Asienreise von Pistorius: Deutsche Konzerne wollen von Japans Aufrüstung profitieren

Japan war für europäische Rüstungskonzerne lange ein weißer Fleck auf der Landkarte. Das Land, das laut seiner Verfassung gar keine Armee sondern nur Selbstverteidigungskräfte haben darf, besorgt sich seine Waffen traditionell entweder bei seiner Schutzmacht USA oder lässt sie von seinen heimischen Industriekonzernen entwickeln und bauen. Doch die Zeiten ändern sich und deutsche Waffenhersteller verstärken ihr Engagement in dem Land.

Als der deutsche Verteidigungsminister Boris Pistorius nun zum Auftakt einer mehrtägigen Asienreise in Japan war, nutzten gleich mehrere deutsche Rüstungskonzerne die Chance, ihre Kontakte zu der japanischen Regierung und den dortigen Konzernen zu vertiefen, darunter Airbus Defense, TKMS, MBDA, Quantum, Diehl und Rohde & Schwarz. Teilweise waren eigens die Vorstandsvorsitzenden mitgereist.

Der Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine, die zunehmenden Aggressionen Chinas in der Region sowie die mangelnde Verlässlichkeit Donald Trumps treiben in dem Land die Aufrüstung voran. Die seit Oktober regierende Ministerpräsidentin Sanae Takaichi bringt neuen Schwung. Sie hat nicht nur den Wehretat auf nie gesehene Höhen angehoben, sie will auch die japanische Rüstungsindustrie internationaler aufstellen. Seit ihrem Amtsantritt seien schon zwei Delegationen nach Deutschland gereist, um Gespräche über mögliche Rüstungskooperationen zu führen – was bislang eine Seltenheit war.

Kawasaki könnte Motoren für den Taurus bauen

Als jüngstes Vorzeigeergebnis gilt in der Branche die Vereinbarung des deutschen Raketenherstellers Taurus und des japanischen Konzerns Kawasaki Heavy Industries, eine Zusammenarbeit bei der Neuauflage der Marschflugkörper zu prüfen. Die Japaner könnten hierfür neuartige Raketenmotoren zuliefern. Gemeinsam mit BAE aus Großbritannien und Leonardo aus Italien entwickelt zudem der japanische Konzern Mitsubishi Heavy Industries den möglichen Nachfolger für den Eurofighter und ein japanisches Kampfflugzeug. Nachdem das Konkurrenzprojekt FCAS von Deutschland und Frankreich ins Stocken geraten ist, könnte sich auch Berlin noch daran beteiligen.

Auch in der Entwicklung der Eurodrohne gilt Japan als möglicher Partner. Die Japaner haben bereits Beobachterstatus in dem europäischen Projekt. Pistorius sagte nach dem Treffen mit seinem japanischen Amtskollegen Shinjiro Koizumi: „Wir haben uns heute über Drohneneinsatz, Drohnenproduktion und Drohnenabwehr ausgetauscht.“ Weitere Felder wolle man in den nächsten Monaten „sehr konkret“ angehen. „Das Feld ist groß und die Bedarfe ebenfalls.“

Das Interesse der Japaner an weiteren Kooperationen machte er auch daran fest, dass für das Treffen mit den deutschen Rüstungs-Chefs mehrere ranghohe Vertreter aus dem Wirtschaftsministerium Meti und der Beschaffungsbehörde Atla zusammengekommen seien – und das am Sonntag eines langen Wochenendes.

Supercomputer ohne Verbindung nach China oder in die USA

Hintergrund ist, dass Japan wie Deutschland und viele weitere Länder angesichts der vielen Krisenherde in der Welt rasch seine Armeen aufrüsten will und die technologischen Fähigkeiten der Waffen sich rasant weiterentwickeln. In Zeiten wie diesen könne nicht mehr jedes Land seine eigenen Systeme entwickeln, sagte ein Teilnehmer der Reise. Das dauere zu lange und sei zu teuer. Für Kooperationen sei es aber wichtig, auf verlässliche Partner zu setzen, die nicht etwa einfach die Technologie seiner Partner übernehme und dann selbst weiterverkaufe.

Japan gilt in Sachen Vertragstreue als vorbildlich. Zwar gilt es unter Rüstungsfachleuten als unwahrscheinlich, dass Deutschland einmal ganze Schiffe oder Panzer nach Japan liefern werde. Aber insbesondere in der Ausstattung von Waffensystemen mit Sensoren und anderer Hochtechnologie sehen sie große Chancen in der Zusammenarbeit mit Japan.

Auf dem Besuchsprogramm der Delegation in Japan stand etwa der Technologiekonzern Fujitsu, der unter anderem für seine Supercomputer interessant ist, die für die schnelle Auswertung großer Datenmengen und die Erstellung von Simulationen genutzt werden können. In deutschen Rüstungskreisen wird betont, dass Fujitsu der einzige Hersteller sei, der solche Hochleistungscomputer ohne Verbindung nach China oder die Vereinigten Staaten anbieten könne. Beides gilt inzwischen als vertrauensfördernd.

Der Konzern rechnet offensichtlich mit mehr Geschäft aus Europa: Japanische Medien berichteten am Dienstag, dass Fujitsu sein Personal in der Verteidigungssparte in Düsseldorf, Brüssel und an anderen europäischen Standorten in wenigen Jahren auf 2000 Mitarbeiter verdoppeln wolle.

Manchmal Partner, manchmal Konkurrenten

Die Bundesregierung bemüht sich schon länger um eine engere Verzahnung der deutschen mit der japanischen Rüstungsindustrie. Im Sommer 2024 entsandte sie erstmals einen wehrtechnischen Attaché an die Botschaft in Tokio, der sich um entsprechende Anbahnungen bemühen soll. Deutschland hatte Japan schon im Jahr 2010 bei Rüstungsexporten rechtlich gleichgestellt mit seinen Nato-Partnern, doch die Japaner waren in dieser Hinsicht bislang zaghaft. 2021 schufen beide Staaten ein Abkommen, das Rüstungsunternehmen erlaubt, kritische technische Daten etwa zu Raketen und Sprengköpfen auszutauschen. Erst jetzt würden erste Unternehmen von diesen Möglichkeiten Gebrauch machen.

Insofern bewerten Industrievertreter die politischen Bemühungen für mehr Kooperationen zwar als vorbildlich. Doch auf Konzernebene hake es oft noch. Das liegt auch daran, dass das Rüstungsgeschäft in Japans riesigen Konglomeraten oft nur eine kleine Sparte ist, die wegen der jahrzehntelangen Fokussierung auf das japanische Verteidigungsministerium als einzigen Kunden gar nicht auf Gespräche mit internationalen Partnern ausgelegt sei.

Dass aber auch Japan seine Rüstungsindustrie professionalisiert, musste der deutsche Konzern Thyssenkrupp im vergangenen Jahr am eigenen Leib erfahren. Der japanische Wettbewerber Mitsubishi Heavy Industries stach den Konzern bei einer milliardenschweren Fregatten-Bestellung aus Australien aus. Das Geschäft stellt den bislang größten Rüstungsexport der Japaner dar.