iraner erzählen: „Meine Mutter schläft jetzt in ihrem Auto“

Saleh Ahmadi trägt einen Trauerbart, weil sein Onkel, ein Mitglied der iranischen Revolutionsgarde, von Israel getötet wurde. „40 Tage lang werde ich mich nicht rasieren“, sagt der Busfahrer aus Teheran. Ahmadi ist mit seinem Bus am frühen Morgen in Istanbul angekommen. Zwei Tage hat die Fahrt aus der iranischen Hauptstadt in die 2400 Kilometer entfernte türkische Metropole gedauert. Einmal wöchentlich fährt er hin und zurück. Jetzt stehen er und sein Kollege auf einem Parkplatz und räumen den Müll weg, den die Fahrgäste hinterlassen haben.

Ahmadi, der eigentlich anders heißt, erzählt von seiner Mutter. Sie schläft jetzt in ihrem Auto, so wie die meisten ihrer Nachbarn. Sie haben ihre Wohnanlage verlassen, weil sie neben einem Militärstützpunkt liegt und bombardiert werden könnte. Manche der Nachbarn sind in umliegende Dörfer gezogen. Andere, die keinen Ausweg wissen, sind in den halb verwaisten Häusern zurückgeblieben. Von etwa 500 Familien auf der Anlage seien noch etwa 40 übrig, sagt Ahmadi und bietet seinem Gast eine Zigarette und einen Pappbecher mit iranischem Tee an.

Der Busfahrer hat beobachtet, dass auch viele Polizisten in Teheran sich in ihre Autos geflüchtet haben. Sie würden hundert Meter von ihren Polizeistationen entfernt parken. Dort würden sie jeweils nur zwei Wachhabende zurücklassen. Meistens die Jungen. „Das sind auch Menschen, die haben Angst“, sagt er. Israel hat zuletzt auch immer wieder Kontrollposten der Freiwilligenmiliz Basidsch mit Drohnen ins Visier genommen. Das erhöht die Gefahr ziviler Opfer. „Die Leute versuchen, die Straßensperren so schnell wie möglich zu passieren.“ Die vermehrten Kontrollen seien dazu da, die Bevölkerung einzuschüchtern, um einen Volksaufstand zu verhindern, glaubt Ahmadi.

„Als wenn sich der Boden unter meinen Füßen öffnet“

Die Basidsch hätten ihre Straßensperren jetzt unter Brücken verlegt, um nicht so leicht getroffen zu werden. Er selbst hat einen solchen Angriff aus einem Kilometer Entfernung miterlebt. „Es fühlte sich an, als wenn sich der Boden unter meinen Füßen öffnet.“ Der Busfahrer ist überzeugt, dass es Iraner gibt, die Israel die Koordinaten der Straßensperren mitteilen. „Sie machen es für Geld.“ Er verweist auch auf das Kopfgeld, das die Vereinigten Staaten auf bestimmte iranische Führer ausgesetzt haben. Die Familien der Basidsch hätten jetzt auch Angst vor dem Hass der Iraner und würden sich weniger auf die Straße trauen.

Ahmadi ist sich unsicher, wie er die Lage einschätzen soll. Im Staatsfernsehen würden sie das eine sagen, im Exilsender Iran International das Gegenteil. Ganz Teheran sei plakatiert mit Postern des neuen Obersten Führers Modschtaba Khamenei, aber es gebe Gerüchte, wonach er tot sei. Die eine Hälfte der Bevölkerung hoffe, dass der Krieg schnell ende. Die anderen hofften, dass er so lange weitergehe, bis das Regime stürze und der frühere Kronprinz Reza Pahlavi zurückkehre.

„Wir versuchen, die Hoffnung nicht zu verlieren“, sagt Ahmadi und meint damit das Ende des Regimes. Es gebe aber viele Leute, die Khameneis Regime unterstützten. Zum Beispiel die Kriegswitwen, die Rente bekämen und Rache verlangten. Das Gespräch in dem Bus findet am Freitag statt, dem Tag, an dem das persische Neujahr begonnen hat. „Niemandem ist nach Feiern zumute“, sagt Ahmadi.

„Aus Laridschani wurde Kotelett gemacht“

Am anderen Ende von Istanbul ist das etwas anders. Im Stadtteil Esenyurt heißen manche Straßen im Volksmund „Klein Iran“, weil die meisten Restaurants, Geschäfte und Friseurläden Iranern gehören. In einer Shishabar steht ein DJ am Mischpult und zählt um 18.15 Uhr Ortszeit die Sekunden bis zum neuen Jahr herunter. Frauen in engen Glitzerkleidern mit hochhackigen Schuhen stehen auf der Bühne. Am Eingang ist ein Tisch mit den „Haft Sin“ aufgebaut, den sieben Elementen, die mit „S“ anfangen und Glück bringen sollen, wie Knoblauch, Äpfel und Weißensprossen. Die grünen Sprossen und Goldfische sind in der ganzen Nachbarschaft ausverkauft.

Dann legt der DJ sein Lieblingslied auf. Es heißt „Laridschani“, wie der Sicherheitsratschef, der vergangene Woche getötet wurde. „Oh, wow, Laridschani“, heißt es im Text. „Habt ihr gehört, was mit Laridschani passiert ist? Aus ihm wurde Kotelett gemacht.“ Eine Frau erklärt: „Der Tod dieser Leute macht die Menschen optimistisch.“ Die Tochter des DJs ist auf dem Weg aus Teheran nach Istanbul. Sie wollte bei der Party dabei sein, wurde aber durch einen Luftangriff in der Nähe der Grenze aufgehalten.

Manche der Gäste bekommen Anrufe von ihren Familien aus Teheran. Es sind kurze Gespräche. „Sie sagen nicht viel am Telefon“, sagt eine Frau, die eine Schneiderei in Esenyurt betreibt. „Sie sind verwirrt, weil sie dachten, der Krieg würde schnell vorbeigehen.“ Gewöhnlich wird vor dem neuen Jahr das Haus geputzt. Putzfrauen sind normalerweise Wochen im Voraus ausgebucht. Jetzt putzen die Leute selbst.

Noch etwas ist in diesem Jahr anders: In den vergangenen 37 Jahren hat der Oberste Führer Ali Khamenei die Neujahrsansprache gehalten. Von seinem Sohn und Nachfolger Modschtaba wird nur ein Text verbreitet. Er gibt dem neuen Jahr wie üblich einen Namen: „Jahr der Widerstandswirtschaft, der nationalen Einheit und der nationalen Sicherheit.“ Die Iraner auf der Party scherzen, an dem Namen könne man immer erkennen, was im neuen Jahr nicht in Erfüllung gehe.

Source: faz.net