Raketen uff Berlin?: Warum dieser Iran Europa Zähne zeigen könnte, jedoch nicht will
Raketen auf Berlin?Warum der Iran Europa angreifen könnte, aber nicht will
Von Lukas WesslingArtikel anhören(06:24 min)

Kann der Iran Europa mit Raketen angreifen? Diese Frage schwirrt seit dem Wochenende umher. Der österreichische Oberst Wasinger sagt: Ja, kann er. Der Iran dürfte in seinen Augen an einem solchen Angriff aber nicht ernsthaft interessiert sein. Allein schon wegen der technischen Details.
In der Nacht auf Samstag meldete das „Wall Street Journal“, der Iran habe den britisch-amerikanischen Militärstützpunkt Diego Garcia im Indischen Ozean angegriffen. Der Stützpunkt liegt rund 4000 Kilometer vom Iran entfernt. Es dauerte nicht lange, bis Israels Militärchef Ejal Zamir schlussfolgerte: „Berlin, Paris und Rom sind alle im direkten Bedrohungsradius.“ Premierminister Benjamin Netanjahu forderte, Europa solle sich am Krieg gegen den Iran beteiligen. Auch der US-Botschafter bei den Vereinten Nationen, Mike Waltz, argumentierte: Wenn der Iran Diego Garcia treffen könne, könne er genauso europäische Hauptstädte angreifen. Nato-Generalsekretär Mark Rutte pflichtete ihm bei.
Kann der Iran jetzt also Europa angreifen? Der österreichische Oberst Matthias Wasinger sagt im Gespräch mit ntv.de: Der Iran kann. Das Land verfüge technisch über die Fähigkeit, Ziele in Mitteleuropa zu erreichen. Wasinger betont jedoch zwei entscheidende Einschränkungen: die geringe Durchschlagskraft solcher Angriffe und die Frage nach dem tatsächlichen politischen Willen des Mullah-Regimes.
Die Frage, ob der Iran überhaupt angreifen möchte, beantwortet Wasinger so: „Bis dato gibt es keine Anzeichen, dass der Iran den politischen Willen hat, den Konflikt auf Europa auszudehnen.“ Ähnlich hatte das am Montag auch der britische Premierminister Keir Starmer formuliert. „Es gibt keinerlei Anzeichen dafür, dass wir in dieser Weise ein Ziel sind“, sagte Starmer in einem Interview mit Sky News.
Wasinger sieht seitens des Iran kein Interesse an einem direkten ballistischen Angriff auf Europa, wohl aber an der Diskussion darüber. Dieses Ziel ist längst erreicht. Am Samstagabend war der Angriff auf Diego Garcia Thema in der Tagesschau. „Muss man sich in Berlin Sorgen machen?“, fragte ntv.de am Montag. Netanjahus, Zamirs, Ruttes und Waltz‘ Äußerungen finden auch in anderen europäischen Ländern Widerhall. Sowohl der Iran als auch die USA und Israel profitieren laut Militärexperte Wasinger davon, dass Europa über die wahre Bedrohung im Ungewissen bleibt.
Für den Iran sei diese „strategische Ambiguität“ deshalb so wertvoll, weil er Europa zwar mit Raketen treffen könnte, aber sehr wahrscheinlich nicht oft, sagt Wasinger. Er gehe davon aus, dass der Iran die Insel Diego Garcia nur mithilfe zweier „technischer Verrenkungen“ habe angreifen können, aufgrund derer dieser Angriff wohl erst einmal ein Sonderfall bleiben dürfte.
„“Wir reden hier nicht von einer Serienproduktion“
Wasinger erklärt das so: Im Moment sei noch nicht mal sicher, dass der Iran die Insel überhaupt angegriffen habe, er gehe aber davon aus. Und in diesem Fall halte er es für wahrscheinlich, dass der Iran zwei technische Hebel genutzt habe, um die Reichweite seiner Raketen zu steigern. Erstens: Die transportierte Waffenlast reduzieren. Zweitens: Eine zweite Zündstufe anbringen.
Der Iran habe womöglich sehr viel weniger Sprengstoff in den beiden abgeschossenen Raketen untergebracht als möglich gewesen wäre, sagt Wasinger: „Oder ich füge einen Dummy ein, damit wird die Rakete noch leichter.“ In Kombination mit der zweiten Zündstufe werde so möglich, „dass man die Reichweite auf Diego Garcia oder eben auf die 4000 Kilometer nach Mitteleuropa hinein ausdehnt“.
Sollte der Iran tatsächlich auf die Kombination aus verringerter Waffenlast und zweiter Zündstufe gesetzt haben, hätte das in Wasingers Augen für Europa klare Implikationen: „Wir reden dann hier nicht von einer Serienproduktion, bei der man damit rechnen müsste, dass der Iran mit Salven Richtung Europa schießen kann.“
Ein Indiz für die Modifikationsthese sieht Wasinger in Berichten über die „seltsame Flugbahn“ der abgefangenen Rakete. Ein Schlingerkurs deute darauf hin, dass der Iran Mittelstrecken-Raketen umgebaut habe, die dann eine weniger stabile Flugbahn produzierten.
Liegt Wasinger mit seinen Überlegungen richtig, hätte der Iran Ziele wie die Insel Diego Garcia schon vor Jahren angreifen können. Warum geschah der Angriff jetzt? Der US-Sender CNN erklärt diese Entwicklung mit dem Tod des Ajatollah Ali Chamenei. Der sei ein Fürsprecher einer selbstauferlegten Beschränkung auf einen Angriffsradius von 2000 Kilometern gewesen, während die Hardliner um ihn herum schon lange auf eine Möglichkeit gewartet hätten, weitergehende Angriffe zu fahren. CNN zitiert dazu den Polititologen Jeffrey Lewis: „Sie haben darauf gewartet, dass Chamenei seine Meinung ändert oder, nun ja, stirbt“, sagte Lewis demnach. „Jetzt ist er tot.“
Mit dem Tod des Ajatollah sei „in gewisser Weise die politische Zurückhaltung aufgebrochen“, sagt Wasinger und schränkt zugleich ein: „Aber immer mit einem relativ klaren Fokus auf die Region selbst, auf die angreifenden Staaten Israel und die USA und die Golfstaaten, die sie unterstützt haben.“ Der Iran habe vielmehr ein Interesse daran, die Zahl der Kriegsparteien gering zu halten, weil er darauf hoffe, dass die USA bald einen gesichtswahrenden Rückzug versuchen könnten. Dafür gelte aber: „Je mehr Konfliktparteien weltweit man hineinzieht, desto schwerer wird es, so einen solchen Frieden hinzubekommen.“
Source: n-tv.de