Der Kölner Aktionismus ist selbstzerstörerisch

Mit Lukas Kwasniok wollte der unstete 1. FC Köln ein neues, besseres Kapitel schreiben wollte. Doch der Klub schafft es einfach nicht, die Geduld für eine nachhaltige Entwicklung aufzubringen.

Am frühen Sonntagabend wurde vollzogen, was sich bereits 24 Stunden zuvor abgezeichnet hatte. „Trotz leidenschaftlicher und ordentlicher Auftritte war zuletzt ein klarer Abwärtstrend in unserer Entwicklung erkennbar. Wir haben zu wenige Punkte geholt – das ist die Realität“, erklärte Thomas Kessler, der Sport-Geschäftsführer des 1. FC Köln. Lukas Kwasniok, der erst seit Saisonbeginn Trainer des Bundesliga-Aufsteigers war, wurde mit sofortiger Wirkung freigestellt.

Bereits am Samstag war klar, dass es für Kwasniok keine Zukunft mehr geben kann. Denn bereits nach dem 3:3 (2:2) im rheinischen Derby gegen Borussia Mönchengladbach hatte Kessler jegliche Rückendeckung für den 44-Jährigen vermissen lassen. Schon da war das Urteil gefallen. Insofern war es ein Trainer-Rauswurf mit Ansage.

Und die haben in Köln eine lange Tradition. Personelle Kontinuität auf der wichtigsten Position innerhalb eines Profi-Fußball-Klubs? Fehlanzeige. 14 Trainer wurden in den letzten zehn Jahren verschlissen, inklusive der teilweise personell identischen Interimslösungen. In der vergangenen Saison war es sogar zu einem besonderen Kuriosum gekommen: Gerhard Struber wurde zwei Spieltage vor Schluss gefeuert – als der FC auf dem zweiten Platz, einem Aufstiegsrang, stand. Seit Sonntag ist klar: Auch die dritte Kölner Saison in Folge wird nicht ohne Trainerwechsel zu Ende gehen.

Köln ist immer noch auf Kurs, entlässt trotzdem den Trainer

Nun hat es Kwasniok erwischt. Zur Begründung wurden sieben sieglose Spiele zuletzt, von denen vier verloren gingen, herangeführt – sowie Tabellenplatz 15. Das lässt in der Tat befürchten, dass es bis zum Ende gegen den Abstieg gehen wird.

Doch war je etwas anderes zu erwarten? Die Kölner waren mit der klaren Zielsetzung des Klassenerhalts in die Spielzeit gegangen. Und nach dem vielversprechenden Start war die Zuversicht groß, dass dies gelingen kann. Im Grunde hat sich daran wenig geändert: Der FC steht nach wie vor über dem Strich und die Mannschaft erweckte weder am Samstag noch in den Wochen zuvor den Eindruck, dass sie an sich zweifelt oder dem Trainer nicht mehr folgt. Auch gegen Gladbach kämpfte sich Köln zweimal zurück.

Sicher: Kwasniok hat auch Anlass zur Kritik gegeben. Mit häufigen Personal- und Systemwechseln hat er zuletzt keinen Erfolg gehabt. Und ja: Natürlich gab es Spieler, die an Kwasniok etwas auszusetzen hatten. Seine Art gefiel nicht jedem. Es stimmt: Zwischenzeitlich hatte man den Eindruck, es gehe in Köln zu viel um ihn – nachdem Kwasniok beispielsweise auf die Idee gekommen war, sich im Trikot an der Seitenauslinie zu präsentieren.

Aber Kwasniok war in den neun Monaten in Köln genau so, wie er immer war: Laut, extrovertiert, kommunikativ, ein wenig schroff – für den Geschmack einiger vielleicht ein wenig drüber. Aber eben auch voller Leidenschaft und Energie. Die Kölner – und vor allem Kessler – wussten genau, worauf sich bei diesem Trainer eingelassen hatten.

Köln lässt sein großes Potenzial verkümmern

Es gab schon viele Trainerwechsel beim 1. FC Köln, für die es, bei halbwegs rationaler Betrachtung, nur wenig stichhaltige Argumente gegeben hatte. Für diesen allerdings gibt es überhaupt keine inhaltlichen Gründe – abgesehen von der gewagten Annahme, dass die Mannschaft besser punkten wird, wenn Assistenztrainer René Wagner übernimmt. Der wurde Sonntag als Interimslösung bestätigt. Dann wird weiter geschaut. Mit strategischer Entwicklung hat dies wenig zu tun.

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Darüber hatte sich pikanterweise Kwasniok selbst am Samstag noch öffentlich Gedanken gemacht. Ihm sei von Beginn an klar gewesen, dass es um den Klassenerhalt geht. Und dass man bei Vereinen in diesen Situationen dazu neigt, Trainer zu tauschen. „Ich glaube aber, dass die Vereine auf Dauer erfolgreich geworden sind, die einen anderen Weg gehen“, sagte er. Als Beispiel nannte er den SC Freiburg – mittlerweile ein regelmäßiger Teilnehmer am Europapokal.

Damit legte Kwasniok den Finger auf die Wunde: Wer es nicht schafft, dem Reflex, auf Krisen mit Aktionismus zu reagieren, zu widerstehen, schadet sich selbst. Hier liegt das Kölner Dilemma. Der Verein lässt sein nach vor großes Potenzial verkümmern, weil es nicht gelingt, die Geduld für eine kontinuierliche Entwicklung aufzubringen. Das ist beinah selbstzerstörerisch.

Source: welt.de