„Bitch Hunt“ von Veronika Kracher: „Die AfD spricht präzise gekränkte Männer an“
Die Soziologin Veronika Kracher bezeichnet sich gerne auch als „Expertin für belastende Männer im Internet“. Ihr neues Buch Bitch Hunt: Warum wir es lieben, Frauen zu hassen taucht tief ein in die misogyne Bandbreite digitaler Hassdynamiken. Sind soziale Medien für Frauen* nur noch gefährlich? Ein Gespräch über Marx-Mansplainer, Epstein, und die historische Verbindung von Antisemitismus und Antifeminismus.
der Freitag: Veronika Kracher, in „Bitch Hunt“ geht es um digitale Misogynie und darum, wie soziale Medien als Verstärker von Frauenhass fungieren. Insgesamt zeichnen Sie ein sehr negatives Bild von allen Plattformen, sind selbst aber weiterhin aktiv. Was lässt Sie bleiben?
Veronika Kracher: Abgesehen davon, dass ich mir gerne Videos von niedlichen Tieren reinziehe? Natürlich nutze ich die sozialen Medien für meine Arbeit und – so zynisch das klingt – für meine Selbstvermarktung als Autorin. Man ist diesen kapitalistischen, kulturindustriellen Logiken leider unterworfen.
Wäre es nicht an der Zeit, die digitale Welt zu boykottieren und sich auf analoge politische Arbeit zu konzentrieren?
Nein, ein Boykott wäre der falsche Weg. Es bleibt wichtig, eigene digitale Räume zu schaffen. Wir dürfen nicht vergessen, wie unabdingbar solche politischen Räume für feministische Kämpfe waren, etwa für „MeToo“. Außerdem können Leute dort super anpolitisiert werden. Die Nutzung muss aber selbstkritisch und reflektiert sein.
Wie sähe so eine selbstkritische Nutzung aus?
Man darf die Logiken hinter den Plattformen nie vergessen. Sie sind darauf ausgelegt, dass wir auf ihnen bleiben und sie weiter bespielen. Inhalte, die starke Emotionen wie Wut oder Empörung hervorrufen, werden schneller geteilt.
Wenn es darum geht, männerbündische Strukturen und Sexismus innerhalb einer radikalen Linken zu kritisieren, geht bei vielen linken Männern eine Abwehrhaltung hoch.
Gefährlich wird es, wenn Leute so eingesogen werden, sich nur noch in ihrer Meinung bestätigt fühlen, dass sie den Blick für politische Kämpfe außerhalb der Online-Diskurse verlieren. Wenn die Empörung über Menschenfeindlichkeit nur im Digitalen verbleibt, ist das ein Problem, denn sie ersetzt die echte Interaktion nicht: autonome Zentren besuchen, auf Demonstrationen gehen. Nur politische Selbstinszenierung und Selbstvergewisserung reichen nicht aus.
Ihre Kritik der Selbstvergewisserung richtet sich auch an Linke. Sie sprechen von „Marx-Mansplainern“ im Netz. Ist es denn nicht super, wenn linke Stimmen der rechten Übermacht etwas entgegensetzen – oder warum stören Sie diese Typen so?
Weil sie nicht frei von Sexismus sind, nur weil sie sich links nennen. Es braucht harte Selbstkritik und den Austausch mit Betroffenen – was innerhalb der eigenen Digital-Dynamiken eben nicht immer gegeben ist. Durch alle linken Spektren hindurch habe ich die Erfahrung gemacht, dass sich selbst der progressivste Cis-Mann schwertut, feministische Kritik anzunehmen. Was auch gesellschaftlich verwurzelt ist, weil Frauen ihre intellektuelle Befähigung lange abgesprochen wurde.
Aber etwa von den Epstein-Files sind doch auch Männer schockiert, oder nicht?
Klar, nur wollen die wenigsten Männer wahrhaben, dass organisierte sexuelle Gewalt keine Sache von Milliardär-Eliten ist, sondern überall stattfinden kann. Ich sehe da eine regelrechte Aversion, sich mit der Normalität dieser Gewalt auseinanderzusetzen. Denn eine ernsthafte Reflexion würde ja implizieren, auch seine eigenen Täter-Kumpels outzucallen. Wenn es darum geht, männerbündische Strukturen und Sexismus innerhalb einer radikalen Linken zu kritisieren, geht bei vielen linken Männern eine Abwehrhaltung hoch.
Lassen wir links und rechts kurz beiseite. Wie sieht Misogynie im Netz aktuell aus?
Wir müssen Misogynie als kollektive Gewalt verstehen. Misogynie ist die Sanktion für Präsenz, dafür, dass Frauen öffentlich Raum einnehmen. Dieses Abstrafen ist eine etablierte kulturelle und politische Praxis. Wir halten es für legitim, Frauen, die in irgendeiner Weise aus der Reihe treten, abzuwerten. Das beruht auch auf einem Spaßgefühl, auf einer Form des Bondings in der Gruppe, die die Betroffene für ihr Anderssein bestraft.
Klingt nach einer Mobbing-Dynamik.
Ja, aber die misogyne Komponente bringt den Hass nochmal auf eine andere Ebene. Von digitaler Gewalt sind auch Männer betroffen – primär dann, wenn sie etwa durch Queerness „herausfallen“. Aber bei Frauen* reicht ein feministischer Post, um einen bestimmten Schlag von Männern zu verleiten, die Kommentarspalte für ihre ungehemmte Triebabfuhr einzunehmen.
Manchmal frage ich mich, ob das feministische Skandieren davon, dass in jedem Mann ein potenzieller Gewalttäter steckt, nicht kontraproduktiv ist. Zumindest kenne ich junge, progressive Männer, die sich von dieser Pauschalisierung verletzt fühlen.
Sorry, das akzeptiere ich nicht als Argument. Es darf nicht sein, dass Cis-Hetero-Männer, sobald sie der Tatsache ins Auge schauen müssen, dass sie von der patriarchalen Dividende profitieren, das wieder auf Frauen verlagern, indem sie deren emotionale Care-Arbeit einfordern, nach dem Motto: „Oh, du hast patriarchale Gewalt erlebt, wie schlimm, aber kannst du das nicht rücksichtsvoller formulieren?“
Wir haben schon genug damit zu tun, uns nicht von irgendwelchen Männern ermorden zu lassen.
Diese Selbstinfantilisierung hemmt den Reflexionsprozess, der dringend notwendig wäre. Ja, es ist schmerzhaft, sich als Mann einzugestehen, von patriarchaler Gewalt profitiert oder sie gar selbst ausgeübt zu haben. Aber es ist nicht meine Aufgabe als FLINTA-Person, das aufzufangen – auch wenn uns so gerne die Rolle der Fürsorgerin aufgedrängt wird. Wir haben schon genug damit zu tun, uns nicht von irgendwelchen Männern ermorden zu lassen.
Sie vergleichen digitale Hetzkampagnen gegen prominente Frauen mit denen der Boulevard-Presse. Als Beispiel nennen Sie die mediale Hetzjagd auf Princess Diana in den Neunzigern und die auf Social Media ausgetragene Hasswelle gegen Amber Heard 2022. Lässt sich das gleichsetzen?
Früher gab es ein klares Sender-Empfänger-Prinzip. Die BILD gab ein Narrativ über Princess Di vor, das die Leser*innen affirmieren oder ablehnen konnten. Die mediale Öffentlichkeit war geprägt von einzelnen, wirtschaftlich starken Playern, und man selbst konnte sich dazu so oder so verhalten. Die sozialen Medien haben den Diskurs demokratisiert: Plötzlich konnte jeder partizipieren, und diese Demokratisierung hat durchaus gute Seiten. Im Fall von Amber Heard war das aber eindeutig schlecht.
In Zeiten der autoritären Wende wird Menschenfeindlichkeit wieder en vogue, und die sozialen Medien sind ein Katalysator für Bedrohungs- und Hassgefühle. Wenn man permanent damit konfrontiert wird, dass der Feminismus dich kastriert oder Geflüchtete deiner Oma die Rente wegnehmen, geht man bösartiger an die Welt heran. Die AfD hat schon vor zehn Jahren verstanden, dieses Klima der Empörung für ihre Desinformationskampagnen zu nutzen.
„Nicht alle Antifeministen sind rechtsradikal – aber alle Rechtsradikalen sind antifeministisch“, heißt es im Buch. Wurde und wird der antifeministische Aspekt der AfD unterschätzt?
Auf jeden Fall. Im Antifa-Film „Schulter an Schulter“ sagt eine Genossin, es sei eine Schande, dass feministische Antifaschistinnen so lange ignoriert wurden. Schon in den 90ern und Nullerjahren wurde vor dem Antifeminismus als Bestandteil der extremen Rechten gewarnt. Und dass eine Analyse von Faschismus nicht ohne eine Analyse von Geschlecht auskommen darf.
Doch weil unsere bürgerlich dominierte Medienlandschaft nicht feministisch ist, wurde die Geschlechterfrage in der Auseinandersetzung mit der AfD versäumt. Dabei spricht gerade die „Generation Deutschland“ gezielt gekränkte Männlichkeit an, um für die bürgerliche Familie zu werben, so von wegen: „Mit uns ist dir die Frau, die die Beine breit macht, das Haus sauber hält und dir nicht widerspricht, garantiert“.
Bei Ihrer Erfahrung mit Shitstorms unterscheiden Sie zwischen drei „Hater“-Gruppen: „Neonazis, Antifeministen und Antisemiten“. Wie hängen Antisemitismus und Antifeminismus zusammen?
Ich selbst bin nicht von Antisemitismus betroffen. Wichtig zu verstehen ist: Antisemitismus ist mehr als ein Hass gegen Jüd*innen. Antisemitismus ist ein simplifiziertes Weltbild, in dem es eine monokausale Erklärung für gesellschaftliche Entwicklungen zu geben scheint. Es gibt den – fälschlicherweise August Bebel zugeschriebenen – Satz: „Antisemitismus ist der Sozialismus des dummen Kerls“.
Daher das Narrativ, die Juden hätten den Feminismus erfunden, um die deutsche Frau zu korrumpieren und damit das Vaterland zu ruinieren.
Wir sehen es an der Causa Epstein: In manchen Kreisen wird weniger über patriarchale Gewalt gesprochen als darüber, dass Epstein Jude war. Hass auf jüdische Menschen ist gesellschaftlich etablierter als die Auseinandersetzung mit Machtmissbrauch in Männerbünden.
Diese Verbindung ist historisch: Im 19. Jahrhundert war sowohl die jüdische als auch die Emanzipation der Frauen Angriff auf den deutschen Nationalismus. Daher das Narrativ, die Juden hätten den Feminismus erfunden, um die deutsche Frau zu korrumpieren und damit das Vaterland zu ruinieren. Die Erzählung des sogenannten Kulturmarxismus findet sich bis heute in antifeministischen Narrativen.
Der „Kulturmarxismus“: eine rechte Chiffre, mit der Juden die Schuld für „linke Propaganda“ gegeben werden soll.
Die Vertreter der Frankfurter Schule, auf die ich mich viel beziehe, waren größtenteils jüdische Kommunisten, die vor den Nazis in die USA geflohen sind und dort intellektuell gearbeitet haben. In der Verschwörung des Kulturmarxismus hätten sie die Universitäten und Hollywood besetzt, um ihre kommunistische, feministische oder antirassistische „Propaganda der Egalität“ in die Köpfe der Jugend zu pflanzen. Diese Idee entmündigt marginalisierte Menschen: Indem sie unterstellt, ihre Kämpfe kämen nicht aus ihnen selbst, sondern würden von oben gesteuert. Auch feministische Kämpfe: Alles Schuld der bösen Juden, die die Fäden ziehen.
Wir leben in einer postfaktischen Zeit, schreiben Sie, in der emotionale Polarisierung wichtiger ist als Fakten und Argumente. Ein Angriff auf die Intellektualität?
Ja! Der Antiintellektualismus ist die große Gefahr unserer Zeit. In den USA kann man das gut beobachten – in Florida musste ein Department für Soziologie sämtliche Bücher entsorgen, die zu „woke“ seien. Ist das nicht bezeichnend für diese weiß-christlich-patriarchale Regierung?
Sie hat Angst, weil Geisteswissenschaften vermitteln, dass sich Strukturen auch umstürzen lassen. Nicht umsonst bezeichnete Umberto Eco den Antiintellektualismus als Kernelement des Faschismus. Faschismus funktioniert mit Wut, und der Ideologie steht es entgegen, innezuhalten und zu fragen: Warum bin ich eigentlich so wütend? Mit solchen Fragen beschäftigen sich bekanntlich die Geisteswissenschaften.
Veronika Kracher ist Autorin, Publizistin und die erste Expertin für belastende Männer im Internet. Ihre Themen sind digitale Misogynie, Antifeminismus und Rechtsextremismus. 2020 veröffentlichte sie Incels – Geschichte, Sprache und Ideologie eines Online-Kults im Ventil Verlag. Von 2021 bis 2024 war Kracher bei der Amadeu-Antonio-Stiftung tätig, um dort Recherche- und Monitoring-Arbeit zu misogynen und rechtsextremen Online-Communitys zu leisten. Bitch Hunt ist ihr zweites Buch und im Verbrecher Verlag erschienen.