Eltern-Kolumne Schlaflos: Wenn man qua Vater Punkte zu Gunsten von Familienarbeit einlöst

Neulich auf einer Party: Ein befreundeter Vater empfängt mich mit den Worten: „Na, löst du heute auch deine Matripuntos ein?“. Matripuntos, so klärt er mich ob meines verdutzten Gesichts auf, nennt man in Kolumbien Bonuspunkte für Sachen die man mit Haushalt und Kind erledigt. Einlösen kann man sie für persönliche Freiheiten.

„Also nein“, sage ich etwas zu hastig, „ich sammele keine Punkte, meine Freundin und ich rechnen nichts miteinander auf. Wir gönnen uns alles und vertrauen darauf, dass jeder seinen Teil beiträgt“. Dabei stammele ich und fühle mich wie an der Supermarktkasse, wenn ich gefragt werde, ob ich Payback-, Treue- oder WMF-Punkte sammele.

Darauf antworte ich immer mit einem merkwürdigen Stolz „Nein!“. Dieses Nein ist ein moralisch überlegenes, das sagen will: „Meine Daten sind mir heilig und ich bin ein nachdenklicher Konsument“ – natürlich auch von allen möglichen Internetdienstleistungen, wo ich, ohne eine Sekunde zu zögern, die AGBs akzeptiere.

Der präsente Vater erledigt, was zu tun ist

Woher rührt also meine spontane Ablehnung der Matripuntos? Mein Selbstbild ist das eines präsenten Vaters. Einer, der – anders als andere Männer – verlässlich 50 Prozent der Care-Arbeit übernimmt. Ich verbringe gerne Zeit mit meiner Tochter, ich lese vor, gehe gerne mit ihr auf den Spielplatz und hole sie aus der Kita ab, bringe sie ins Bett. Ich besorge Geschenke für Kindergeburtstage, habe im Blick, was sie alles braucht.

Das stimmt schon alles, aber vielleicht müsste man – wenn ich ehrlich bin – das „gerne“ an der einen oder anderen Stelle streichen. Natürlich fühle ich mich verpflichtet, all das zu erfüllen und das mache ich auch. Aber vielleicht ist die Verpflichtung manchmal stärker als die Erfüllung. Und, das gehört auch zur Wahrheit: Ich erwarte dasselbe von meiner Freundin.

In Lateinamerika scheint man einen zwangloseren Umgang mit häuslichen Pflichten zu pflegen. Eine kurze Recherche ergibt, dass dieses Konzept ein fester Begriff ist. Man findet in Elternforen Tipps, wie man mit Matripuntos das Leben mit Kindern in den Griff bekommt.

In einer Komödie wird das Konzept der Matripuntos vorgeführt

Auch in die Populärkultur haben die familiären Treuepunkte schon Eingang gefunden. Vor drei Jahren ist auf Netflix eine große argentinische Komödie erschienen, in der das Konzept auf humoristische Art und Weise ernst genommen wird.

Es geht um eine App, mit der man den fiktiven Punkten eine feste Währung gibt – ins Bett bringen gibt 50 Punkte, Abendessen kochen 65. Ein Paar mit zwei Kindern versucht nun mit dieser App seiner Beziehung neue Dynamik zu verleihen. Anfangs klappt das auch hervorragend, sie verwöhnen sich gegenseitig mit selbstlosen Gesten.

Dann – wie könnte es auch anders in einer romantischen Komödie sein – gerät das Spiel außer Kontrolle. Es werden absurdeste, unnötige Aufgaben erfüllt, um noch mehr Punkte zu erhalten, außerdem muss man natürlich immer darauf achten, dass der Partner nicht mehr Punkte als man selbst hat. Sie verzichten doch wieder auf die App.

Ganz so schön sind eigentlich nicht alle Familienaufgaben

Doch je länger ich darüber nachdenke, desto sympathischer wird mir dieses Konzept. Sich auf diese Weise darüber lustig zu machen, dass das so ein festes Wort ist, finde ich genial. Die Matripuntos geben dem, was ohnehin in einer Beziehung – gerade mit Kindern – geschieht, ein Wort.

Letztlich ist das nur ehrlich. Es legt offen, dass ich das, was ich vorgebe, komplett selbstlos und rundheraus gerne an Arbeit im Haushalt zu erledigen, Kosten hat. Nicht immer bereitet es ausschließlich Freude, schon um 15 Uhr den Arbeitsplatz zu verlassen oder den Samstag auf einem Kindergeburtstag zu verbringen. Insgeheim erwarte ich für solche Dienste natürlich Kompensation – meine eigenen, unausgesprochenen Matripuntos.

Wenn ich etwa einige Tage mit dem kranken Kind zuhause bleibe, merke ich irgendwann, wie sich Frustration einstellt. Plötzlich mache ich das alles nicht mehr ganz so gerne. Doch statt frustriert zu sein, könnte ich mich ehrlich machen und Matripuntos sammeln.

Man sagt dann nicht mehr: „Mach ruhig noch Überstunden, ich mache das alles total gerne.“ Sondern: „Ich übernehme das jetzt – aber ich möchte dafür auch einmal dran sein“. Dann bekommt man beim Kindhüten auch nicht so schlechte Laune.

Als ich beschwingt von der Party nach Hause komme, freue ich mich also auf den nächsten Tag. Ab zwölf Uhr. Denn – das weiß ich jetzt – ich werde guten Gewissens meine Matripuntos fürs Ausschlafen einlösen.

Source: faz.net