Festival „MaerzMusik“: 50 Klaviere und eine glückliche Frau
„Oh, I’m a happy woman“ singt Meredith Monk, und in der Tat macht die Vokalartistin – hier ergibt der inflationär verwendete Ausdruck wirklich einmal Sinn, denn sie ist so viel mehr als nur eine Sängerin – auf der großen Bühne des Hauses der Berliner Festspiele beim Festival MaerzMusik einen glücklichen Eindruck. Zusammen mit Katie Geissinger und Allison Sniffin, die sie seit Langem begleiten, streift Monk durch ihr umfangreiches Repertoire, das bis zu fünfzig Jahre alt ist: „Wa-lieh-oh“ etwa erschien zuerst auf ihrem Album „Songs From The Hill“ (1975).
Wenn alle drei zusammen Silben austauschen, stellt man verblüfft fest, dass bereits die Beach Boys vor 65 Jahren Ähnliches gemacht haben – natürlich auf eine viel zugänglichere Art und Weise. Aus Monks wohl bekanntesten Album „Dolmen Music“, das 2005 wie alle ihre Platten beim renommierten Label „ECM New Series“ erschienen ist, stammt das Schlaflied „Gotham Lullaby“. Die Zisch-, Klick- und Schnalzlaute, für die sie berühmt ist, hätte sie sich hier allerdings sparen sollen, denn sie passen einfach nicht zu diesem ruhigen Lied. Ansonsten begeistert die 83-Jährige, die jüngst mit dem Großen Kunstpreis der Stadt Berlin ausgezeichnet wurde, auch mit ihrem mädchenhaften Charme. Er gibt dem Publikum zu verstehen, dass es kaum einen Ort auf der Welt gibt, auf dem sie sich so wohl fühlt wie auf einer Bühne.
Ein würdiger Auftrittsort für Frau Monk
Das Haus, das man wohl mehrfach hätte ausverkaufen können, ist gefüllt mit Hardcore-Fans der Künstlerin, die jedes ihrer Lieder und jede ihrer verschmitzten Ansagen mit donnerndem Applaus beantworten. Matthias Pees, der Intendant der Berliner Festspiele, hatte bei seiner Ankündigung gesagt, dass er seine Stelle unter anderem deshalb angetreten habe, um Meredith Monk einmal einen würdigen Auftrittsort in Berlin verschaffen zu können.

Beeindruckend war aber auch das Eröffnungskonzert, das am vergangenen Freitag in der MaHalla in Oberschöneweide stattfand. Zu diesem Anlass hatte man fünfzig Klaviere in das Industriedenkmal, das verblüffende Ähnlichkeit zur Bochumer Jahrhunderthalle aufweist, schaffen lassen. Auf dem Programm stand „11.000 Saiten“, eine Komposition des österreichischen Komponisten Georg Friedrich Haas. Die Musik wies eine extreme Dynamik in der Lautstärke auf: Manchmal war das Klangforum Wien so laut wie ein startender Düsenjet, manchmal summte es wie ein Bienenschwarm, und dann wieder hörte man nur das Seufzen einer einzelnen Violine. An den fünfzig Klavieren, die in einem Kreis angeordnet waren, saßen nämlich Musiker, die zugleich eine Fülle an zusätzlichen Instrumenten spielten: darunter auch Harfe, Cembalo, Flöte, Oboe, Fagott, Waldhorn, Posaune, Perkussions- und auch verschiedene Streichinstrumente.
Erst Donnerklang, dann wie auf Samtpfötchen
Den geeigneten Ort für eine solche Aufführung zu finden, war gar nicht so einfach, wie Kamila Metwaly, die künstlerische Leiterin der MaerzMusik, verriet: „Es war schließlich unsere Produktionsleiterin Franziska Berlitz, die mich auf die MaHalla aufmerksam machte. Das war genau die richtige Spielstätte für Haas‘ Werk, das ja auch auf einer skulpturalen Ebene sehr interessant klingt.“ Um die fünfzig Klaviere noch lauter donnern zu lassen, waren die Musiker mit speziellen Handschuhen ausgestattet, mit denen sie ihre Hände über die Tasten gleiten lassen konnten – dann wieder kamen sie wie auf Samtpfötchen daher.
Jedenfalls steht die Musik wieder eindeutig im Mittelpunkt. Das war zu Zeiten von Metwalys Vorgänger Berno Odo Polzer auch schon einmal anders. Jan Brachmann hatte 2018 in der F.A.Z. kritisiert, dass Polzer „Originalität und Dringlichkeit durch sexy wording“ simuliere und das Festival durch seine vielen Diskussionsrunden in eine Art Oberseminar verwandelt habe, statt „auf die Stärke der Musik“ zu setzen. Bei Kamila Metwaly geht es immer um Musik; und auch, wenn einige Federn des bunten Vogels MaerzMusik etwas grau wirken – so war so war „OCCAM Hepta I“ von Éliane Radigue von erschütternder Eintönigkeit –, ist das noch bis zum kommenden Sonntag laufende Festival unter ihrer Leitung wieder zu einer Spielwiese geworden, auf der man so manches entdecken kann.
Source: faz.net