Briefe aus dem Irankrieg: Siebenmal ein Sulfur oder Gutes neues Jahr, Iran

Mein Lieber, heute ist der erste Tag des Frühlings, der Tag eins des ersten Monats Farvardin, 1405. Ich bin noch immer in der Türkei. Gestern konnte ich zum zweiten Mal über einen iranischen Messengerdienst meinen Eltern schreiben. Ich schickte ihnen ein Foto meines Haft-Sin-Tisches, damit sie beruhigt sind und wissen, dass ich an einem sicheren und guten Ort bin. Haft-Sin ist eine persische Neujahrstradition zu Nowruz, bei der sieben symbolische Gegenstände mit dem Anfangsbuchstaben „S“ auf einem Tisch arrangiert werden, um Glück, Leben und Erneuerung zu feiern.

Sch., meine Mitbewohnerin, sagte, besonders mein Vater mache sich große Sorgen um mich – und ich mache mir hier Sorgen um sie. Wir sagten einander „frohes neues Jahr“, umarmten uns aus der Ferne und wünschten uns, dass das neue Jahr ein Jahr des Friedens und der Ruhe wird. Bevor ich hierherkam, hatte ich meiner Mutter versprochen, zum Moment des Jahreswechsels bei ihnen zu sein. So wie jedes Jahr. Aber der Krieg hat mich hier festgehalten.

„Stimmt es wirklich, dass Frauen ohne Kopftuch auf der Straße sind?“

In der letzten Nacht des Jahres träumte ich, ich sei nach Teheran zurückgekehrt. Auf dem ganzen Weg vom Flughafen bis nach Hause schaute ich aus dem Fenster auf die Stadt – ein Bild, das ich ständig in mir trage. Ich denke an den Moment, in dem ich mein erschöpftes, verwundetes Teheran wiedersehe. Mit meinen eigenen Augen, nicht in den Nachrichten. Doch in meinem Traum war Teheran schön aufgeräumt, ruhig und leer. Der Krieg war vorbei, die zerstörten Gebäude waren wiederaufgebaut – sogar schöner als zuvor. Als ich aufwachte, fühlte ich eine tiefe Sehnsucht.

Mein türkischer Freund O. gab mir ein Blatt Papier und sagte, ich solle aufschreiben, was uns noch für den Haft-Sin-Tisch fehlt. Und weil es zufällig auch das Ende des Ramadan und das Zuckerfest war, besuchten wir seine Mutter. Eine seltsame Gleichzeitigkeit: Denn das Zuckerfest ist der wichtigste Feiertag in der Türkei und Nowruz der wichtigste in Iran. Nach türkischer Tradition küssten wir – vom Ältesten zum Jüngsten – die Hand seiner hundertjährigen Mutter, gratulierten ihr auf Türkisch zum Fest, und sie sprach ein Gebet für uns. Ich zeigte O.s älterer Schwester Bilder von Menschen in Teheran, die mitten im Krieg und unter Bombardierungen Blumen und Dinge für den Haft-Sin einkaufen. Sie fragte mich: „Stimmt es wirklich, dass Frauen ohne Kopftuch auf der Straße sind?“ Von hier aus, aus dieser Entfernung kann sie kaum glauben, dass das wirklich geschehen ist.

Illustration von Mehrdad Zaeri
Illustration von Mehrdad ZaeriMehrdad Zaeri

Ich spürte, wie mein Atem schwer wurde. Das Ablegen des Kopftuchs – zum Preis unserer ergrauten Haare. Zum Preis der Menschen, die jetzt unter der Erde liegen. In diesen Tagen denke ich oft über diese Fragen nach: Zu welchem Preis? Freiheit – zu welchem Preis? Zum Preis des Todes? Zum Preis des Krieges? Zum Preis der Zerstörung? Ich pflücke einen kleinen Strauß gelber Blumen von der Farm für den Haft-Sin-Tisch und schaue auf die leise Arbeit der Erde. Auf die Schönheit, die aus Zerstörung und der Kälte des Winters hervorgeht. Auf das Leben, das aus dem Tod entsteht. Und ich möchte mich selbst diesem Fluss der Natur überlassen.

Ich nehme ein altes Kupfer-Serviertablett, das an der Steinwand von O.s Haus hängt. Ich lege grüne Äpfel (Sieb), Sumach, Münzen (Sekkeh), Essig (Serkeh) und Knoblauch (Sirr) darauf. Ich stelle mein ungeschicktes, etwas kümmerliches Grün aus gekeimtem Getreide (Sabzeh) dazu. Es fehlt noch ein „S“. Unser amerikanischer Gast S. bastelt kleine Kerzen aus Orangenschalen. Ich stelle die Kerzen und die gelben Blumen dazu. Ich dusche, um rein und sauber zu sein. Ich möchte das Neujahrsgebet auf ein Blatt Papier schreiben – etwas, das mich mehr als alles andere mit meinem Zuhause und meiner Mutter verbindet: O du, der die Herzen und die Blicke wandelt. O du, der Nacht und Tag lenkt. O du, der Zustände verwandelt – wandle unseren Zustand zum Besseren.

D., unsere bulgarische Freundin, gibt mir ein Blatt und sagt: „Das ist das siebte S.“ Sie hat eine Hyazinthe (Sonbol) in Originalgröße und in echten Farben gemalt. Ich umarme sie. Anstelle meiner Mutter. Anstelle meines Vaters. Anstelle meines Bruders. Anstelle all jener, die in Iran sind – und deren Stimmen ich seit fast einem Monat nicht mehr hören kann.

Das Haus riecht nach Iran, und ich vermisse den Klang der persischen Sprache. N., mein Exfreund, kann sich kurz verbinden und schickt mir ein Foto meiner Katze – aber das Bild lädt nicht. Er sagt: „Mach dir keine Sorgen. Mi. geht es gut.“ Ich sage N., dass er mir sehr wichtig ist. Der Krieg – und meine Katze Mi. – haben uns wieder miteinander verbunden. Diesmal in einer neuen Form. Diese neue Form unserer Beziehung, die aus Vertrauen, Wärme und Freundschaft entstanden ist, ist wie die gelben Blumen, die aus dem Tod unserer Liebesbeziehung gewachsen sind.

Dieser Krieg, der in anderer Form schon vor Jahren begonnen hat, nimmt mir mit einer Hand Dinge weg – und gibt mir mit der anderen etwas anderes zurück.

Nona ist ein Pseudonym. Unter ihm schickt eine iranische Autorin wöchentlich Briefe, in denen sie aus ihrem Leben im und mit dem Irankrieg berichtet. Aus dem Persischen übersetzt von Mehrdad Zaeri.

Source: faz.net