Erzbistum Paderborn: Die Verdrängung verdrängen

Kein noch so schockierender Akteninhalt würde ihn nach all seinen Erfahrungen aus der Bahn werfen können, glaubte Reinhold Harnisch, der Sprecher der vom sexuellen Missbrauch im Erzbistum Paderborn Betroffenen. Doch ein ausgesprochen liebenswürdiges Schreiben aus dem Jahr 1968 schockierte ihn.

In dem Brief wandte sich der damalige Paderborner Erzbischof Lorenz Jaeger mit verstörender brüderlicher Wärme an den soeben wegen diverser Übergriffe auf Chorknaben auf Bewährung verurteilten Pfarrer Walter Salmen: „Sie dürfen … überzeugt sein, dass sie meinem Herzen nach wie vor nahestehen und dass ich alles tun werde, Sie recht bald von den kirchenrechtlichen Folgen Ihrer Verurteilung vor dem hiesigen Landgericht zu befreien.“ So kam es. Salmen erhielt schon nach wenigen Monaten eine neue Stelle als Seelsorger, wurde in den Jahrzehnten danach mehrfach versetzt und konnte sich noch an viele weitere arglose Kinder und Jugendliche heranmachen und sie missbrauchen. Bisher sind 19 Opfer des Serientäters bekannt.

Reinhold Harnisch geriet in Salmens Fänge, als der Priester Anfang der 1960er-Jahre Leiter des Paderborner Domchors war. Harnisch war neun Jahre alt, als Salmen ihn zum ersten Mal in einem der Übungsräume im Dom missbrauchte. Zwei Jahre lange dauerte Harnischs Martyrium. „Er hat alles mit mir gemacht, was man sich vorstellen kann.“ Im Einzelunterricht für die Stimmbildung, während andere Chorknaben einen Raum weiter Tischtennis spielten oder am Kicker standen, in der Krypta oder im Altarraum.

Der Fall Salmen wird in der kürzlich veröffentlichten, mehr als 700 Seiten umfassenden Studie „Sexuelle Gewalt an Minderjährigen im Erzbistum Paderborn“ ausführlich dargestellt. An vielen weiteren Beispielen zeichnen die beiden Historikerinnen Nicole Priesching und Christine Hartig von der Universität Paderborn nach, wie die beiden Erzbischöfe Lorenz Jaeger und Johannes Joachim Degenhardt in ihren aufeinanderfolgenden Amtszeiten zwischen 1941 und 2002 beschuldigte Priester selbst dann mit großer Nachsicht und Milde behandelten, wenn sie von ihrer Schuld überzeugt waren.

Beschuldigte wurden einfach versetzt

Weder kümmerten sich die Bischöfe um die Betroffenen und ihr Leid, noch trafen sie Schutzvorkehrungen wie ein Umgangsverbot mit Kindern. Wurden beschuldigte Kleriker wie üblich einfach versetzt, unterblieben Warnhinweise an deren neue Gemeinden. Die auch aus anderen Bistümern bekannte Spirale aus Verschweigen, Vertuschen und Versetzen hatte zur Folge, dass den pädokriminellen Klerikern immer weitere Kinder und Jugendliche ausgeliefert waren. Nach aktuellem Stand gab es in der nun untersuchten Zeit im Erzbistum Paderborn mindestens 210 Täter und 489 Opfer. Dabei handelt es sich nach Aussage der Forscherinnen um Momentaufnahmen. Durch die Aufarbeitung sei eine Entwicklung in Gang gekommen. Immer mehr Betroffene meldeten sich, die bisher oft nicht einmal mit ihren Familien über die schrecklichen Erlebnisse gesprochen haben.

Am Tag nach der Vorstellung der Studie fand Udo Markus Bentz, seit gut zwei Jahren Erzbischof von Paderborn, im Beisein von Harnisch klare Worte. Schuldig geworden seien nicht nur die mutmaßlichen Täter, sondern über alle Hierarchieebenen viele Verantwortliche. Die Studie entlarve vermeintliche Würdenträger und nehme stattdessen die Würde der Betroffenen neu in den Blick. Was in der Studie stehe, gehöre in die Mitte der Erinnerung und die Mitte der Verantwortung des Erzbistums. Die Geschichte der Betroffenen werde nicht beiseitegeschoben, sondern benannt und in die Geschichte des Erzbistums eingeschrieben. „Für das Leid, das Menschen im Raum unserer Kirche erfahren haben, für das Versagen von Verantwortlichen und für das zusätzliche Leid durch Schweigen, Wegsehen und Nicht-Glauben bitte ich um Verzeihung.“

Erzbischof Udo Markus Bentz (Zweiter von links) und Reinhold Harnisch (rechts) bei der Vorstellung der Missbrauchsstudie.
Erzbischof Udo Markus Bentz (Zweiter von links) und Reinhold Harnisch (rechts) bei der Vorstellung der Missbrauchsstudie.Friso Gentsch/dpa

Bentz habe recht, sagt Reinhold Harnisch. Die Betroffenen hätten mit der Studie ein Stück Würde zurückbekommen. „Denn sie belegt schwarz auf weiß: Was wir gesagt haben, ist die Wahrheit. Die anderen haben gelogen.“ Die lang praktizierte Täter-Opfer-Umkehr sei geradegerückt. Harnisch erlebte auch sie in voller Härte. „Degenhardt war gerade Weihbischof geworden, da hat er mich bei einer Zufallsbegegnung im Dom persönlich bedroht und beschuldigt. Angeblich waren wir Chorknaben es, die den armen Priester Salmen damals verführt haben.“ Als das „personifizierte Böse in seiner Kirche“ habe Degenhardt ihn beschimpft.

Mit der Studie und dem konstruktiven Umgang des Erzbistums unter Bischof Bentz und der Betroffenenvertretung werde „eine gewisse Zeitenwende fortgeschrieben“. In Paderborn laufe die längst noch nicht abgeschlossene Aufarbeitung „ein bisschen besser“ als in anderen Bistümern. Vielerorts herrsche Sprachlosigkeit, sagt Harnisch. Und seit er vor einigen Monaten in den „Betroffenenbeirat bei der Deutschen Bischofskonferenz“ gewählt wurde, habe sich dort nicht einmal ein Bischof blicken lassen. In Paderborn dagegen begegne man sich auf Augenhöhe. „Wir gehen hart miteinander um, aber immer fair. Für mich ist das der ‚Paderborner Weg‘.“

Der Bischof beim Kirchenvolk

Dazu gehört auch, dass sich der Erzbischof und seine Generalvikare an drei Orten im Bistum – Dortmund, Schmallenberg und Rheda-Wiedenbrück – in Dialogveranstaltungen Seite an Seite mit Harnisch oder einem anderen Betroffenen dem Kirchenvolk stellen.

In Schmallenberg im Sauerland sind schon weit vor Beginn alle Plätze der großen Stadthalle belegt. Über die Stuhlreihen hinweg tauschen sich die Leute empört darüber aus, was sie auf die Schnelle in der online verfügbaren Studie lesen konnten. Ins Sauerland und angrenzende Regionen wurden in den vergangenen Jahrzehnten häufig Priester nach Missbrauchstaten versetzt, auch aus anderen Bistümern. So wie Johannes Nokelski aus Aachen, der dort zu einer Haftstrafe ohne Bewährung verurteilt wurde und dann immer weiterversetzt wurde – von Willebadessen nach Iserlohn-Letmathe, nach Rüthen, nach Arnsberg. Und so wie Harnischs Peiniger Walter Salmen. Dass es 1967 gegen ihn überhaupt zum Strafprozess kam, hatte mit der Berichterstattung einer Boulevardzeitung über die schon länger in Paderborn kursierenden Gerüchte zu tun. „Als Kind habe ich mitbekommen, dass an dem Tag alle Exemplare der Zeitung ausverkauft waren“, erinnert sich Harnisch.

Nach dem Bericht gingen mehrere Strafanzeigen bei der Staatsanwaltschaft ein. Statt Salmen in Untersuchungshaft zu nehmen, waren die Strafermittler damit einverstanden, dass die Bistumsleitung ihn vor dem Medienrummel in einem Kloster unterbrachte. Nur sechs Monate nach dem Schuldspruch gegen Salmen erfüllte Erzbischof Jaeger sein Versprechen, den Priester „recht bald von den kirchenrechtlichen Folgen“ seiner Verurteilung zu befreien. Salmen wechselte als Krankenhausseelsorger nach Kassel im Bistum Fulda, wo er nach Zeugenaussagen den Kirchenchor leitete. Nach zehn Jahren ermöglichte ihm Jaegers Nachfolger Degenhardt die Rückkehr ins Erzbistum Paderborn. In Attendorn leitete er einen Musikschulchor und betreute als Pfarrvikar eine Gemeinde in Ennest. An mindestens neun Jungen unter 14 Jahren verging er sich dort in den 1980er-Jahren.

Während der Ermittlungen der Siegener Staatsanwaltschaft suspendierte ihn Degenhardt vorübergehend. Doch schon während einer kurzen „Auszeit“ im Kloster Münsterschwarzach bekam Salmen vom Paderborner Personaldezernenten die Zusicherung eines baldigen Wiedereinsatzes. „Mit Ihnen hoffe ich, dass die Unruhe in Ennest abklingt und die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft nicht ganz neue Probleme bringen. Sie dürfen versichert sein, dass ich Ihrer im Gebet gedenke“, schloss der Dezernent. Salmen wurde nach Winterberg geschickt und kurz darauf nach Brilon. Ende August 1989 verurteilte auch das Landgericht Siegen den Kleriker lediglich zu einer Bewährungsstrafe und begründete das auf erstaunliche Weise. Strafmildernd wertete es unter anderem seine „homophile Veranlagung“ und dass er sich zu einem Geständnis „durchgerungen hat, obwohl ihm das Bekenntnis seiner Schuld im Hinblick auf seine Stellung als Priester eine erhebliche Überwindung gekostet hat“. Nach dem Urteil folgte Salmens elfte und letzte Versetzung nach Hamm. Ob er auch dort Straftaten beging, ist bisher nicht geklärt. Er starb 1998.

In Schmallenberg beginnt die Dialogveranstaltung mit einer Powerpoint-Präsentation der zentralen Ergebnisse aus der Studie. Das Signal lautet: Das Erzbistum nimmt sie nicht nur ernst, sondern macht sich auch sämtliche Schlüsse des unabhängigen Forscherteams zu eigen. Also sprechen die beiden Generalvikare über das systematische Versagen der Hierarchie. „Die Behauptung, die Bischöfe haben von den Taten nichts gewusst, ist widerlegt.“ Die sexuelle Gewalt sei kein reines Individualdelikt, sondern sie sei durch Klerikalismus, kirchenrechtliche Dysfunktionalität und ein falsches Priesterbild gedeckt worden.

Der Absolutismus der Kirche

Die fehlende Gewaltenteilung habe dazu geführt, dass der Erzbischof zugleich als „geistlicher Vater“ des Beschuldigten, als oberster Personalchef und als oberster Richter agierte. „Der absolute Vorrang des Institutionenschutzes sorgte dafür, dass Beschuldigte resozialisiert wurden, während die Betroffenen im Stich gelassen und sozial geächtet wurden.“ Die katholische Sexualmoral habe die Schuldumkehr begünstigt; da schon „unkeusche Gedanken“ als schwere Sünde galten, hätten die Betroffenen oft tiefe eigene Schuld und Scham für den an ihnen verübten Missbrauch empfunden. Der Umstand, dass Priester als unantastbare Autoritäten galten, habe die Ohnmacht gegenüber Autoritäten verstärkt. Zwischen Kirchenleitung und Gemeindebasis sei es oft zu „fatalen Bündnissen“ des Beschweigens und Verharmlosens gekommen.

Erzbischof Bentz stammt ursprünglich aus dem Bistum Mainz. Er zählt also nicht zum Netz des 2002 gestorbenen Erzbischofs Degenhardts, wie ein Mann aus dem Publikum in Schmallenberg später lobend erwähnt. Viele Verantwortliche lebten noch, auch der bis 2022 amtierende Erzbischof Hans-Jürgen Becker. „Die haben das zu verantworten. Stellen Sie die bitte zur Rede“, fordert der Mann. Bentz beteuert, dass er solche Gespräche bereits führe. Dann verweist er darauf, dass das Forscherteam für kommendes Jahr eine weitere Studie zur zwanzig Jahre währenden Amtszeit Beckers vorlegen will.

Die vergangenen Jahre fehlen noch bei der Aufklärung

Ohne diese Untersuchung wäre die Aufklärung des institutionellen Versagens schon deshalb unvollständig, weil Becker unter Degenhardt eine Zeit lang Personalchef war. „Wenn wir uns diesem dunklen Teil der Geschichte nicht stellen, gärt die Verdrängung wie ein Gift weiter in unserem Erzbistum“, sagt Bentz. Mit den Studien ziehe man einen Strich unter die Zeit des Wegschauens, nicht unter die Geschichte.

Ein weiteres Ergebnis des „Paderborner Wegs“ ist das vom Erzbistum und der Betroffenenvertretung gemeinsam initiierte deutschlandweit erste Denk- und Mahnmal für die Opfer pädokrimineller Kleriker. Bei dem Anfang März aufgestellten Werk „Memory“ des Münchner Künstlers Christoph Brech handelt es sich um einen zwei auf zwei Meter großen Stahltisch aus 25 drehbaren Tafeln mit Texten und Bildern von Betroffenen.

Ausschnitt aus dem Mahnmal-„Memory“.
Ausschnitt aus dem Mahnmal-„Memory“.

Auf dem Bild eines Campingbusses heißt es: „Ein Umkleideraum, eine Kirchenbank, eine Gartenlaube, Missbrauch geschieht überall. Hier geschah meiner.“ Auf einem Kinderfoto steht: „Schwestern, beide missbraucht, die jüngere von ihrem Vater, die ältere von einem prominenten Priester, der ihr auch noch schwerste Verletzungen zugefügt hat.“ „Memory“ ist ein sichtbares Schuldanerkenntnis und ein Zeichen, dass die Geschichte der Betroffenen, wie von Erzbischof Bentz versprochen, in die Geschichte des Erzbistums eingeschrieben bleibt.

Es steht nicht irgendwo am Rand, sondern im ältesten Teil des Paderborner Doms, in der Brigidenkapelle. Das sei auch für ihn sehr wichtig, sagt Reinhold Harnisch. „Zugleich ist es herausfordernd, denn das Mahnmal befindet sich unter den Übungsräumen des Domchors, neben der Krypta und damit in direkter Nähe zu den Orten, an denen mein Missbrauch stattfand.“ Wochenlang musste sich Harnisch deshalb auf die Gedenkstunde zur Präsentation des Mahnmals vorbereiten, zumal der Domchor das Miserere vortragen sollte. Immer wieder hörte er sich das Stück an. „Sonst hätte ich es nicht ertragen. Mit Salmen sangen wir das damals auch.“

Source: faz.net