KNDS unter neuer führung: Zeitenwende zu Gunsten von Deutschlands führenden Panzerhersteller

Den Hof säumen klassische Panzer, aber auch neuere Roboterfahrzeuge wie Themis, das in der Ukraine schon heute Verwundete evakuiert. In der Halle lässt sich mit Controller und Virtual-Reality-Brille der Beschuss feindlicher Einheiten simulieren. Auf Powerpointfolien erklären Manager, wie auf dem zunehmend digitalisierten Gefechtsfeld das Zusammenspiel von bemannten und unbemannten Systemen gelingt.

Auf einem Medienevent in München hat KNDS einige Mühe darauf verwendet, sich als hochmoderner Rüstungskonzern zu präsentieren. Jahrzehntelang produzierte das Familienunternehmen Krauss-Maffei hier am Standort Allach ingenieurslastig und verschwiegen einige der besten Panzer der Welt, darunter den Leopard 2 und den Boxer. Arbeiten statt quatschen, lautete die Devise.

Heute sind die Tore geöffnet. Man sei „das führende paneuropäische Unternehmen für Landverteidigungssysteme“ und „stark technologieorientiert“, so die KNDS-Kommunikatoren mit breiter Brust. Man kombiniere „erstklassiges Know-how“ bei Panzern, gepanzerten Fahrzeugen, Artillerie und Munition mit „fortschrittlichen digitalen und vernetzten Fähigkeiten“.

Es gebe „kein Hindernis“

Die Öffnung und Werbetrommel überraschen nicht, denn KNDS will an die Börse. Das verspricht angesichts des Rüstungsbooms einen kräftigen Kapitalzufluss. „Und es ist auch ein guter Weg, das Unternehmen auf eine neue Ebene zu heben, was die Unternehmensführung, die Umsetzung und Disziplin angeht“, betonte der französische Konzernchef Jean-Paul Alary. Es gebe „kein Hindernis“, der Börsengang soll 2026 erfolgen.

In Finanzkreisen wird die Bewertung auf rund 20 Milliarden Euro geschätzt. Das lässt einen der größten Rüstungsbörsengänge aller Zeiten erwarten. Wie viele Anteile an KNDS zum Verkauf stehen, wird politisch noch verhandelt. Die Bundesregierung strebt einen substanziellen Kapitalanteil an, der französische Staat will einen substanziellen Anteil behalten.

Seit Alary im April 2025 die Führung übernommen hat, ist bei KNDS viel in Bewegung. Knapp zehn Jahre lang existierten die beiden Einheiten des deutsch-französischen-Konzerns fast völlig getrennt voneinander. Hier der Mittelständler Krauss-Maffei Wegmann, der im Besitz einer Familienholding ist, die ihre Anteile nun verkaufen will, dort das Unternehmen Nexter, zu 100 Prozent im Besitz des französischen Staates.

Für Traditionalisten sind es viele Veränderungen auf einmal

Jetzt soll es erstmals eine gemeinsame Strategie geben. Wo immer möglich, sollen die Einheiten integriert und zu einem schlagkräftigen europäischen Champion verschmolzen werden. Der Druck der Börse soll dabei helfen, den einen oder anderen Zopf abzuschneiden. Wobei man etwa in der Logistik schon heute integrierte Lösungen habe, betont man bei KNDS. Auch gemeinsame Produkte soll es geben, etwa bei Roboterfahrzeugen.

Im Januar neu ernannte Länderchefs repräsentieren den neuen Kurs. Bei KNDS Deutschland folgte auf das Krauss-Maffei-Urgestein Ralf Ketzel Florian Hohenwarter, seit 2023 im Konzern und zuletzt Vorstand für Operatives. Bei KNDS Frankreich kam von außen Nicolas Groult. Beide sind Jahrgang 1976, waren lange in der Autoindustrie tätig und ließen beim Medienevent die Krawatte zu Hause. Geschäftssprache ist Englisch.

Für Traditionalisten in Allach sind es viele Veränderungen auf einmal. Schon der Ukraine-Krieg hat aus dem „ingenieursgetriebenen Haufen“, als der sich Krauss Maffei früher etikettierte, ein Unternehmen gemacht, in dem längst nicht mehr jeder jeden kennt. Nach Jahren magerer Wehretats gehen die Panzerbestellungen nun durch die Decke. Also wird produziert und eingestellt, was das Zeug hält. Man trifft im Konzern heute auf junge Leute, die noch vor fünf Jahren nichts mit Rüstung am Hut hatten.

Mit Görlitz, wo KNDS ein altes Werk von Zughersteller Alstom übernommen hat, ist jüngst neben München und Kassel ein weiterer großer Produktionsstandort in Deutschland dazugekommen. Und die Zeichen stehen weiter auf Expansion. Rund eine Milliarde Euro will der immer noch überschaubar große Konzern in den kommenden Jahren investieren. Ende 2024 saß KNDS auf Aufträgen im Wert von 23,5 Milliarden Euro – bei einem Jahresumsatz von 3,8 Milliarden Euro.

Mittelfristig setzt Deutschland auf eine nationale Lösung

Doch vor allem deutsche Produkte sind gefragt. Schon heute wird der Anteil von KNDS Deutschland am Gesamtumsatz auf rund 70 Prozent geschätzt. Sollte die Bundeswehr tatsächlich, wie angekündigt, bis zu 1000 neue Leopard-2-Kampfpanzer und 3000 neue Boxer-Radpanzer bestellen, vergrößern sich die Ungleichgewichte weiter. Auch deshalb werden aktuell Stimmen in Deutschland wieder lauter, man brauche die Franzosen im Panzerbau gar nicht und sie sicherten sich mit KNDS nur den Zugriff auf deutsche Technik.

An der Konzernspitze will man die Ungleichgewichte nicht problematisieren und hebt lieber Komplementaritäten hervor. Dazu gehöre Munition, die KNDS Frankreich heute für die deutschen Produkte liefere. Auch die Spannungen um das Kampfpanzersystem MGCS will man an der Konzernspitze nicht problematisieren. Es gebe „keine Verbindung“ zwischen diesem deutsch-französischen Rüstungsprojekt, dem Börsengang und der Zukunft von KNDS, so Alary.

Unlängst hat die MGCS-Projektgesellschaft das Industrieangebot der beteiligten Unternehmen erhalten, bei denen es sich neben KNDS um Rheinmetall und Thales aus Frankreich handelt. Auf eine Preisprüfung folgen planmäßig Vertragsverhandlungen. Alary beteuerte, an MGCS zu glauben. Man werde aber eben „etwas anderes“ entwickeln, wenn die Politik das als Nachfolger des Leopard 2 und französischen Leclerc gedachte System nicht länger wünsche.

Nachdem das Bundeskartellamt Rheinmetall und KNDS Deutschland im Dezember die Entwicklung eines neuen Kampfpanzers genehmigt hat, zeichnet sich ab, dass Deutschland mindestens mittelfristig weiter auf eine nationale Lösung setzt. Ähnliches wird dieses Jahr für Frankreich erwartet. Bausteine dieser Panzer könnten für MGCS verwendet werden, betont man bei KNDS, bemüht, die Tragweite der nationalen Lösungen herunterzuspielen. Doch klar ist: Die Anforderungen der Streitkräfte bleiben nicht harmonisiert, und entwickelt wird, was der Kunde bestellt.