Journalist Daniel Haas nachdem Burnout: „Social Media ist welcher brutalste Einsamkeitsbooster!“
der Freitag: Herr Haas, Sie haben ein sehr persönliches Buch über Einsamkeit geschrieben. Warum haben Sie das getan?
Daniel Haas: Die Zeit zwischen 2019 und 2022 war für mich eine Phase voller Zusammenbrüche und Katastrophen, zum Teil selbstverschuldet. Erst kam ein schlimmer Burnout, dann die Pandemie, dann suizidierte sich meine Mutter, meine Partnerin verließ mich, und der Ehemann meiner Mutter hat das Vermögen meiner Mutter verschleudert.
Ihr Text ist autobiografisch?
Ja, außer ein paar Verkürzungen und Zuspitzungen ist alles exakt so passiert. 2023 kam ich dann wieder auf die Beine, und aus einer Einsamkeitskolumne für den Spiegel entstand die Idee, ein Buch zu machen, als Erzählung.
Hatten Sie keine Sorge, Ihren Ruf als Journalist zu ruinieren? Einsamkeit ist nicht gerade ein Statussymbol …
Manchmal male ich mir mit Lustangst so eine Szene aus, wie ich in der Buchhandlung erkannt werde. Wie jemand ruft und mit dem Finger auf mich zeigt „Guck mal, das ist doch der, der so einsam ist“, und wie ich mich dann hinter einem Caroline-Wahl-Buch wegducke.
Einsamkeit ist in aller Munde, aber kaum jemand gibt zu, selbst einsam zu sein.
Scham hilft niemandem. Ich glaube, wenn wir ehrlich und ohne Selbstmitleid und Groll von unserem Innenleben sprechen, wie es wirklich ist, so dass sich andere damit identifizieren können, ist es nicht beschämend, sondern befreiend.
Die Politik listet „Maßnahmen zu Bekämpfung von Einsamkeit“, dazu gehören „gesellschaftliche Teilhabe wie aktiver Sport oder ein Ehrenamt, starke soziale Bindungen“.
Klingt ratlos und hilflos und geht an wesentlichen Punkten völlig vorbei.
Welche Maßnahmen gegen Einsamkeit würden Sie der Politik empfehlen?
Social Media massiv eindämmen! Das ist der brutalste Einsamkeitsbooster, das Internet wirkt verheerend. Große Techkonzerne einschränken und Altersbeschränkungen einführen. Außerdem in Schulbildung investieren.
Seit 2023 gibt es die bundesweite Aktionswoche „Gemeinsam aus der Einsamkeit“, in diesem Jahr vom 22. bis 29. Juni. Haben Sie als Betroffener solche Angebote wahrgenommen?
Nein, habe ich weder wahrgenommen noch angenommen. Ich habe mich stattdessen immer tiefer hineingegraben ins Netz, in Streamingdienste, ich war mental komplett verrottet, kann man sagen. Ich will hier nicht nur das Opfer spielen und auf die böse Technologie, das schlimme Internet schimpfen. Natürlich haben wir auch eine Eigenverantwortung, aber zum Beispiel bei Kindern und Jugendlichen sieht es ganz anders aus.
Sie beginnen Ihr Buch mit der Ankündigung des Suizids Ihrer Mutter. Nüchtern schildern Sie die Situation. Waren Sie nicht auch wütend?
Die Aussicht auf ein Millionenerbe hat mich sediert. Außerdem habe ich mit meiner Mutter sprechen können, das war ein Trost. Wut empfand ich nach dem Suizid meines Vaters 1984, da war ich siebzehn. Ich habe ihn jahrzehntelang gehasst. Um Mitgefühl zu entwickeln, brauchte ich vier Jahre Therapie. Als meine Mutter starb, hüllte ich mich in Wohlstandswatte – bis ich feststellen musste, dass gar kein Vermögen mehr da war.
Sie beschreiben Zugehörigkeit als das Gegenteil von Einsamkeit, quasi als Erlösung. Sind Sie gläubig?
Ja. Das Thema beschäftigt mich schon länger. Ich konvertiere zum katholischen Glauben, aber als Kind war ich nur Feiertagschrist. Ich wurde konfirmiert, Weihnachten und so weiter. Mein Vater wurde kirchlich bestattet, aber da war ich so zugeballert mit Drogen, daran kann ich mich kaum erinnern.
Welche Drogen haben Sie genommen?
Der Fachbegriff ist Polytoxikomanie, also viele. Vor allem Heroin. Ich war Junkie.
Sie waren ein „Leidens- und Einsamkeitsjunkie“, gehen hart mit sich ins Gericht. Im Rückblick distanzieren Sie sich von Ihrer „Daniel-Haas-Revue“. „Dieser Typ“, schreiben Sie über sich selbst, habe alle vor den Kopf gestoßen, allen etwas vorgemacht, zu großen Ehrgeiz gehabt, sei nie satt geworden.
Ich war abhängig von einem bestimmten Selbstbild, wollte der literaturbeflissene Dandy sein, exzentrisch, unangepasst, arrogant, immer die glamouröse Geste. Im Grunde konnte ich das Leben nicht als Geschenk annehmen.
Ihr Werdegang klingt erstmal nicht nach einem Junkie. Sie waren bei „FAZ“, „Spiegel“, „Zeit“, wollten dem „Ideal einer gelungenen Existenz entgegenwachsen“, wie Sie schreiben, strebten nach Ruhm. Selbstkritisch beschreiben Sie Ihren Geltungsdrang, ihrem übergroßen Ehrgeiz – das kann auch eine Droge sein, oder?
Total. Ich war besessen von der Vorstellung, irgendwo ankommen zu müssen. Und wenn ich da ankam, habe ich es geschafft, mich schnell wieder heraus zu sabotieren, mit Arroganz, Jähzorn, Groll. Was mich davor bewahrt hat, vollkommen ins berufliche Aus zu geraten, war mein Humor, und ich konnte eigene Fehler einsehen, aber oft zu spät. Ich war Literaturredakteur unter Frank Schirrmacher in der FAZ, dem Olymp des deutschen Feuilletons – höher ging’s nicht. Aber es reichte mir nicht. Ich wurde degradiert vom Literaturredakteur zum Pauschalisten. Damals brach für mich eine Welt zusammen, aber im Rückblick war es das Beste, was mir passieren konnte.
Vielleicht ist Erfolg ambivalent, wenn man so viel auf der Seele liegen hat.
Ich war schon begeistert, ich liebe meinen Beruf, aber mir mangelte es an Demut und Dankbarkeit. Es war nie genug, ich wollte immer mehr Anerkennung. Von der Zeit wurde ich weggekauft zur NZZ, als Kulturkorrespondent mit viel Freiraum, eigentlich ein Traumjob, 2018 war das. Ich dachte, dass ich endlich die Rolle auf der Bühne hätte, die ich verdiente, aber ich war eine Fehlbesetzung, bin zusammengeklappt vor lauter Stress und Panik, landete in der Psychiatrie. „Erschöpfungsdepression“ lautet die offizielle Diagnose bei Burnout, ich hatte Panikattacken, war grenzparanoid, kaum noch zurechnungsfähig, ich glaubte, tausend Krankheiten zu haben, war krankhaft misstrauisch.
Sie beschreiben plastisch, wie sie abrutschten in „Selbstekel“ und die Wohnung nur noch verließen, um sich Süßigkeiten zu kaufen, während Sie in Schmutz und Chaos lebten. Sie wurden dick.
Ich wog fast 100 Kilo.
Irgendwann wurde Ihnen klar, „dass man dem Leben nur entkommen kann, indem man es wegwirft“. Was meinen Sie damit?
Wer süchtig ist, kann das Geschenk des Lebens nicht akzeptieren. Wenn ich das Leben zu seinen Bedingungen nicht akzeptieren kann und will, dann muss ich es wegwerfen. Familie, Beruf, soziale Strukturen können wir verändern, aber erstmal muss man sie annehmen. Auch andere genesene Süchtige kennen die tiefsitzende Weigerung, das Leben zu akzeptieren. Da ist Schmerz, da ist ein Mangel an Aufgeschlossenheit, an Bereitschaft, für das Wohlergehen anderer zu sorgen. Nur eine große Selbstbezogenheit, ich-ich-ich, wie ein Abgrund, ein Loch.
Sie schreiben, dass man die Verantwortung übernehmen muss für das eigene Scheitern. Sind Sie nicht zu streng mit sich selbst?
Sucht ist eine Krankheit, keine moralische Schwäche, aber in dem Moment, wo wir clean werden, haben wir die Verantwortung. Niemand wünscht sich als Kind, Junkie zu werden, das hat viele Faktoren, soziale, genetische, psychologische, das Elternhaus, aber wenn wir die Gnade des Cleanseins erfahren – ein großes Wort, ich weiß! – wenn wir begnadigt werden, haben wir die Verantwortung, an uns selbst zu arbeiten. Das ist nicht neoliberal gemeint! Niemals würde ich einem Junkie sagen, er ist selber schuld. Das Naturell ist Zerstörung. Nicht allen gelingt es, sich geradezubiegen, aufzurichten, aufzusperren, aus dem Verlies der Selbstbezogenheit zu kriechen. Das ist tägliche Arbeit, aber sie lohnt sich.
Sie schreiben wieder, auch für angesehen Medien, sind also zurück „im Geschäft“, nach jahrelangem Abtauchen. Sie haben es auch geschafft, weil Sie Glück hatten mit Ihren Freunden, oder?
„Liebe und Freundschaft, das ist das Wichtigste“, das hat mein Ersatzvater Friedrich gebetsmühlenhaft wiederholt. Ich kann’s nicht mehr hören, dachte ich. Aber er hat recht: Darum geht es doch! Auch wenn es so kitschig klingt, dass man ausrutscht auf dem rhetorischen Schlierfilm. Es ist trotzdem wahr! Ich habe das gelernt von Markus, als ich in der Psychiatrie war. Trotz seiner schweren endogenen Depression.
… also unheilbar …
… mit schlimmen Schüben wendet er sich immer wieder anderen zu. Wenn jemand anruft, dem es schlecht geht, kriecht man raus – weil man helfen kann. Wenn jemand anderes wichtiger wird als dein eigenes Ego, geht es dir besser.
In der Sorge um andere finden Sie einen „Ausweg aus der Einsamkeit“, Ihr Untertitel: „Eine Befreiungsgeschichte“. Man muss aufpassen mit dem Pathos, trotzdem: Macht Mitmenschlichkeit frei?
Nichts anderes macht frei. Das ist die Essenz von Freiheit.
Daniel Haas lebt als freier Autor in Hamburg. Er war Kulturredakteur bei verschiedenen Medien, von FAZ bis Zeit, zuletzt bei der NZZ, bis ihn ein Burnout für Jahre aus der Bahn warf. Im Februar erschien bei Goldmann sein Buch Einsamsein. Eine Befreiungsgeschichte (224 S., 22 €)