Rechtsextremismus in jener Deutschland: Sie blieben dem Lotse treu
Wer sich mit der Entwicklung des Rechtsradikalismus in der alten Bundesrepublik befasst, sollte stets im Auge behalten, dass die NSDAP in den frühen Vierzigerjahren über acht Millionen Mitglieder hatte und einen Führer, der dank wirtschaftspolitischer und zunächst auch militärischer Erfolge weit über die Partei hinaus „Legitimität“ im Sinne der Herrschaftssoziologie Max Webers besaß. Es wäre nicht realistisch, anzunehmen, dies alles sei nach dem 8. Mai 1945 mit einem Schlag verschwunden – und so hat denn auch die Forschung die Pflicht, der Kontinuität mit der gebotenen Gründlichkeit nachzugehen.
Das vorliegende Buch stellt sich dieser Aufgabe auf verschiedene Weise. Es beginnt, nach einer begrifflich-theoretisch gehaltenen Einleitung, mit einer Art Vorspiel, das am Beispiel des höchstdekorierten Kampffliegers der Wehrmacht, Hans-Ulrich Rudel (1916–1982), die Kontinuitätslinien belegt, die vom NS-Regime über das Exil in Argentinien zu dem nach 1950 wiedererstarkenden Rechtsradikalismus in Gestalt der Sozialistischen Reichspartei und der Deutschen Reichspartei geführt haben, wechselt dann über zu der 1951 gegründeten Monatsschrift „Nation Europa“, die weit über ein halbes Jahrhundert rechtsextremen Lesern und Organisationen wie dem Bund nationaler Studenten und der Wiking-Jugend ein Forum bot, und widmet sich Letzteren als „Orten der Überwinterung“, die das politische Überleben des rechten Lagers ermöglicht hätten.
Anknüpfungen an die Hitler-Jugend
Nach einem weiteren Kapitel, das diese Zusammenhänge durch eine Mikrostudie über die rechte Szene in Frankfurt am Beispiel des Bundes Deutscher Jugend und der 1964 gegründeten NPD vertieft, wechselt der Verfasser, filmtechnisch gesprochen, die Einstellungsgröße wieder zur Totalen und rückt die zunehmende Verlagerung der Rechten auf „Kulturkampf“ und „Rassismus“ in den Blick, für die ihm noch einmal „Nation Europa“ als Quelle dient. Anhand der Wiking-Jugend in den Siebziger- und Achtzigerjahren geht es um die Anfänge rechter Jugendkultur, die wiederum am Beispiel Frankfurts genauer beleuchtet werden.

Von der bisherigen Forschung setzt sich der Verfasser sowohl terminologisch als auch methodisch ab. Den konventionellen Terminus Rechtsextremismus möchte er durch „extreme Rechte“ ersetzen, eine Bezeichnung, von der er glaubt, mit ihr den inhaltlichen Besonderheiten besser Rechnung tragen zu können als mit dem der Totalitarismustheorie verpflichteten Ausdruck. Methodisch setzt er auf eine akteurszentrierte Betrachtungsweise, wie sie erfolgreich von Sven Reichardt für die faschistischen Kampfbünde der Zwischenkriegszeit, von Gideon Botsch für diejenigen der Nachkriegszeit angewendet worden ist.
Die Stärke des vorliegenden Buches liegt mehr in dieser letzteren, methodischen Richtung. Die Aktivitäten Rudels in Argentinien und in der Bundesrepublik werden mit ebenso großer Genauigkeit verfolgt wie die späteren Bemühungen um eine Leugnung des Holocausts oder die Praktiken der Wiking-Jugend, die an die Tradition eines Massenbundes wie der Hitler-Jugend anknüpften, sich von ihr aber durch extrem elitäre Vorstellungen und eine starke Einbeziehung der Familie unterschieden; dies übrigens auch in der Gestaltung der Führung, die über drei Generationen in der Hand der Familie Nahrath und ihrer männlichen Linie lag.
Skinheadszene, Rechtsrock, Rechtsterrorismus
Aufschlussreich sind auch die Exkurse in die Skinhead- und Rechtsrockszene sowie die rechten Fußballclubs der Achtzigerjahre mit ihrem starken Akzent auf Gewalt, deren Ausmaß allerdings mehr in Richtung des Terrorismus weist als in die der rechtsradikalen Verbände der Zwischenkriegszeit, deren Mitglieder nach Hunderttausenden und deren Opfer nach Tausenden zählten. Gebührende Aufmerksamkeit erhält schließlich auch die zur gleichen Zeit beginnende sogenannte Asyldebatte und die eskalierende Ausländerfeindlichkeit, Letztere freilich allzu pauschal unter „Rassismus“ verbucht, womit übergangen wird, dass sich die Feindschaft keineswegs durchweg gegen „Rasse“, sondern, wie im Fall der „Gastarbeiter“ aus Italien, Spanien und Portugal, häufig mehr auf „Ethnos“ richtete.
In terminologischer Hinsicht dürfte dagegen der Gewinn, den sich der Verfasser von der Umstellung auf „extreme Rechte“ erhofft, fraglich sein, allein schon aus Gründen der geringen sprachlichen Differenz zu „Rechtsextremismus“. Die in der Einleitung versprochene Erfassung inhaltlicher Unterschiede zwischen den einzelnen Verbänden wird nicht hinreichend eingelöst. Sie ist mit den Mitteln eines primär „praxeologischen“ Vorgehens auch nicht zu erreichen, das mit der Annahme operiert, Ideologie spiele allenfalls in fragmentierter Form eine Rolle, deren Elemente empirisch registriert, aber keiner genaueren Analyse unterzogen werden.
Damit wird die Sachlage zu sehr vereinfacht. Bei den in Rede stehenden Verbänden hat man es in ideologischer Hinsicht mit einem Spektrum zu tun, das von einem Ensemble undurchdachter Interessen und Erwartungen über Basteleien in der Art des von Lévi-Strauss beschriebenen mythischen Denkens bis zu elaborierten Konstruktionen mit einem hohen Grad an Systematik reicht. Nationalismus etwa kann viele Schattierungen annehmen, je nachdem, ob man ihn als Appell an diffuse Zusammengehörigkeitsgefühle, als Bezeichnung für die kulturelle Einheit einer durch Besitz und Bildung qualifizierten Elite oder eines auch die soziale Sicherung einschließenden Interessenverbandes versteht.
Ideologische Differenzierungen sind nötig
Rassismus, um nur dieses Beispiel noch hinzuzufügen, kann sich ebenfalls unterschiedlich darstellen, wenn man Rasse im Sinne Gobineaus für gegebene, nach Farben sortierte Großkollektive verwendet oder im Sinne der „Nordischen Bewegung“ um Hans F. K. Günther, die gerade auf eine Dekomposition dieser Großkollektive und eine Neusortierung nach strengeren Kriterien zielte.
Differenzierungen dieser Art mögen auf den ersten Blick, mit Klopstock zu reden, „nicht des Schweißes der Edeln wert“ sein. Sie werden auch allzu oft von den Akteuren selbst ignoriert, wie Krautkramer am Beispiel der Rezeption des „Nordlandgedankens“ in der Wiking-Jugend zu zeigen vermag, die daraus ein „völkisch-rassistisches Konglomerat“ gemacht hat. Sie sind aber dennoch vorhanden und machten sich etwa während des NS-Regimes in den Debatten um die Auslegung der „Nürnberger Gesetze“ geltend, mit weitreichenden Folgen für die Betroffenen.
Dass die extreme Rechte der Bundesrepublik in ideologischer Hinsicht nur die Probleme ihrer Vorgänger reproduziert, zeigt das Buch in überreichem Maße. Es bleibt die Aufgabe, dem nicht nur in historisch-empirischer, sondern auch in soziologisch-typisierender Perspektive nachzugehen.
Niklas Krawinkel: „Rechter ‚Rand‘ und demokratische ‚Mitte‘“. Radikalisierung und Legitimation extrem rechter Politik nach 1945. Wallstein Verlag, Göttingen 2025. 460 S., geb., 42,– €.
Source: faz.net