„Es darf kein Luxus werden“ – steigende Kosten zeigen die Ratlosigkeit jener Politik
Steigende Spritpreise, wachsende Sorgen: Bei „Hart aber fair“ wird die Unsicherheit vieler Bürger deutlich. Die Politik analysiert – doch konkrete Lösungen bleiben aus. Der Eindruck: Die Krise ist schneller als die Regierung.
Louis Klamroth diskutiert mit SPD-Generalsekretär Tim Klüssendorf, dem CDU-Politiker Dennis Radtke, der Ökonomin Maja Göpel, Ex-Finanzminister Christian Lindner, Unternehmerin Katharina Welsh-Schied und Deutschlandfunk-Korrespondentin Katharina Hamberger. Das Thema ist konkret, die Auswirkungen unmittelbar. Schon nach wenigen Minuten wird deutlich, dass es nicht um abstrakte Wirtschaftsdaten geht, sondern um den Alltag.
Schon zu Beginn macht Klamroth die Fallhöhe klar. „Die Spritpreise steigen und steigen“, sagt er. Viele Menschen hätten Angst, dass „auch alles andere teurer wird“. Christian Lindner antwortet grundsätzlicher: „Individuelle Mobilität mit dem Auto muss auch weiter eine Wahlentscheidung für Menschen sein“, sagt er. „Es darf kein Luxus werden.“ Gerade im ländlichen Raum gebe es oft „nahezu keine Chance“, auf den öffentlichen Nahverkehr auszuweichen. Doch diese Perspektive wirkt im Verlauf der Sendung zunehmend theoretisch.
„Das macht mich halt immer stinksauer“
Dann spricht Katharina Welsh-Schied. Die Unternehmerin führt mit ihrem Mann einen Betrieb und ist auf Fahrzeuge angewiesen. „Wir haben zwei LKWs, wir haben zwei Bagger“, sagt sie. Die Kostensteigerungen träfen sie unmittelbar. Zulieferer hätten bereits „ein paar Tage danach“ die Preise erhöht.
Besonders eindringlich beschreibt sie die Folgen für ihre Kunden. „Das macht mich halt immer stinksauer“, sagt sie. Viele könnten sich notwendige Arbeiten nicht mehr leisten. Noch deutlicher wird sie später: „Die haben richtig Panik, weil die haben kein Geld mehr.“
In diesen Momenten verschiebt sich die Debatte. Es geht nicht mehr um Modelle, sondern um Alltag.
CDU-Politiker Dennis Radtke bestätigt den Druck. Die Erwartung an die Politik sei klar: „Ihr müsst da jetzt was machen.“ Er beschreibt die Lage vieler Menschen, die sich bereits vor der Krise „hart strecken mussten, um überhaupt über die Runden zu kommen“. Gleichzeitig warnt er vor pauschalen Entlastungen: „Menschen mit meinem Einkommen müssen an der Tankstelle nicht entlastet werden.“
SPD-Generalsekretär Klüssendorf gerät in eine defensivere Rolle. Er räumt ein, dass die Regierung zu langsam reagiert habe. „Wir sind erst mal zu langsam“, sagt er. Man diskutiere Instrumente, doch „das dauert alles zu lange“. Auf die Nachfrage, wann konkret gehandelt werde, bleibt er unpräzise. Eine Taskforce solle beraten, dann müsse „konkret etwas auf den Tisch kommen“.
Ökonomin Maja Göpel versucht, die Diskussion zu ordnen. Kurzfristige Preissteigerungen seien „in jeder Gesellschaft immer ein Sprengstoff“. Es brauche deshalb schnelle Entlastung, etwa durch direkte Auszahlungen. Gleichzeitig müsse man strukturell reagieren. Gesellschaften dürften nicht „so verletzlich gegenüber solchen Schocks“ bleiben.
Deutschlandfunk-Korrespondentin Katharina Hamberger betont die politische Dimension. Steigende Preise träfen „den Geldbeutel ganz direkt“. Gleichzeitig wachse das Unverständnis darüber, „warum es eben bei uns so anspringt“. Die Unsicherheit durch die geopolitische Lage verstärke diesen Effekt zusätzlich.
Die politische Brisanz wird auch mit Blick auf die kommenden Wahlen deutlich. Bereits im Herbst stehen mehrere Urnengänge an, bei denen wirtschaftliche Fragen eine zentrale Rolle spielen dürften. Am 6. September wird in Sachsen-Anhalt ein neuer Landtag gewählt, eine Woche später folgen die Kommunalwahlen in Niedersachsen. Am 20. September entscheidet Berlin über ein neues Abgeordnetenhaus und die Bezirksverordnetenversammlungen. Parallel dazu wählt Mecklenburg-Vorpommern einen neuen Landtag.
Dass steigende Preise Wahlentscheidungen beeinflussen, daran lässt die Runde keinen Zweifel. Hamberger spricht davon, dass wirtschaftliche Unsicherheit und steigende Lebenshaltungskosten „eine Rolle“ an der Wahlurne spielten. Tatsächlich zeigen jüngste Umfragen, wie stark ökonomische Themen die politische Stimmung verschieben. Für 77 Prozent der Wähler ist die wirtschaftliche Lage entscheidend für ihre Wahlentscheidung. Gleichzeitig sorgen sich fast neun von zehn Deutschen um die wirtschaftliche Entwicklung, mehr als zwei Drittel sogar um ihre eigene finanzielle Situation. Drei Viertel der Bürger sind zudem der Ansicht, dass die Bundesregierung nicht genug gegen steigende Preise unternimmt. Entsprechend groß ist der Druck auf die Politik: Eine klare Mehrheit fordert konkrete Entlastung, etwa durch niedrigere Steuern auf Kraftstoffe.
Verunsicherung treibt Wähler an die Ränder
Auch Dennis Radtke deutet an, wie tief die Verunsicherung reicht. Arbeitnehmer wanderten zunehmend an die politischen Ränder ab. Das sei „ein Problem für die politische Mitte insgesamt“.
Zwischen den ernsten Analysen blitzt jedoch kurz Ironie auf. Radtke erzählt, er sei selbst einmal Mitglied der SPD gewesen. „Wenn man so sozialisiert wird im Ruhrgebiet, dann tritt man irgendwann in die SPD ein“, sagt er – und fügt mit einem Lachen hinzu: „Andere haben in der Jugend Fensterscheiben eingeschmissen, ich war mal Mitglied in der SPD.“
Der Satz sorgt für Heiterkeit im Studio, verweist aber zugleich auf einen ernsteren Punkt. Die traditionelle Bindungskraft der großen Parteien bröckelt. Gerade frühere Stammwähler fühlen sich zunehmend nicht mehr vertreten.
Klüssendorf räumt offen ein, dass seine Partei Vertrauen verloren hat. Bei Wirtschaft und sozialer Sicherheit habe die SPD „massive Verluste eingefahren“. Er beschreibt das Grundproblem selbst: Man habe viel versprochen, aber zu wenig geliefert. „Wir erzählen es“, sagt er über die Rolle der SPD für Arbeitnehmer, „aber in der praktischen Politik kommt es nicht an.“ Diese Selbstkritik bleibt jedoch ohne klare Konsequenz.
Stattdessen wird die Distanz zwischen politischer Sprache und Alltag immer deutlicher. Welsh-Schied bringt sie auf den Punkt: Die Politik rede zu viel und handle zu wenig. „Dann wird irgendein Ausschuss gebildet, dann wird wieder geredet“, sagt sie. Ihre Forderung ist simpel: „Der Preis an der Tankstelle muss niedriger sein.“
Am Ende wird klar, warum die Debatte so aufgeladen ist. Es geht nicht nur um Benzinpreise, sondern um Vertrauen. Viele Menschen haben das Gefühl, dass ihre Realität politisch nicht mehr vorkommt.
Source: welt.de