde die Bevölkerung reagieren?
Eine andere Möglichkeit, die Bodentruppen einzusetzen, wäre die Sicherung der iranischen Küste. Dabei würde es darum gehen, den Iranern den direkten Zugang zum Persischen Golf zu verwehren und damit die Straße von Hormus zu öffnen. Allerdings handelt es sich um einen rund 2000 Kilometer langen Küstenabschnitt. Die genannten 7000 zusätzlichen Soldaten würden dafür bei Weitem nicht ausreichen. Zwar haben die Vereinigten Staaten derzeit rund 50.000 Soldaten im Nahen Osten stationiert, die meisten sind jedoch auf Schiffen, auf Marinebasen oder Luftwaffenstützpunkten eingesetzt.
In diesem Falle müssten noch wesentlich mehr Bodentruppen verlegt werden. Vor allem angesichts der Tatsache, dass es sich um bewohntes Gebiet handelt, wo man nicht weiß, wie die einheimische Bevölkerung reagieren würde. Außerdem befindet sich auch die Stadt Bandar Abbas mit mehr als 500.000 Einwohnern in dem Zielgebiet, und urbane Kriegsführung ist immer langwierig und verlustreich.
Vielleicht verlegen sich die Vereinigten Staaten deshalb auch auf kleinere Aktionen gegen festgelegte Punkte im Küstengebiet. Ziel könnte es sein, Stützpunkte der Iraner an der Küste und auf den Inseln im Golf und in der Straße von Hormus zu zerstören, um diese wieder für den uneingeschränkten Schiffsverkehr zu öffnen.
Uranvorräte außer Landes zu schaffen, könnte mehrere Tage dauern
Zumindest denkbar ist auch eine Kommandoaktion, um den Uranvorrat der Iraner aus dem Land zu schaffen. Die Luftlandetruppen könnten diesem Zweck dienen. Allerdings bräuchte es dafür noch weitere Spezialkräfte. Denn man darf wohl nicht davon ausgehen, dass es nur darum geht, zu einem Ziel zu fliegen, den Widerstand auszuschalten, ein paar Kisten an Bord zu nehmen und wieder zu verschwinden.

General Votel sagte in einem Interview, die Vereinigten Staaten seien zwar in der Lage, eine solche Aktion zu bewerkstelligen. Allerdings brauche es seiner Ansicht nach bis zu 4000 Soldaten allein, um die Operation weit im iranischen Hinterland zu sichern. Außerdem noch Spezialisten für den Umgang mit dem radioaktiven Material. Dazu komme, dass der Einsatz auch mehrere Tage dauern könne.
„Wir haben Iwo Jima geschafft“
Sämtliche der skizzierten Szenarien sind mit Problemen verbunden. Neben den genannten militärischen Risiken gilt es, die politischen zu bedenken. Der Irankrieg wird in der amerikanischen Bevölkerung schon größtenteils negativ gesehen. Ein Einsatz von Bodentruppen würde diese Ablehnung noch verstärken, erst recht, wenn Tote zu beklagen wären. Auch hat der amerikanische Präsident Donald Trump erst am vergangenen Donnerstag vor Reportern wiederholt, dass er nicht plane, Bodentruppen einzusetzen. Allerdings sagte er auch: „Und wenn doch, würde ich es euch sicherlich nicht sagen.“
Von den skizzierten Szenarien ist wohl die Aktion gegen die Insel Kharg am wahrscheinlichsten. Nach der Bombardierung in der vergangenen Woche sagte Trump: „Wir können die Insel jederzeit nehmen, wenn wir wollen. Ich nenne sie die kleine Insel, die dort so völlig ungeschützt liegt.“ Unterstützung bekommt er dafür vom republikanischen Senator Lindsey Graham. Im Sender Fox News sagte der: „Wir haben Iwo Jima geschafft. Wir schaffen auch dies.“ Bei der Einnahme der von den Japanern besetzten Insel im Februar und März 1945 starben rund 7000 amerikanische Soldaten.
Source: faz.net