Interview zum „Salon du Dessin“: Als würde man Künstlern im Zusammenhang welcher Arbeit zuschauen
Herr Moeller-Pisani, Herr Sundheimer, Sie gehören zu den rund 40 Ausstellern, die bald im Pariser Salon du Dessin ihr Angebot präsentieren. Was fasziniert Sie an Arbeiten auf Papier ?
Martin Moeller-Pisani: Zeichnungen oder Aquarelle strahlen für mich immer etwas Spontanes und sehr Persönliches aus. Sie vermitteln das Gefühl, dem Künstler direkt bei der Arbeit über die Schulter schauen zu können.
Florian Sundheimer: Dem kann ich mich nur anschließen, der Reiz der Zeichnung liegt in dieser Unmittelbarkeit des Ausdrucks. Damit einher geht die meist kammermusikalische Privatheit der Werke. Gerade in der Moderne haben Arbeiten auf Papier einen hoch geschätzten Status erreicht und bilden manchmal den Kern eines künstlerischen Werkes. Das zeigt sich auch darin, dass es eigens Werkverzeichnisse für Arbeiten auf Papier gibt – etwa von Otto Dix, Paul Klee oder Gerhard Richter.
Weil das Wort kammermusikalisch fiel: Sehen Sie einen Bezug zwischen Zeichnung und Musik?
Moeller-Pisani: Auf jeden Fall, ein gelungener Strich schwingt wie ein Soloinstrument.
Sundheimer: Ja, eine gute Zeichnung funktioniert wie eine Partitur. Man kann einer Linie wie einem Melodiebogen folgen.

Herr Moeller-Pisani, Sie nehmen seit vielen Jahren am Salon du Dessin teil. Ist Paris ein idealer Standort für Zeichnungen?
Moeller-Pisani: Auf diese Messe wird man eingeladen, man kann sich nicht bewerben. Als ich 2005 zum ersten Mal teilnehmen durfte, war es für mich wie ein Ritterschlag. Paris ist tatsächlich der ideale Ort für eine Zeichnungsmesse, nicht nur wegen der Konzentration eines starken, spezialisierten Kunsthandels. Die Stadt kann hervorragende museale und private Sammlungen aufweisen, außerdem gibt es ein breites Interesse an dieser Kunstform. In Frankreich arbeiten die privaten und öffentlichen Akteure sehr selbstverständlich und ohne Konkurrenzdenken zusammen, wenn es um die Unterstützung dieses gemeinsamen Sammlungsgebietes geht. So veranstalten Pariser Museen Sonderausstellungen zum Thema Handzeichnungen gemeinsam mit dem Salon du Dessin, um die Attraktivität dieser Woche der Zeichnung zu steigern.
Herr Sundheimer, Sie haben 2025 erstmals teilgenommen. Was ist für Sie das Besondere an dieser Messe?
Sundheimer: Sämtliche Aussteller weisen eine große qualitative Konstanz der händlerischen Tätigkeit und ein klares Profil auf. Mit großer Sensibilität wird hier über Kunst diskutiert. Über die gesamte Laufzeit hinweg atmet der Salon du Dessin einen besonderen Geist.

Wie sind Ihre Erfahrungen mit dem Publikum?
Sundheimer: Es besticht durch seine Internationalität. Ich war im letzen Jahr auch sehr erstaunt darüber, wie kundig und aufmerksam sich die Besucher den Exponaten gewidmet haben. Zunächst konnte es bei einem Kopfnicken und einem kleinen Austausch bleiben. Tage später dann erfolgte der Anruf, dass jetzt die Entscheidung für ein bestimmtes Blatt gefallen sei, und ob es noch zur Verfügung stünde. Alles findet hier eher leise, sachverständig und äußerst zielgerichtet statt. Auffällig ist auch die große Präsenz amerikanischer Sammler und Museumsleute.

Moeller-Pisani: Das kann ich bestätigen. Seit meiner Teilnahme am Salon habe ich nicht mehr in New York ausgestellt, weil die wichtigsten amerikanischen Museumsvertreter und Sammler im März nach Paris kommen. Letztes Jahr habe ich über zwanzig Kuratoren allein aus deutschen Kupferstichkabinetten getroffen. Das Publikum auf dem Salon du Dessin ist international, aber die große Begeisterung der französischen Besucher für das Thema Handzeichnungen macht diese Messe unvergleichbar.
Welche Blätter zeigen Sie an Ihren Ständen?
Moeller-Pisani: Ich versuche jedes Mal, meine Auswahl thematisch zu gliedern, um eine allzu eklektische Präsentation zu vermeiden. Diesmal zeige ich an einer Wand des Standes Porträts und Personendarstellungen des 18. bis 20. Jahrhunderts, darunter Arbeiten von Anselm Feuerbach, Adolph von Menzel und Curt Querner. Dann versammeln sich auf der zweiten Wand Tierzeichnungen aus ganz Europa von 1700 bis heute, und als drittes Thema gruppieren sich abstrakte Kompositionen aus den 1920er-Jahren um eine wiederentdeckte Gouache von Willi Baumeister aus derselben Periode, das wichtigste Exponat.

Sundheimer: Mein Augenmerk liegt neben der Qualität auf der Marktfrische der Arbeiten. So versuche ich, im Wesentlichen Werke aus Privatsammlungen anzubieten. Herausgreifen möchte ich eine DIN-A4 große Zeichnung von Gerhard Richter, die im Herbst 1989 nur einen Monat nach dem Mauerfall entstanden ist. Hier handelt es sich um ein einmaliges Zeugnis der Richter’schen Meisterschaft, auf kleinstem Raum ein künstlerisches Manifest zu gestalten. Außerdem werde ich Zeichnungen der österreichisch-amerikanischen Künstlerin Erika Giovanna Klien vorstellen, der im kommenden Mai im Wiener Belvédère eine Retrospektive gewidmet wird.
Die Mehrzahl der 39 Händler kommt aus Frankreich, Belgien, der Schweiz und Italien zum Salon du Dessin, warum nur Sie beide aus Deutschland?
Sundheimer: Diese Messe lebt von einem ganz speziellen Flair und von der Parität der Aussteller: Jede Koje ist gleich groß, der Standort wird verlost. Hier entscheidet sich der Verkaufserfolg nicht binnen der ersten Stunden der Eröffnung, sondern es wird sorgfältig abgewogen und verglichen. Ich möchte das als Anreiz für weitere Aussteller aus Deutschland verstehen.
Moeller-Pisani: Für mich verdeutlicht es auch ein mangelndes Interesse – oder mangelnde Kenntnisse – an der Handzeichnung im deutschen Kunsthandel. Dennoch registriere ich mit Freude, dass Besucher aus Deutschland inzwischen zu einer beachtenswerten Käufergruppe gehören.

Gibt es ein schönstes Blatt, das je durch Ihre Hände ging – oder eines, von dem Sie träumen?
Moeller-Pisani: Zweifellos das „Gretchen“ von Käthe Kollwitz. Von dieser Zeichnung hätte ich mich fast nicht trennen können!
Sundheimer: Wenn ich einmal träumen darf, dann wäre es die Silberstiftzeichnung „Bildnis eines älteren Mannes“ von Jan van Eyck. Aber die befindet sich im Dresdener Kupferstichkabinett.

Die Fragen stellte Bettina Wohlfarth.
Salon du Dessin, im Palais Brongniart, Paris, vom 25. bis zum 30. März, Eintritt 16 Euro
Source: faz.net