„Die Spielregeln nach sich ziehen sich geändert“ – Irans Raketen können jetzt solange bis Berlin segeln

Der Iran hat erstmals demonstriert, dass er mit seinen Raketen Ziele in 4000 Kilometer Entfernung treffen kann. Damit liegt Europa jetzt in Reichweite der Waffen des Mullah-Regimes. Die Nato reagiert darauf.

Mitten im Indischen Ozean liegt die US-Militärbasis Diego Garcia. Sie gilt als Amerikas unsinkbarer Flugzeugträger in der Region, ist gut 4000 Kilometer vom Iran entfernt, die ideale Ausgangsbasis für Bomberangriffe im Nahen Osten. Bislang galt sie als unerreichbar für die Raketen des Iran. Umso größer war die Überraschung am Freitagabend, als Frühwarnradare gleich zwei ballistische Raketen im Anflug meldeten.

Eine Rakete versagte im Flug, die zweite wurde durch Beschuss mit Flugabwehrraketen vom Typ SM3 eines US-Zerstörers bekämpft und verfehlte das Ziel. Je nach Quelle bleibt offen, ob die Abfangrakete tatsächlich Ursache des Fehlschlags war.

Doch mit dem Angriff hat der Iran erstmals gezeigt, dass er Entfernungen über 4000 Kilometer überbrücken kann. Für die Militärplaner der USA und Europas stellt sich damit eine neue Frage: Welche Regionen sind künftig noch sicher?

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Welche konkrete Rakete der Iran für die Attacke auf Diego Garcia verwendete, ob es sich um einen bereits bekannten militärischen Typ, eine modifizierte Variante oder eine quasi improvisierte Nutzung einer Rakete für den Satellitentransport handelte, ist bislang nicht bekannt. In Frage kommen zwei Varianten:

Ein naheliegender Kandidat sind die Raketen vom Typ Khorramshahr, weil sie besonders schwere Gefechtsköpfe bis gut 2000 Kilometer weit tragen. Analysen des US-Thinktanks „Center for Strategic and International Studies“ (CSIS) gehen davon aus, dass die Reichweite stark vom Gefechtskopfgewicht abhängt – der Iran könnte die höhere Reichweite mit einer kleineren Sprengstofflast erkauft haben. Doch auch dann wären die Khorramshahr leistungsstärker als erwartet, die Analysten hatten 2019 eine maximale Reichweite von 3000 Kilometern errechnet.

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Alternativ könnte der Iran Satellitenträgerraketen vom Typ Simorgh zur ballistischen Rakete umfunktioniert haben. Statt Satelliten in den Weltraum zu tragen, würden diese Raketen dann einen Gefechtskopf in einer ballistischen Kurve auf Erdziele lenken. Doch genau hier liegt das Problem: Da die Raketen nicht für den Wiedereintritt in die Atmosphäre ausgelegt sind, wären sie wenig zielgenau und wenig verlässlich. Das passt zu dem Misserfolg am Freitag.

Raketen könnten europäische Metropolen erreichen

Der Angriff markiert damit weniger den Einsatz einer serienreifen neuen Waffe als vielmehr eine Demonstration. Der Iran zeigt, dass er die physikalische Reichweite beherrscht. Beide Raketen sind zudem eine konkrete Bedrohung für europäische Großstädte, die damit zumindest in der theoretischen Reichweite lägen.

Das bislang verbreitete 2000-Kilometer-Limit scheint politischer Natur gewesen zu sein. Über Jahre hatte Teheran selbst betont, seine Raketenreichweite bewusst zu begrenzen. Selbst Revolutionsführer Ali Chamenei rechtfertigte dies 2021 als strategische Entscheidung, auch um Europa zu signalisieren, nicht im Zielkorridor zu liegen.

Der Angriff auf Diego Garcia markiert einen Bruch mit dieser Linie. Gut zwei Wochen nach dem Tod Chameneis feuerten iranische Streitkräfte Raketen auf ein Ziel in rund 4000 Kilometern Entfernung. Dass keine traf, ändert aus Sicht von Experten wenig an der Botschaft. „Die Spielregeln haben sich geändert“, sagt der israelische Militärexperte Michael Horowitz gegenüber „Radio Free Europe“. Der Iran demonstriere, dass seine Abschreckung nicht mehr auf die Region begrenzt sei. Die Experten sehen darin auch eine Machtverschiebung innerhalb des iranischen Systems. Die Revolutionsgarden wählen einen Kurs, der risikobereiter sei als bisher.

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Doch auch die Nato rechnet bereits seit zehn Jahren damit, dass der Iran die selbst auferlegte Grenze überbieten könnte. Deswegen investieren die Nato-Partner seit Jahren in den Aufbau einer Raketenabwehr in Mittel- und Osteuropa, die sowohl Angriffe aus Richtung Iran als auch aus Russland abhalten soll.

Die USA betreiben dafür ein Frühwarnradar in der Türkei. Das System vom Typ AN/TPY-2 kann startende ballistische Raketen früh erfassen, ihre Flugbahn berechnen und die Daten an Abfangsysteme in Osteuropa weiterleiten. Dafür steht in Deveselu in Rumänien seit 2016 eine sogenannte Aegis-Ashore-Anlage, eine landgestützte Version des Raketenabwehrsystems der US-Marine. Die Anlage in Develsu erinnert tatsächlich an das Deckshaus eines Navy-Zerstörers der Arleigh-Burke-Klasse, sie umfasst ein leistungsfähiges Radar und Startkanister für Abfangraketen vom Typ SM-3.

Die SM-3 ist eine Abfangrakete zur Bekämpfung ballistischer Flugkörper im mittleren Flugabschnitt außerhalb der Atmosphäre. Sie trägt keinen Sprengkopf, sondern zerstört ihr Ziel durch direkte Kollision mit hoher Geschwindigkeit. Gesteuert wird sie über Radar- und Sensordaten des Aegis-Systems. Je nach Version liegt ihre Einsatzreichweite bei mehreren hundert Kilometern, die Abfanghöhe kann deutlich über 100 Kilometer betragen.

Ergänzt wird das System durch weitere Elemente, darunter US-Kriegsschiffe in Spanien und eine zweite Abwehrstellung mit SM3-Raketen in Polen, die vor allem Angriffe aus Russland abwehren soll. Die Anlage in Deveselu jedoch ist ausdrücklich auf Bedrohungen aus dem Nahen Osten gerichtet. Dass nun ein iranischer Angriff auf über 4000 Kilometer zumindest technisch möglich scheint, rechtfertigt die Investition.

Auch Deutschland hat in den europäischen Raketenschutzschirm investiert. Mit dem Import des Systems „Arrow 3“ aus Israel baut die Bundeswehr erstmals eine eigene Fähigkeit zur Abwehr ballistischer Raketen im Weltraum auf. Die Abfangraketen können anfliegende Flugkörper in Höhen ab hundert Kilometer, also außerhalb der Atmosphäre, zerstören – noch bevor sie in den Zielanflug eintreten.

Erste Elemente des Systems sind bereits in Betrieb, die volle Einsatzbereitschaft wird jedoch erst gegen Ende des Jahrzehnts erwartet. Stationiert wird „Arrow 3“ zunächst in Ostdeutschland, unter anderem am Standort Holzdorf. Von hier kann das System auch Flugbahnen aus dem Nahen Osten abdecken und soll einen möglichst großen Schutzschirm über Mitteleuropa spannen.

Politisch wurde die Beschaffung vor allem mit der Bedrohung durch Russland begründet. Russland jedoch könnte von der Enklave Kaliningrad aus problemlos ballistische Raketen gegen Deutschland einsetzen, die die Erdatmosphäre nicht verlassen und für „Arrow 3“ zu niedrig fliegen. Technisch ist das System also eher auf ballistische Mittelstreckenraketen großer Reichweite ausgelegt – unabhängig davon, ob sie von russischen Startrampen am Kaukasus oder aus dem Iran gestartet werden.

Dieser Artikel wurde für das Wirtschaftskompetenzzentrum von WELT und „Business Insider Deutschland“ erstellt.

Wirtschaftsredakteur Benedikt Fuest berichtet regelmäßig über das KI-Rennen, Technologie und Rüstung.

Source: welt.de