Im Gespräch | Tatort „Fackel“: Das Frankfurt-Duo Foroutan und Hasanović will „subtil politisch sein“
Gleich die erste Folge hat soeben den Grimme-Preis gewonnen: Die Tatort-Folge „Dunkelheit“, mit neun Millionen Zuschauern Anfang Oktober 2025 ein riesiger ARD-Erfolg, war das Debüt des Ermittlerduos Maryam Azadi (Melika Foroutan) und Hamza Kulina (Edin Hasanović) in Frankfurt am Main. Der Plot basierte auf dem realen Fall eines Serienmörders im Rhein-Main-Gebiet.
Kurz vor Ausstrahlung des dritten Frankfurt-Tatort an diesem Sonntag sprach der Publizist Max Czollek mit Melika Foroutan und Edin Hasanović – im Rahmen der Reihe Diskurs. Pop. Liebe im Haus der Kulturen der Welt in Berlin. Am Ende wird jemand aus dem Publikum fragen, ob Hasanović sich für seinen Rollennamen Hamza rechtfertigen müsse, weil er einen Polizisten spielt: Hamza Kurtović wurde am 19. Februar 2020 beim rechtsextremen Terroranschlag in Hanau erschossen. Foroutan und er seien nach Hanau zu Familie Kurtović gefahren, antwortet Hasanović: Vater Armin Kurtović habe es als große Ehre empfunden, dass er den Namen seines ermordeten Sohnes für die Rolle gewählt habe.
Das ganze Gespräch über zischt auf der Bühne leise ein Wasserkocher, Foroutan bekennt sich als Teetrinkerin, Hasanović hätte eigentlich lieber Kaffee – doch es dauert nicht lange, und es geht um Politik.
Max Czollek: Melika, als „Tatort“-Kommissarin trinkst du in der ersten Szene einen Çay …
Melika Foroutan: Ja, ich wollte eine kleine Abwechslung zu den immer Kaffee trinkenden Kommissar*innen schaffen, und es war eine schöne Gelegenheit, einen Samowar im Dienstraum zu platzieren.
Für viele ist Tee ein Moment der Entspannung. Könnt ihr das gerade?
Foroutan: Das ist wohl der härteste Einstieg, den du dir hättest ausdenken können. Tee entspannt mich schon lange nicht mehr – nicht bei der aktuellen Weltlage. Wir können also direkt über Politik reden, wenn du willst.
Eigentlich wollte ich sanft überleiten, aber gut, steigen wir ein.
Foroutan: Ich bin sehr angespannt. Als Iranerin belastet mich die Lage im Iran besonders, mir wachsen die täglich immer schlimmer werdenden Meldungen über die Angriffe, Bomben und Tote über den Kopf. Ich komme nicht von den Nachrichten weg, und es spielt sich so vieles gleichzeitig ab: die katastrophale Lage in Gaza, Krieg, Vertreibung, der Klimawandel, die Veränderungen durch künstliche Intelligenz.
Ich fühle Verantwortung, aber in vielen Bereichen entgleitet mir immer mehr das Gefühl, dass ich diesen Entwicklungen etwas entgegensetzen kann, außer die Hoffnung nicht zu verlieren. Ich sehe das auch in meinem Umfeld. Der einzige Ort, an dem ich noch so etwas wie Autonomie verspüre, ist meine Arbeit, da gibt es noch Lösungen.
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Edin, wie entspannst du dich?
Edin Hasanović: Beim Sport. Heute war ich trainieren, und es war fantastisch – eine Stunde Urlaub für den Kopf.
Gehst du ins Fitnessstudio?
Hasanović: Ich mache Crossfit. Das sind Übungen wie Gewichteheben, die man in der Gruppe macht, begleitet von lauter Musik …
… Techno?
Hasanović: … einfach harte Beats, die dich antreiben und wo du denkst: Geil, weiter! Natürlich brauche auch ich eine Pause von den Themen, die Melika erwähnte. Einerseits fühlt sich das vermessen an – ich kann mich einfach zurückziehen, das Handy weglegen, und der Krieg ist nicht mehr so nah an mir dran. Menschen, die aber direkt betroffen sind, können das nicht. Andererseits ist es wichtig, um genau die Stimme für diejenigen zu sein, die keine haben. Gerade deshalb ist Entspannung elementar. Tee ist für mich keine Entspannung. Ich muss ihn jetzt trinken, aus Höflichkeit. (lacht)
Im neuen Frankfurt-„Tatort“ seid ihr Kollegen, die sich langsam anfreunden …
Foroutan: Noch sind die beiden keine Freunde. Aber es entwickelt sich in diese Richtung.
Und im echten Leben?
Foroutan: Da sind wir Freunde. Wir kennen uns schon seit …
Hasanović: … KDD Kriminaldauerdienst. (ZDF-Serie, die in drei Staffeln von 2007 bis 2010 ausgestrahlt wurde, Anm. d. Red.)
Da hast du auch mitgespielt?
Hasanović: Ja!
Foroutan: Edin war zwölf, als wir KDD gemacht haben, eine Polizeiserie, die in Berlin spielt. Es war Edins erster Dreh, und für mich war die Serie eines meiner ersten Engagements im Fernsehen. Vorher war ich am Theater in Leipzig engagiert.
Hasanović: Ich wollte immer Schauspieler werden. Für mich war das KDD-Set wie ein Spielplatz: Ich durfte Scheiben einschlagen, mich vor der Kamera übergeben und Kunstblut spucken. Dabei habe ich Profis wie Melika beobachtet, wie sie sogar in den Pausen die Szenen probten. Über die Jahre haben wir den Kontakt verloren, aber seit dem Frankfurt-Tatort sind wir wieder eng befreundet.
Worüber sprecht ihr, wenn ihr euch seht oder telefoniert?
Hasanović: Über viele Dinge abseits vom Tatort. Ich habe das Glück, mit Melika eine kluge Freundin und Kollegin zu haben, die ich anrufe, wenn ich Rat brauche oder mich mit ihr zu politischen Themen austauschen möchte.
Foroutan: Während der Dreharbeiten zu den letzten beiden Tatort-Folgen haben wir viel über den Nahostkonflikt gesprochen. Über das, was in Gaza passiert und wie in Deutschland darüber debattiert wird. Wir haben beide Freunde und Kolleginnen, die eng mit der Region verbunden sind.
Auf eine Weise sitzen wir drei im selben Boot, dank Wolfram Weimer. Der Kulturstaatsminister hat erst die Berlinale-Filmszene mit seinem seltsamen Verständnis von Meinungsfreiheit konfrontiert und später Buchhandlungen Extremismus unterstellt. Das wirft eine grundlegende Frage auf: Ist der Kulturstaatsminister für uns da oder wir für ihn?
Sobald es um Gaza geht, heißt es: We should stay out of politics.
Foroutan: Die Berlinale und die Absage vom Buchhandlungspreis waren unglaubliche Vorgänge, aber diese Entwicklung hat schon früher angefangen. Die Eingriffe in die Meinungs- und Wissenschaftsfreiheit wurden stärker, seit der Genozidvorwurf gegen Israel im Raum stand und wir angefangen haben, die Beihilfe Deutschlands zum Völkermord zu debattieren. Da wurden auf einmal viele Leute, nicht nur aus der Kultur, sondern auch aus der Wissenschaft und den Medien, angegriffen, gecancelt oder es gab Rücktrittsforderungen. Das gibt es alles nach wie vor.
Wenn internationale Menschenrechtsorganisationen, Holocaustforscher und Genozidforscher die Frage nach einem Genozid untersuchen, dann finde ich, sollten wir in der Lage sein, diese Debatten auf deutschen Bühnen und in Hochschulen zuzulassen und auszuhalten. Wenn also auf der Berlinale ein palästinensischer Regisseur seine Wut und Trauer in einer Rede zum Ausdruck bringt, dann ist das weder kriminell noch ist es ein Grund, die Festivalleiterin deshalb kündigen zu wollen. Das ist ein massiver Eingriff in die Meinungsfreiheit. Der Kulturstaatsminister sollte für uns alle da sein, ist er aber nicht.
Ich finde es allerdings beeindruckend, wie sich nun anlässlich des Buchhandlungspreises von Thea Dorn bis Jörg Sundermeier alle einig sind: Hier wurde eine Grenze überschritten.
Foroutan: In dem Moment, wo es eine Tricia Tuttle trifft oder die linken Buchhandlungen, wächst das Identifikationsmoment.
Absolut. Was ich daran nur spannend finde, ist, dass wir uns in innerlinken Kreisen zwei Jahre lang sehr stark polarisiert und untereinander heftig gestritten haben. Und jetzt kommt von außen dieser bedrohliche Impuls, und plötzlich treten unsere Differenzen in den Hintergrund. Ist es da nicht fast heilsam, dass Wolfram Weimer uns wieder zusammenbringt? Edin, wie siehst du das?
Hasanović: Das ist mir zu einfach. Sobald es um Gaza geht, heißt es: „We should stay out of politics.“ In der Filmbranche ist es leicht, gegen rechts oder die AfD zu sein. Da sind wir uns, in großen Teilen, ziemlich einig.
Okay, mein Punkt ist aber ein anderer: Dass wir, ähnlich wie in den USA, aktuell den Versuch sehen, die Demokratie umzubauen. Und das nicht nur von der AfD, sondern auch von der CDU. Und dagegen muss man sich erst einmal organisieren, ist doch gut, wenn das dann Konsens ist. Beeindruckt dich dieser gemeinsame Protest gar nicht ?
Hasanović: Doch. Bei der nun verhinderten Absetzung der Berlinale-Chefin Tricia Tuttle oder bei dem branchenübergreifenden Protest, als es um die linken Buchhandlungen ging – da hab ich irgendwie Hoffnung. Da spürt man sofort diesen Aktivismus, die Leute werden laut. Das gibt mir Hoffnung, auch in Bezug auf die AfD. Die Menschen werden das nicht zulassen.
Foroutan: Da stimme ich zu. Es formierte sich innerhalb weniger Stunden eine riesige Solidarität, es gab offene Briefe, die Presse berichtete und die Menschen teilten es online. Ein wirklich tolles Momentum. Diese Solidarität brauchen wir für alle, die angegriffen werden.
Kennt ihr das Format „Fun Facts“? Es ist ein neues News-Format, erinnert in der Art an die US-Late-Night-Shows. Politische Themen werden so unterhaltsam von Comedians und euren Schauspielerkolleg*innen unter die Leute gebracht. Ich frage mich, ob in Zeiten des demokratischen Umbaus der Druck eher von Menschen kommt, die eine Art von kulturell-ästhetischen Praktiken eingeübt haben. Schließlich ist das, was Trump in den USA oder Weimer hier versucht, auch performativ.
Hasanović: Also dafür lese ich zu oft in den Kommentaren unter meinen Posts in den sozialen Medien: „Du bist Schauspieler, halt mal die Klappe. Misch dich mal da nicht ein. Mach mal dein Filmzeugs und rede nicht über Politik.“ Wir versuchen auch über unseren Tatort, politisch zu sein. Ohne moralischen Zeigefinger, sondern subtil.
Foroutan: Wir wollen im Tatort gesellschaftlich relevante Themen platzieren, und das am besten in einer unterhaltsamen Form, dem Format entsprechend. Gerade im ersten Tatort haben wir einen Perspektivenwechsel gewagt. Statt auf den Serienmörder haben wir den Fokus auf die Opfer und Hinterbliebenen gelegt.
Wir haben gezeigt, wer diese Menschen sind. Haben ihnen Namen, Gesichter und Geschichten gegeben, damit wir sie aus der Anonymität der Zahlen herausholen. Gerade in Zeiten von Kriegen, wo unzählige Menschen getötet werden, überall auf der Welt, in der Ukraine, in Iran, in Gaza, oder am 7. Oktober, sollte man immer wieder daran erinnern, dass es nicht nur Zahlen sind. Sondern Leben, die ausgelöscht werden. Jedes einzelne zählt.
Ich habe in einer Statistik gelesen, dass im „Tatort“ weit mehr Menschen gewaltsam ums Leben kommen als an den meisten Spielorten in der Realität. Aber euer „Tatort“ kann ja weit mehr. Er tröstet auch, indem er zeigt, dass es diese pluralistische Gesellschaft weiterhin gibt, selbst wenn die Bundesregierung sich nicht mehr als Partner dieser Art von Gesellschaft sieht. Das Projekt Postmigration lebt.
Hasanović: Bei den Interviews zu diesem Fall war für die Interviewer oft das Spannendste: Wow, zwei migrantische Schauspieler, die zwei migrantische Rollen spielen! Ich dachte, wir wären weiter.
Nein, leider nicht.
Die migrantische Community ist ein komplexes Gefüge, mit unterschiedlichen Standpunkten. Wir sind keine homogene Masse.
Hasanović: Es erschreckt mich, dass viele vor allem das Migrantische an uns spannend finden. Ja, wir haben Migrationshintergrund. Aber ist das alles, was mich als Menschen ausmacht? Wenn wir unsere eigenen Biografien einbringen und anderen Menschen den Raum geben können: Großartig. Deswegen spielt Melika jemanden, der aus dem Iran kommt, und ich spiele jemanden, der aus Bosnien kommt. Bei Zuschauerzahlen von neun oder zehn Millionen wollen wir damit etwas bewirken.
Vielleicht liegt darin die Spannung: Einerseits reduziert die nicht-migrantische, deutsche Seite uns auf eine Differenzkategorie, andererseits heißt es ja auch von unserer Seite: „Wow, das ist etwas Besonderes“, so wie das Maxim-Gorki-Theater in Berlin als Ort, postmigrantischer Identität, etwas Besonderes war.
Hasanović: Trotzdem regt mich das auf. Ich will nicht wiederholt Rassismus unterstellen, dafür ist das Wort zu groß. Aber neulich fragte mich jemand vor laufender Kamera, wie man meinen Namen richtig ausspricht. Und sagte dann: Ediin, Ädin, Eeedin. Dann meinte er: „Kannst du nicht einfach Peter heißen, ist doch leichter.“ Solche Momente irritieren mich, ich spüre diese Störgefühle.
Foroutan: Man könnte denken, dass Menschen, die problemlos ChatGPT aussprechen, sich bei den vier Buchstaben von Edin nicht so schwer tun sollten. Und wenn man unsicher ist, kann man auch nachfragen, das ist netter. Die migrantische Community ist ein komplexes Gefüge, mit unterschiedlichen Standpunkten. Wir sind keine homogene Masse, die sich an gleichen Dingen reibt oder erfreut.
Manche sind hier geboren, andere in den letzten Jahren nach Deutschland gekommen, haben einen Krieg miterlebt und Fluchterfahrung, andere kennen ihre Herkunft nur aus den Erzählungen ihrer Eltern oder Großeltern. Edin und ich können gar nicht für die gesamte migrantische Community sprechen, wir repräsentieren einen Teil davon. Es wäre vermessen, wenn wir uns hinstellen und sagen, unsere Erfahrungen sind die aller Migrantinnen und Migranten in Deutschland.
Deine Schwester, die Sozialwissenschaftlerin Naika Foroutan, schreibt in ihrem Buch „Die postmigrantische Gesellschaft“, dass Migration Deutschland derart fundamental verändert hat, dass vieles durch diese Brille diskutiert wird, im Guten wie im Schlechten. Was sind eure Beobachtungen in Bezug auf das deutsche Fernsehen dazu?
Foroutan: Unser Tatort ist im besten Fall postmigrantisch, weil er die Herkunft der Figuren nicht permanent problematisiert und in den Mittelpunkt stellt. Wir bilden gesellschaftliche Realität ab. Wir sind zwei Kommissar*innen mit Einwanderungsgeschichte in Frankfurt am Main und lösen Kriminalfälle. Ab und zu spielt dabei auch unsere Herkunft eine Rolle.
Und in der Filmbranche?
Foroutan: Postmigrantische Geschichten oder auch queere Themen werden mittlerweile wieder ins Abseits gedrängt. Es gibt weniger Fördergelder für diese Projekte. Ich höre das von Kolleginnen und Regisseurinnen.
Warum?
Foroutan: Interessiert nicht so sehr, hört man jetzt wieder häufiger als früher. Offene Ohren hat man jedoch nach wie vor bei Geschichten über kriminelle Clans oder bei der Emanzipationsgeschichte der jungen Frau, die sich zwischen ihrer traditionellen, religiösen Familie und dem deutschen Freund entscheiden muss. Diese Geschichten ermüden mich langsam.
Sie wollen die Seherwartungen eines deutschen Publikums bedienen, von dem ich mittlerweile fest überzeugt bin, dass es auch schon weiter ist. Um komplexere migrantische Geschichten zu erzählen, ist es wichtig, dass Menschen mit Migrationsbiografie nicht nur vor, sondern auch hinter der Kamera arbeiten: in den Redaktionen, als Autorinnen und Autoren, Regisseurinnen und Regisseure. Es gibt sie, und sie bringen mehr Vielfalt in unsere Geschichten.
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Wie bereitet ihr beide euch auf die Rollen vor? Geht ihr in den Keller und schleppt Kartons? Nehmt ihr Drogen? Also eher Method Acting oder Crystal Meth?
Hasanović: Starkes Wortspiel. Also ich habe mich auf diese Polizeirolle mein Leben lang vorbereitet, weil ich sehr polizeiaffin bin.
Wirklich?
Hasanović: Wäre ich nicht Schauspieler geworden, wäre ich wohl bei der Kripo gelandet. Ich habe jede Doku gesehen und meine zu wissen, wie man eine Waffe hält. Ich habe um diese Gimmicks gekämpft im Tatort, die Waffe und die Handschellen. Da wird ein kleiner Traum für mich wahr.
Und du, Melika?
Foroutan: Da sind wir völlig unterschiedlich. Ich komme aus Iran, einem Land mit sehr viel Polizeipräsenz und Polizeigewalt. Und auch als Bürgerin in Deutschland habe ich einen kritischen Blick auf die Polizei, weil sie als Organ der Exekutive eben auch Repressionen einsetzen kann.
Hasanović: Das heißt ja nicht, dass ich der Polizei gegenüber nicht kritisch bin. Das schließt aber meine Faszination nicht aus.
Foroutan: Ich verstehe Edin. Das Bild der Polizei, mit dem man aufwächst, aus amerikanischen Filmen und Serien etwa, ist prägend. Sie wird als cool und tough dargestellt. Ich habe schon darüber nachdenken müssen, was es bedeutet, eine Polizistin zu spielen. Und was es für das Bild der Polizei bedeutet, wenn ich ihr ein Gesicht gebe. Ab und an habe ich dabei ein seltsames Empfinden.
Weshalb denn?
Foroutan: Im Raum Hessen, wo wir ermitteln, gibt es viele hoch problematische Fälle. In Hanau, wo neun junge Menschen durch einen rassistischen Mordanschlag starben, stellte sich heraus, dass mehrere der Polizisten, die unmittelbar nach der Tat zum Tatort geschickt wurden, in rechtsextremen Chatgruppen waren. Die Verwicklungen von Polizei und Sicherheitsbehörden im NSU-Komplex gelten als einer der größten Skandale der deutschen Nachkriegsgeschichte.
In Oldenburg wurde Lorenz A. von einem Polizisten in den Rücken geschossen, auch hier wurden Rassismusvorwürfe erhoben. Ich sehe das Verhalten der Polizei auch bei palästinasolidarischen Protesten in Berlin sehr kritisch, wo ein Freund von mir zusammengeschlagen wurde. Ich komme da an meine Grenzen. Weil ich natürlich Beruf und Privates trennen muss.
Dein Job ist ja nicht Kommissarin, sondern Schauspielerin.
Foroutan: Ja, und als Kommissarin bin ich in der Abteilung für Altfälle. Das ist ein Ort, wo weniger Gewalt und viel Ermittlung gefragt ist. Auch das ist natürlich ein Teil von Polizeiarbeit.
Im „Tatort“ können Kommissar:innen Grenzen überschreiten oder selbst Morde verüben, wie im letzten Dortmund-„Tatort“. Das Gewaltmonopol steht als Frage immer mit im Raum. Wobei kritischere Zungen sagen, dass der „Tatort“ natürlich auch Propaganda für die Polizei ist.
Foroutan: Gleichzeitig thematisiert der Tatort Themen wie Korpsgeist in der Polizei, rechtsextreme Chats und Grenzüberschreitungen.
Der anarchistische Anthropologe David Graeber beschreibt den Wechsel vom Cowboy- zum Polizeifilm in den USA. Warum fasziniert uns die Rolle der Polizei in unserer spätkapitalistischen Gesellschaft? Warum ist das so interessant, ihnen dabei zuzuschauen, wie sie Grenzen überschreiten, die wir nicht überschreiten dürfen? Außerdem hat der „Tatort“ ja fast so etwas Soapiges an sich, wie in Dortmund beispielsweise.
Foroutan: Du schaust viel Tatort.
Ja, aber ich kann nicht immer zuordnen, wer wo gespielt hat.
Hasanović: Hinter der Bühne erzählte Max uns von einem Fall …
Oh nein…
Hasanović: … da ging es um eine Lichtsekte. Wir sagten: „Max, das war unser zweiter Fall. Wovon sprichst du?“ Max beharrte darauf, dass wir nicht mitgespielt hätten. Aber darf ich sagen, warum ich meine Rolle liebe?
Gott, ist mir das peinlich. Bitte sprich unbedingt schnell weiter.
Hasanović: Hamza Kulina ist meine Lieblingsrolle. Nicht nur, weil er Bosnier ist und weil seine Biografie Parallelen zu meiner hat. Er ist ein anderer Typ – ruhiger, schwerer. Ich glaube, wenn ich groß bin, will ich mal so werden wie er. Ich will sehen, wie er sich entwickelt. Wie unsere Rollen sich entwickeln. Sie sind sehr unterschiedlich, aber beide verbindet diese Liebe zu Menschen und ihre Empathie.
Foroutan: Als unser Produzent Jochen Laube mich fragte, ob ich Tatort-Kommissarin werden wolle, war meine erste Reaktion freudige Überraschung. Darüber, dass mir angeboten wurde, ein Teil des deutschen Kulturguts zu werden. Hier schließt sich der Kreis zu meiner Migrationsgeschichte. In meinem Kopf übersetzte sich das in eine Erfolgsgeschichte. Ich bin Teil einer Institution, die deutsche Fernsehgeschichte geschrieben hat.
Melika Foroutan wurde 1976 in Teheran geboren und studierte in Köln Philosophie, Englisch sowie Geschichte. Zwischen 1999 und 2003 absolvierte Foroutan ihre Schauspielausbildung an der Universität der Künste in Berlin. Anschließend war sie am Schauspiel Leipzig engagiert. Seit der am 5. Oktober 2025 ausgestrahlten ersten Folge ist sie die Kommissarin Maryam Azadi im Tatort des Hessischen Rundfunks.
Edin Hasanović wurde 1993 in Bosnien-Herzegowina geboren und ist in Berlin aufgewachsen. International bekannt wurde er 2022 durch seine Rolle im mit vier Oscars prämierten Netflix-Welterfolg Im Westen nichts Neues. Er moderierte den Deutschen Fernsehpreis und hatte 2024 – 2025 eine eigene Late-Night-Show auf ZDF Neo. Als Kommissar Hamza Kulina ermittelt er mit Melika Foroutan ungeklärte Kriminalfälle im Tatort, sogenannte Cold Cases.