Das Filmfestival, im Zusammenhang dem es wirklich um Film geht

Orgien, Arbeitslosigkeit und Cross-Dressing: Auf der Diagonale geht es politisch zu. Das Festival des österreichischen Films macht dabei einiges besser als die Berlinale oder die Oscar-Verleihung.

Kurz nach der von politischen Skandalen überschatteten Berlinale und der fast einhellig als fad bezeichneten Oscar-Verleihung, nimmt nun Graz einen Anlauf, sechs Tage regionales Fernsehen und Kino zu feiern. Es ist Diagonale, das Festival des österreichischen Films. Wie stellt sich die Hauptstadt der Steiermark dabei an?

Der Schauspieler David Scheid („Des Teufels Bad“), der den Eröffnungsabend mit Wiener Schmäh moderiert, fordert gleich zu Beginn eine Orgie – „am besten unverhütet“. Damit könne man viele Probleme auf einmal lösen: Das Festival mache endlich überregionale Schlagzeilen, man wirke dem österreichischen Kindermangel entgegen, und das Networking würde man auch direkt hinter sich bringen.

Zur Orgie kommt es dann in den nächsten Tagen zwar kaum. Nicht einmal auf der Leinwand, wo Fernbeziehungen („Beautiful and Neat Room“ von Maria Petschnig), unbeholfener Umkleidekabinen-Zeugungs-Verkehr („Die fruchtbare Phase endet gleich“ von Fanny Rösch) und eheliche Abstinenz („Rose“ von Markus Schleinzer) vorherrschen. Einzig und ausgerechnet im neuen ORF-Landkrimi „Die Kuh, die weint“ von Andreas Prochaska geht es zur Sache, wenn nicht nur die Mutter sich mit einem zehn Jahre jüngeren Patienten auf dem Zahnarztstuhl vergnügt, während ihr Ehemann seinen Spaß mit dem italienischen Kindermädchen hat, sondern auch Kommissarin Martina Schober (Jutta Fastian) sich einen jüngeren Liebhaber gönnt.

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Was treibt die österreichische Branche also stattdessen um? Markus Schleinzer, Regisseur des historischen Cross-Dressing-Dramas „Rose“ mit Sandra Hüller, für das diese schon auf der Berlinale mit dem Silbernen Bären für die beste Hauptdarstellerin ausgezeichnet wurde und das jetzt die Diagonale eröffnet, fordert auf der Bühne zwei Dinge: Erstens müsse ein Zuverdienst zum Arbeitslosengeld möglich sein. Das neue österreichische Gesetz, das dieses einschränkt, treffe nicht nur Künstler besonders hart, sondern oft Frauen. Zweitens ruft Schleinzer zu einer „fairen“ Neuregelung der Filmfinanzierung auf. Warum solle in Österreich nicht das gelten, was in anderen Ländern schon längst funktioniere – eine verpflichtende Streamer-Abgabe wie etwa in Frankreich? Die Diagonale führt vor, wie ein Filmfestival politisch und dabei doch stets bei sich bleiben kann.

Die mit dem Großen Diagonale-Schauspielpreis ausgezeichnete Hilde Dalik mahnt in ihrer leidenschaftlichen Dankesrede, dass die junge Generation bald womöglich nur noch Netflix und Disney, aber keinen Josef Harder mehr kenne: „Und wo wäre dann unsere Leistung?“ Außerdem erzählt die heute 47-Jährige, dass es zu Beginn ihrer Karriere noch gar keine Schauspielerinnen im Alter von 47 Jahren gab – der Beruf ging nur bis 29 und dann erst wieder ab 80. Damals habe es auch noch als höfliche Begrüßung gegolten, wenn ein Regisseur eine Schauspielerin an die Brust fasste und „nice tits“ sagte.

Es sind Geschichten wie diese, die auch beim Panel „Unter der Haut: Körper, Macht und Trauma“ des FC Glorias im Zentrum stehen. Nach einer Choreinlage des Vereins für Feminismus, Vernetzung und Film, bei der die Sängerinnen im Kanon „Die Scham muss die Seiten wechseln“ rufen, wird über faire Bezahlung, Gleichbehandlung und Repräsentanz von Frauen in männerdominierten Gewerken wie Regie und Komposition, sowie das Dilemma der Gewalt reproduzierenden Darstellung von Gewalt diskutiert.

Schöne Berge dürfen nicht fehlen

Bei der Podiumsdiskussion zum Stand des Kinderfilms erfährt man, dass Kinder- und Familienfilme zwar zu den meistbesuchten Kinofilmen gehörten, aber trotzdem durch viele Förderungen und Auszeichnungen automatisch durchfielen. Mit den Literaturverfilmungen „Geschichten vom Franz“ und „Die Häschenschule“ (der neben der deutschen auch in einer österreichischen Fassung gezeigt wurde, um dem zunehmenden Verlust der österreichischen Sprache entgegenzuwirken) habe man in den vergangenen Jahren die ersten Schätze gehoben. Man könne es nicht allein Disney überlassen, europäisches Gedankengut wie etwa das Märchenschloss Neuschwanstein für sich zu reklamieren.

Um Kapitalismus, finanzielle Sorgen und den Arbeitsmarkt geht es in Filmen wie der Arbeitsmarkt-Satire „AMS – Arbeit muss sein“ von Sebastian Brauneis, „B wie Bartleby“ von Angela Summereder, ein die klassische Literatur auf ungewöhnliche Weise für die Gegenwart befragender Filmessay über Melvilles ikonischen Verweigerer, sowie „Beautiful and Neat Room“ über eine in New York lebende Künstlerin, die sich mit wechselnden Mitbewohnern herumplagen muss.

Aber wer jetzt befürchtet, die Alpenrepublik habe kaum mehr als Geldsorgen zu bieten, kann sich beruhigt im Kinosessel zurücklehnen. Was wäre ein Festival des österreichischen Films ohne die saftgrünen Wiesen, die erhabenen Berge und dichten Tannenwälder, die grasenden Kühe und türkisblauen Seen! Der Landkrimi „Die Kuh, die weint“ über eine Hundeleiche und ein verschwundenes Kindermädchen verwebt Heimatidylle ebenso atmosphärisch mit Heimathorror wie der ebenfalls von Andreas Prochaska stammende Gruselspaß „Welcome Home Baby“ über eine Rückkehr aufs Land zum Zweck der Familiengründung sowie das medizinethische Gedankenexperiment „Our Girls“ von Mike van Diem über einen gemeinsamen Österreichurlaub zweier befreundeter niederländischer Familien, die nach einem Unfall plötzlich vor einer unmöglichen Entscheidung stehen.

„Elektrorad ist der Anfang vom Ende“, sagt darin einer der Väter (Valentijn Dhaenens) mit einem unheimlich prophetischen Grinsen, während er sich in Funktionskleidung den Berg hoch hetzt und dabei von Rentnern auf dem E-Bike sowie Jugendlichen auf dem Quad überholt wird. Wo das Ende des Films, besonders das des österreichischen, anfängt, bei der KI etwa, den Geldkürzungen oder den sozialen Medien, ist eine Frage, die die Branche noch lange umtreiben wird.

Source: welt.de