Unter jener Gürtellinie: MAGA-Prominente streiten ungewohnt ungeschützt oberhalb Trumps Iran-Krieg

Wenn einmal die Geschichte des Iran-Kriegs und Donald Trumps „Make America Great Again“-Bewegung (MAGA) geschrieben wird, könnten die Worte der früheren US-Kongressabgeordneten Marjorie Taylor Greene einen besonderen Platz darin einnehmen: „Ich unterstütze Megyn Kelly von ganzem Herzen dabei, der Welt mitzuteilen, dass Mark Levin einen sehr kleinen Penis hat.“

Greenes Social-Media-Beitrag fasst zusammen, wie sich die Medienstars der Trump-Koalition gegeneinander gewandt haben und eine heftige, erbitterte und – manchmal – vulgäre Auseinandersetzung liefern. Persönlichkeiten wie Kelly, Levin, Tucker Carlson, Laura Loomer, Candace Owens und Ben Shapiro streiten sich über die Bedeutung von „America first“, die Rolle Israels und die Frage, ob Trump sein Versprechen bricht, die endlosen Kriege zu beenden.

Weniger klar dagegen ist, ob die Identitätskrise der MAGA-Bewegung auf eine Spaltung innerhalb der Basis hindeutet, die zu einer Anti-Trump-Revolte führen könnte, oder lediglich auf die Anreize durch klickbait-getriebene soziale Medien zurückzuführen ist. Laut einer Umfrage von NBC News unterstützen neun von zehn MAGA-nahen Republikanern den Krieg – doch ein langwieriger Krieg und hohe Kraftstoffpreise könnten Trumps Rückhalt untergraben.

„America First“-Koalition bröckelt

„Die meisten dieser Debatten finden normalerweise in Silos isolierter alternativer Realitäten statt, während diese hier eindeutig nach Draußen dringt“, erklärte Charlie Sykes, Autor von „How the Right Lost Its Mind“, die Besonderheit der Lage. „Wenn man Teil der MAGA-Bewegung ist, wird man mit dieser Debatte und der Kritik an Trumps Vorgehen auf eine Weise konfrontiert, wie es in der Vergangenheit selten der Fall war.“

Trump ist mit dem Versprechen eines amerikanischen Isolationismus zurück an die Macht gekommen. Sein Versprechen war, sich aus ausländischen Verwicklungen zurückzuziehen und auf die Erneuerung im Inland zu konzentrieren. Stattdessen hat er globale Angelegenheiten in den Vordergrund gerückt, von Drohungen gegenüber Grönland über die Festnahme des venezolanischen Staatschefs bis hin zum Krieg mit dem Iran ohne erkennbare Ausstiegsstrategie.

Eine Koalition, die im Feuer des „America First“-Populismus geschmiedet wurde, bröckelt nun zusehends, hin- und hergerissen zwischen persönlicher Loyalität gegenüber Trump und heftiger ideologischer Ablehnung eines neuen Krieges im Nahen Osten. Der einflussreiche Podcast-Moderator Joe Rogan bezeichnete den Krieg gegen den Iran als „verrückt“ und sagte, die Amerikaner fühlten sich dadurch von Trump „verraten“.

Rote Linie überschritten

Der Rücktritt von Joe Kent als Chef des nationalen Zentrums für Terror-Bekämpfung in dieser Woche hat interne Streitigkeiten offenbart, die von den Korridoren der Macht in die chaotischen Sphären der rechten Podcast-Szene und der sozialen Medien übergreifen. „Ich kann den aktuellen Krieg im Iran nicht guten Gewissens unterstützen“, schrieb Kent, ehemals ein Trump-Loyalist, in einem Brief an den Präsidenten, den er am Dienstag online veröffentlichte.

Für Rick Wilson, Mitbegründer des Lincoln Project und ehemaliger republikanischer Stratege, ist Kents Rücktritt eine Ausnahmeerscheinung in einer Bewegung, die sehr oft von bedingungsloser Loyalität geprägt sei. „Es ist in Trumps Welt sehr selten, dass jemand eine tatsächliche rote Linie hat, die er partout nicht überschreiten will“, erklärte er. Kent „wusste, wie die meisten Menschen in Trumps Welt, dass er eine jener Linien überschreitet, durch die er für immer aus dem Kreis der Trump-Anhänger ausgeschlossen sein würde.

Der ideologische Kurswechsel hat wichtige Persönlichkeiten aus Trumps Umfeld in eine unangenehme Lage gebracht. Sein Vizepräsident JD Vance, der sich politisch klar dem isolationistischen Flügel der Partei zugeordnet hat, und seine Direktorin für nationale Nachrichtendienste, Tulsi Gabbard, deren politische Identität weitgehend auf der Ablehnung militärischer Abenteuer beruht, haben Fragen abgewehrt, indem sie ihr Vertrauen in Trump zum Ausdruck brachten.

Üble Beleidigungen

Während gewählte Amtsträger sich also auf die Zunge beißen, ist das Medienökosystem der MAGA-Bewegung zu einem außergewöhnlichen und oft brutalen Blutvergießen übergegangen. Kelly, eine ehemalige Moderatorin bei Fox News, die nun ihre eigene unabhängige Mediengruppe leitet, behauptete, der Krieg sei dem amerikanischen Volk von „Israel-First-Vertretern wie Mark Levin“ verkauft worden.

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Der Radio- und Fox-Moderator Levin, der zu Trumps leidenschaftlichsten Befürwortern des Krieges zählt, bezeichnete Kelly als „emotional labiles, schamloses und launisches Wrack“; Kelly reagierte darauf, indem sie Levin als „Mark mit dem Mikropenis“ brandmarkte und behauptete, dieser glaube, „er habe das Monopol auf Schamlosigkeit.“

Sie fügte hinzu: „Er twittert wie besessen über mich und benutzt dabei die vulgärsten und gemeinsten Ausdrücke, die man sich vorstellen kann. Er geht buchstäblich noch weiter als manche der Stalker, die ich verhaften lassen habe. Er mag es nicht, wenn Frauen wie ich sich wehren. Wegen seines Mikropenis.“

Spaltungen innerhalb von MAGA

Trump nutzte seine Plattform „Truth Social“, um Levin zu verteidigen, während Greene sich für Kelly einsetzte. Greene, eine ehemalige Verbündete Trumps, hat sich wegen der Jeffrey-Epstein-Akten und des Iran-Kriegs gegen den Präsidenten gewandt, da sie diese als Widerspruch zum „America first“-Prinzip ansieht.

Spaltungen innerhalb von MAGA sind zwar nichts Neues, scheinen aber derzeit lauter und wütender zu sein als je zuvor. Blake Marnell, ein prominenter Trump-Anhänger, der Dutzende Wahlkampfveranstaltungen besucht hat, macht die tödlichen Schüsse auf den rechten Jugendaktivisten Charlie Kirk im vergangenen Jahr dafür verantwortlich. „Im ersten Monat nach der Ermordung von Charlie Kirk kamen viele Menschen zusammen“, erklärte Marnell. Durch „die Kommerzialisierung der sozialen Medien“ habe sich die Lage rasch verschlimmert.

Laut Marnell hat der Iran-Krieg die bereits bestehenden Fraktionskämpfe nur weiter verschärft. „Wenn man Wasser auf eine Holztischplatte gießt, sieht man die Maserung. Das Wasser hat die Maserung nicht erst hervorgebracht; sie war schon immer da; aber jetzt kann man sie besser erkennen. Genau das passiert gerade bei Megyn Kelly und Mark Levin.

Antisemitismus und Verschwörungstheorien

In den USA tobt eine außenpolitische Debatte darüber, ob Trumps Krieg gegen den Iran sinnvoll ist und wie es mit dem langjährigen Bündnis der USA mit Israel weitergehen soll. Es gibt jedoch auch Befürchtungen, dass die Fokussierung auf Israel der Vorbote einer antisemitischen Randgruppe ist, die an Einfluss gewonnen hat, indem sie Juden als geheimnisvolle Drahtzieher darstellt und damit einige der hasserfülltesten Klischees der Geschichte wiederaufleben lässt.

Der Streitpunkt hat sich auf MAGA-Konferenzen ebenso wie in Online-Foren manifestiert. Eine besondere Obsession ist ein Vorfall aus dem Jahr 1967, bei dem die USS Liberty, ein vor der Sinai-Halbinsel kreuzendes Schiff, vom israelischen Militär mit Maschinengewehren beschossen, bombardiert und torpediert wurde, wobei 34 US-Soldaten ums Leben kamen. Konservative beharren darauf, dass es sich bei dem Vorfall um einen tragischen Unfall im Chaos des Krieges handelte. Carlson, Owens und andere führen ihn dagegen als Beweis dafür an, dass Israel kein Freund der USA sei.

Am Mittwoch war Kent zu Gast in Carlsons Podcast und erklärte, Israel habe die Entscheidung für einen Angriff auf den Iran vorangetrieben. Kent spielte zudem auf Verschwörungstheorien bezüglich Kirks Tod an. Carlson war zuvor dafür kritisiert worden, dass er im vergangenen Jahr Nick Fuentes, einen weißen Nationalisten und Antisemiten, in seinem Podcast zu Gast hatte. Während des Interviews beschuldigte Fuentes ein angebliches „organisiertes Judentum in Amerika“.

Der konservative Autor und Moderator Sykes bezeichnete Kents Äußerungen nach seinem Rücktritt als beunruhigende Hundepfeifen-Rhetorik, die je nach Einstellung verstanden werden kann. „Dadurch wird die Vorstellung verstärkt, dass es sich irgendwie um einen ‚jüdischen Krieg‘ gehandelt hat, wobei mit dem Finger auf Israel und die pro-israelische Lobby gezeigt wird“, erklärte er.

„Ich will hier nicht Israel verteidigen, aber das scheint genau jenes Klischee zu bedienen, dass die jüdische Lobby uns in den Krieg getrieben habe. Und das wird den Antisemitismus auf der rechten Seite weiter anheizen. Es liefert jenem Flügel der MAGA-Bewegung Nahrung, der leider immer lautstarker geworden ist.Ich bin besorgt, dass die Lage dadurch extrem hässlich werden könnte.

Spaltung der MAGA-Bewegung in den Medien übertrieben?

Trotz des Chaos, das die Vertreter der Trump-Regierung und ihre Verbündeten in den Medien erfasst hat, lassen sich die Auswirkungen auf die einfachen republikanischen Wähler schwerer abschätzen. Henry Olsen, Senior Fellow beim Thinktank „Ethics and Public Policy Center“ in Washington, vertritt die Ansicht, dass die Darstellung einer gespaltenen Basis in den Medien übertrieben ist.

„Jede Umfrage zeigt das Gegenteil. Sich selbst als MAGA-Anhänger bezeichnende Befragte befürworten den Krieg mit überwältigender Mehrheit – stärker noch als die Republikaner insgesamt und stärker noch als die Trump-Wähler von 2024“, erklärte er. „Die Vorstellung, dass es innerhalb der Basis eine große Spaltung gibt, erweist sich schlichtweg als falsch.“

„Gibt es innerhalb dieser etwa 10 Prozent eine Minderheit, die besonders isolationistisch und kriegsfeindlich ist? Ja, und ich glaube, Kent ist jemand, der für sie spricht – sie sind wütend und fühlen sich betrogen. Was jedoch die breite Wählerschaft betrifft, so unterstützt die MAGA-Bewegung den Krieg stärker als jede andere regelmäßig befragte Bevölkerungsgruppe.“

Olsen betrachtet die heftigen Auseinandersetzungen zwischen Persönlichkeiten wie Kelly und Levin lediglich als traurigen „Beleg dafür, wohin sich der politische Diskurs entwickelt hat“, und nicht als Beweis für eine nennenswerte Spaltung der Wählerschaft.

Zwischenwahlen sind Bewährungsprobe für Trump

Autor und Meinungsforscher John Zogby betonte, dass die Iran-Politik des Präsidenten zwar „die Basis untergräbt“, jedoch bei Konservativen und Republikanern lediglich zu einem Rückgang von etwa acht bis zehn Prozentpunkten geführt habe. Diese Unterstützung sei aber an strenge Bedingungen geknüpft. „Was wir derzeit über die Unterstützung für den Krieg sagen können, ist: Auch wenn die Amerikaner eher gegen den Krieg sind, findet er immer noch da drüben statt und nicht hier“, sagte er. „Wenn Bodentruppen entsandt werden oder kein Ende in Sicht ist, dann rückt das Thema gewissermaßen hierher.“

Die Bewährungsprobe für Trumps fragile Koalition werden die Zwischenwahlen im November sein, die vor dem Hintergrund von Bürgerprotesten und wirtschaftlicher Unsicherheit mit großen Schritten näher rücken. Die Regierung hat bereits heftige Kritik durch die Veröffentlichung der Jeffrey-Epstein-Akten, den Einsatz von Truppen gegen Bürger in Minnesota und ihr Vorgehen mit dem Ziel Regimewechsel in Venezuela einstecken müssen.

Angesichts des sprunghaften Anstiegs der Brennstoffpreise, der in direktem Zusammenhang mit den kriegsbedingten Störungen in der Straße von Hormus steht, klingen die wirtschaftspopulistischen Versprechen der Trump-Kampagne zunehmend hohl. „In der MAGA-Anhängerschaft wird es eine Menge Unzufriedenheit geben“, prognostizierte Wilson. „Man hat ihnen ein Wirtschaftswunder versprochen, das zum Teil auf Isolationismus basiert, und nun bekommen sie weder das eine noch das andere.“

MAGA-Influencer rangeln um Positionen

Einige Beobachter sind der Ansicht, dass es bei den internen Auseinandersetzungen innerhalb der „MAGA“-Bewegung um mehr als nur Algorithmen und Klickzahlen geht, sondern um einen Kampf um die Seele der Bewegung nach Trumps Ausscheiden aus dem Amt. Greene twitterte: „Wenn ihr bemerkt, dass Tucker Carlson buchstäblich aus allen Richtungen der politischen Maschinerie angegriffen wird, dann liegt das daran, dass sie panische Angst davor haben, dass er für das Präsidentenamt kandidiert. Denn er würde gewinnen, und das wissen sie.“

„Trumps Einflussbereich schrumpft mit jedem Tag. Wer wird diese Lücke füllen?“, fragt der politische Kommentator Kurt Bardella, ein früherer Kongressmitarbeiter und Sprecher von Breitbart News. „Genau darum geht es bei diesem großen Kampf, sei es für Megyn Kelly, Ben Shapiro, Mark Levin, Candace Owens, Erika Kirk oder wen auch immer.“

„All diese verschiedenen MAGA-Influencer rangeln um ihre Position, weil ihnen allen bewusst ist, dass sie Donald Trumps Präsidentschaft überdauern werden“, ist Bardella überzeugt. „Wie die Welt nach Trump aussehen wird, ist für das MAGA-Milieu ein großes Fragezeichen, denn es gibt keinen offensichtlichen Thronfolger, der das MAGA-Erbe antreten könnte. Das ist Teil der Herausforderung, und deshalb sehen wir einige dieser Konflikte offen zutage treten.“